Wer Katastrophen überlebt und warum
Wenn man weiß, was sein kann, dann sind die Chancen bedeutend höher, dass man auch eine Katstrophe überleben kann. Davon ist die Journalistin Amanda Ripley überzeugt; sie ist beim "Time Magazine" für Risiko und innere Sicherheit zuständig.
Denkt man an Unfälle und Katastrophen, so hat man schnell Massenhysterie, Panik und die Unausweichlichkeit des Todes vor Augen. Und professionelle Helfer, die versuchen, Überlebende zu retten. Diese Vorstellungen stimmen mit der Realität nicht unbedingt überein, stellt Amanda Ripley fest.
1992 zum Beispiel kam es in Guadalajara, der zweitgrößten Stadt Mexikos, durch ein Leck einer Gasleitung zu einer Reihe von Explosionen. Fast 5.000 Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht und fast 300 Menschen starben. Die mexikanische Armee wurde herbeigeordert und Rettungstrupps aus Kalifornien eilten zu Hilfe.
Aber als Erste, noch bevor die Rettungsmannschaften eintrafen, waren ganz normale Bürger zur Stelle und retteten einander. Diese Menschen vollbrachten Unglaubliches. Sie bargen Überlebende mit Hilfe von Wagenhebern aus den Trümmern. Mit Gartenschläuchen pumpten sie Luft in Kammern, in denen Verschüttete lagen. Das alles geschah in den ersten zwei Stunden. Danach wurden nur noch sehr wenige Überlebende geborgen.
Wenn die Katastrophe eintritt, ist der Tod ist nicht unausweichlich. Selbst bei Flugzeugunfällen. 56 Prozent aller Reisenden, die zwischen 1983 und 2000 in ernste Flugzeugunglücke verwickelt waren, überlebten diese. Ob man stirbt oder nicht, hängt oft vom Verhalten des Einzelnen ab.
In den späten 1990er Jahren führte die US-Regierung eine Befragung unter 457 Passagieren durch, die schwere Flugzeugunfälle überlebt hatten. Die Mehrzahl gab an, dass sie bessere Sicherheitsinformationen zu Beginn des Fluges gebraucht hätten und dass sie die Informationen, die sie bekommen hatten, nicht verstehen konnte. Denn die Fluglinien vermeiden es, ihren Kunden mitzuteilen, warum sie gewisse Dinge tun sollen und andere nicht. Warum zum Beispiel soll man sich zuerst selbst die Sauerstoffmaske über Mund und Nase zu ziehen und erst dann Mitreisenden helfen?
Stellen Sie sich vor, man würde Ihnen sagen, dass Sie im Falle eines Druckverlustes in der Kabine nur zehn bis 15 Sekunden Zeit hätten, bevor Sie das Bewusstsein verlieren. Aha! Dann würden Sie verstehen, warum Sie Ihre eigene Maske zuerst anlegen sollten. Auf einmal würde sich diese Anweisung wie gesunder Menschenverstand anhören.
Warum aber geben Fluggesellschaften keine genaueren Anweisungen, wie man einen Unfall am besten überleben kann? Piloten und Flugbegleiter wollen die Passagiere nicht verschrecken und lassen sie deswegen im Ungewissen, auch wenn die Katastrophe sich abzeichnet. Und das ist ein schwerer Fehler. Denn gut vorbereitete Menschen überleben Unfälle häufiger als jene, die nie zuvor den Ernstfall geprobt haben.
Drei Phasen durchläuft jeder Mensch, wenn er mit dem Unvorstellbaren konfrontiert ist, so Amanda Ripley. Die erste ist die der Verleugnung. Lachen oder Schweigen sind ebenso klassische Symptome dafür wie Zögern. Die Überlebenden der Anschläge vom 11. September 2001 warteten im Schnitt sechs Minuten, bevor sie sich auf den Weg nach draußen machten, manche sogar eine dreiviertel Stunde.
Die zweite Phase ist die des Überlegens. Die Betroffenen erkennen, dass etwas schief läuft, aber sie wissen nicht, was sie dagegen tun können. Viele sind von ihrer Furcht gelähmt.
Das Gehirn muss entscheiden, was Vorrang hat und worauf man verzichten kann. Unsere Muskeln spannen sich an und machen sich bereit. Aber unsere Fähigkeit, klar zu denken und die Umgebung detailliert wahrzunehmen, nimmt ab. Das Kortisol behindert den Teil des Gehirns, der das komplexe Denken steuert. Plötzlich haben wir Schwierigkeiten, Probleme zu lösen, sogar einfache, wie eine Schwimmweste anlegen oder einen Gurt zu lösen. All unsere Sinne sind von Grund auf verändert. Manche Menschen im World Trade Center sind sogar kurzfristig erblindet.
Dann kommt die dritte Phase und sie ist die entscheidende. Nach dem Verleugnen und dem Überlegen muss gehandelt werden. Und hier wird es schwierig, denn die meisten Menschen neigen dazu, bei einer Katastrophe komplett abzuschalten. Sie verfallen nicht in Panik, sondern sie erschlaffen regelrecht und nehmen nichts mehr wahr.
In "Survive" hat die Journalistin Amanda Ripley ihre Erfahrungen mit Katastrophen niedergeschrieben. Intensiv hat sie sich mit Überlebenden der Anschläge auf das World Trade Center auseinandergesetzt, genau hat sie das Verhalten jener studiert, die im August 2005 nicht vor dem Hurrikan Katrina aus New Orleans geflüchtet sind.
"Survive" ist kein Handbuch, was man im Krisenfall tun soll, aber nach der Lektüre versteht man, warum Menschen in Notfällen so handeln, wie sie handeln. Und warum es doch besser ist, beim nächsten Flug den Sicherheitsanweisungen des Flugpersonals aufmerksam zu folgen.
Text: Gerhard Pretting · 10.12.2009
Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr
Buch-Tipp
Amanda Ripley, "Survive: Katastrophen. Wer sie überlebt und warum", aus dem Amerikanischen übersetzt von Katy Albrecht, Scherz Verlag