Kein Ende der Evolution
Das Darwin-Jahr neigt sich dem Ende zu - ganz ohne offizielle Bilanz. Die Summe der Veranstaltungen rund um den 200. Geburtstag von Charles Darwin habe jedenfalls ihrem Fachgebiet eine breitere Aufmerksamkeit eingetragen, freuen sich Evolutionsbiologen.
Das Darwin-Jahr 2009 neigt sich dem Ende zu. Eine offizielle Bilanz gibt es keine. Auch empirisch werden sich die Auswirkungen der diversen Events rund um den 200. Geburtstag von Charles Darwin nicht messen lassen - eine Nachfolgestudie jener im März präsentierten Umfrage über die Einstellung der Österreicher zur Evolution ist laut Wissenschaftsministerium nicht geplant.
Aus der scientific community werden dennoch konkrete Erfolge gemeldet, die ohne Darwin-Jahr nicht möglich gewesen wären, etwa die Initiative "EvolVienna".

Über 40 Arbeitsgruppen aus dem Gebiet der Evolutionsforschung haben sich beim Gründungstreffen am 24. November 2009, also genau 150 Jahre nach dem Erscheinen von Charles Darwins epochalen Werk "The Origin of Species", zusammengefunden.
In und um Wien ist in den vergangenen Jahren still und leise ein Schwerpunkt der Evolutions-Forschung entstanden, der in Europa seinesgleichen sucht. Das hat für den Evolutionsbiologen Joachim Hermisson verschiedene Ursachen. Einerseits verweist der Wissenschafter auf die "traditionelle Stärke" Wiens auf diesem Gebiet und nennt als Beispiele den Chemiker Peter Schuster, den Mathematiker Karl Sigmund oder den verstorbenen Biologen Rupert Riedl. Dazu sei in den vergangenen Jahren "ein Schub neuer Leute" aus der ganzen Bandbreite der Evolutionsforschung nach Wien gekommen, was einen "selbstverstärkenden Effekt" gehabt habe: "Wenn schon eine Reihe guter Leute da ist, wird es attraktiver für andere, dazuzukommen", so Hermisson.
Die bei der Initiative beteiligten Institutionen reichen von der Uni Wien, die alleine mit mehr als 20 Arbeitsgruppen von der Biologie über die Chemie bis zur Mathematik vertreten ist, über die Akademie der Wissenschaften bis zum Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg oder dem Institute of Science and Technology (IST) Austria. Gleich ob auf molekularer oder organismischer Ebene, gleich ob Chemiker oder Mathematiker - allen gemein ist "eine gewisse Sichtweise auf die Biologie - nicht nur Dinge zu beschreiben, die man in der Natur findet, sondern auch zu fragen, warum ist das so und wie ist es dazu gekommen", so Hermisson.
Eine österreichweit zentrale Organisation der Veranstaltungen rund um Darwins Geburtstag und den 150. Jahrestag des Erscheinens seines epochalen Werks "Über die Entstehung der Arten ..." gab es nicht. In Wien hat die Stadt eine Agentur mit einer Initiative zum Darwin-Jahr beauftragt, Ergebnis waren eine Homepage sowie 17 Veranstaltungen zum Thema. Dabei wurden rund 12.000 Interessierte gezählt, die Website hatte bis zu 4.000 Besucher pro Tag, erklärte Helmut Strutzmann von der Agentur Multiart gegenüber der APA. Nicht dazu gezählt wurden die Besucher der noch bis April laufenden Ausstellung "Darwins rEvolution" im Naturhistorischen Museum.
Im Rahmen des Darwin-Jahres findet von 23. bis 26. Februar 2010 an der Uni Wien noch das Symposium "Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube" statt. "Spannend" findet es Strutzmann, dass es gelungen sei, das Thema Evolution "in breitem Diskurs zu halten".
Das Interesse ging aber durchaus über den Kreis der ohnedies mit der Materie befassten Wissenschafter hinaus: Joachim Hermisson etwa hat nach eigenen Angaben an zahlreichen Veranstaltungen an Schulen oder in Kirchengemeinden teilgenommen, in der katholischen Kirche ortet er "Bewegung". Aber auch völlig fachfremd erscheinende Einrichtungen entwickelten plötzlich ein Faible für das Thema Evolution: Hermisson war etwa beim großen IBM-Jahressymposium in Wien eingeladen, das Eröffnungsreferat zu einem Evolutionsthema halten. Wichtig ist für den Forscher jedenfalls, dass das Darwin-Jahr keine Eintagsfliege bleibt und die Aktivitäten den Weg in den Alltag finden. "Es braucht weiter die Kommunikation in andere Gesellschaftsschichten hinein."
Ö1 hat dem Thema einen eigenen Schwerpunkt gewidmet.
29.12.2009
Links
Charles-Darwin-Jahr
Universität Wien - EvolVienna