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Kultur

Im Sitzen läuft es sich besser davon

Altern mit Humor

Die meisten der sechs Erzählungen von Alois Hotschnigs Buch umkreisen einen ernsten Themenkomplex: Altern, Hinfälligwerden, Gebrechlichsein, Demenz - nicht gerade Sujets, die zum Lachen reizen. Dennoch ist gerade der Humor dem Autor ein Anliegen.

Einen Lorbeer hat Alois Hotschnig mit seinem Erzählband schon errungen: Mit dem Titel "Im Sitzen läuft es sich besser davon" hat es der 50-Jährige auf die Longlist für den Contest um den "Kuriosesten Buchtitel 2009" geschafft. Dort rangiert der Titel des neuen Hotschnig neben Perlen deutscher Titelfindungskunst wie "Gestatten Bestatter! Bei uns liegen Sie richtig" oder "Entschuldigung, sind Sie die Wurst?"

Was empfindet Alois Hotschnig angesichts dieser Auszeichnung? Ist sie ihm peinlich? "Wenn Sie mich fragen, ob ich Schwierigkeiten damit habe, als Verfasser skurriler Texte dargestellt zu werden, dann habe ich die nicht", entgegnet Hotschnig. "Wenn es denn ein Vorhalt wäre, dann wäre es so, als würde man einem Kabarettprogramm vorwerfen, komisch zu sein."

Und darum geht es auch Hotschnig - für manche gewiss überraschend - in seinem neuen Erzählband: komisch zu sein. Ein ambitionierter Vorsatz, denn die meisten der sechs Erzählungen dieses Bandes umkreisen einen durchaus ernsten Themenkomplex: Altern, Hinfälligwerden, Gebrechlichsein, Demenz, nicht gerade Sujets, die für humoristische Extravaganzen prädestiniert scheinen.

Das Surreale der Normalität

Alois Hotschnig gelingt es in seinen doppel- und dreifachbödigen Texten – Texten von extremer Künstlichkeit, wie man sagen muss -, dennoch, auch aus einem so ernsten Thema wie der menschlichen Hinfälligkeit komische Funken zu schlagen. So heißt es in dem Text "Etwas verändert sich":

Stimme 1: "Ich soll mich umgebracht haben? Das hätte mir meine Ärztin aber gesagt. Warum soll ich das denn getan haben, Klaus?
Stimme 2: "Ich kann dir das doch nicht sagen, Ludwig. Du hast dich umgebracht. Du wirst deine Gründe gehabt haben. Es heißt, du hast dich erschossen."
Stimme 1: "Ich habe mich erschossen. Das erklärt, warum sich keiner mehr blicken lässt.


"Wenn man an das Wort Demenz nur denkt, dann ist natürlich der Gedanke ans Absurde und ans Surreale eine gegebene Normalität", meint Hotschnig. "Und um dieses Aufbrechen von sogenannter Normalität in eine gewisse Verrücktheit hinein geht es mir, in diesen Bereichen spielen meine Texte."

Leben vor der Grenze

In der ersten Erzählung des Bandes zum Beispiel erzählt Alois Hotschnig von einem Hund namens Karl, der über die sonderbare Gabe verfügt, Menschen von ihren Krankheiten zu heilen, indem er sie beißt. Im Mittelpunkt der anderen Erzählungen stehen vorwiegend alte Leute, hinfällig, konfus, etwas verwirrt, in bizarre Dialoge über den Menüplan von "Essen auf Rädern" oder verlorengegangene Körperteile vertieft.

"Bitte entschuldigen Sie, aber hätten Sie vielleicht irgendwo einen Zahn gesehen? Er hat sich selbstständig gemacht und ist auf und davon. Beim Frühstück hier am Tisch habe ich ihn noch gehabt."

"Altwerden und Sterben ist ein Thema, mit dem ich mich seit meinen ersten Texten beschäftige", so Hotschnig. "Eigentlich aber geht es mir in jedem Text nicht um diese endgültige Grenze, sondern um das Leben davor. Das Leben ist ein Wartesaal, und dieser Wartesaal ist für mich mit der Möglichkeit mehrerer Türen bestückt. In diesem Wartesaal kann man die Türen öffnen und schließen, und man kann hinhören, nicht nur auf die eigene Geschichte, sondern auch auf die Geschichte der anderen, die rund um einen in diesem Wartesaal gleichzeitig existieren."

Kauzig, grotesk, absurd

Hotschnig hat intensiv recherchiert für sein Buch: Monatelang ist er in den Warteräumen diverser Ärzte gesessen und hat die Gespräche der Patientinnen und Patienten belauscht. "Die Voraussetzung, das überhaupt machen zu können, war natürlich nur, was ich bei jedem Text mache, mich ins Milieu nicht nur hineinzubegeben, sondern mich in dieses Milieu nach Möglichkeit zu verwandeln."

Und so operiert Alois Hotschnig exzessiv mit direkter Rede in seinen Texten, einige Geschichten kommen als reine Dialoge daher, kauzige, groteske, absurde Dialoge zwischen Demenzkranken.

War es für den Autor schwer, sich in die Gedankenwelt dementer Menschen zu versetzen? "Diese Gedanken habe in Wahrheit immer ich selbst schon von Anfang an gehabt", sagt Hotschnig. "Ich trage ja seit 30 Jahren ein Diktiergerät mit mir herum und notiere diese skurrilen Sätze dann. Viele dieser Sätze entstehen auch durch Verhören: Jemand sagt etwas, und ich verhöre es, weil ich vielleicht nicht gut höre oder in einem Schreibprozess drin bin, oder weil ich selber schon von vornherein eine Neigung zur Demenz habe. Nur: Noch bekomme ich's mit, und deshalb genieße ich diese Sätze."

Alois Hotschnigs Texte kommen surreal-leichtfüßig daher, als "leichte Lektüre" wird man sie dennoch nicht bezeichnen dürfen. Zum einen des Themas, zum anderen des strangen Humors wegen, den der Autor da immer wieder pflegt. Wer allerdings einen Sinn hat für Absonderlichkeiten und Kauzereien der eher surrealen Art, wird mit dem schmalen Bändchen zwei, drei amüsante Lesestunden verbringen.

Gestaltung: Günter Kaindlstorfer · 03.01.2010

Hör-Tipp
Ex libris, jeden Sonntag, 18:15 Uhr

Buch-Tipp
Alois Hotschnig, "Im Sitzen läuft es sich besser davon", Erzählungen, Kiepenheuer und Witsch

Link
Kiepenheuer und Witsch - Im Sitzen läuft es sich besser davon

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