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Die Kultur des Versagens

Die Geburt des Neuen aus dem Scheitern

Während Code-Fehler als bedrohlich angesehen werden, zelebriert die IT-Industrie Versagen gleichzeitig als Teil ihres Erfolgsrezepts. Im Silicon Valley werden Misserfolge als Lernprozesse angesehen und in eigenen Fail-Conferences präsentiert.

Das kalifornische Silicon Valley ist für seine Erfolgsgeschichten bekannt. Google, Apple, Sun, HP und zahllose weitere Firmen wurden allesamt ein paar Meilen südlich von San Francisco gegründet. Noch heute pilgern Firmengründer aus der ganzen Welt ins Valley, um sich vom Erfolg der US-Internet-Wirtschaft inspirieren zu lassen.

Um so überraschender ist es, dass derzeit in der kalifornischen Gründerszene ganz andere Werte zelebriert werden. Anstatt sich die ewig geichen Binsenweiseheiten zum Erfolg in der IT-Welt anzuhören, trifft man sich lieber auf Kongressen und Networking-Veranstaltungen, um übers Scheitern zu reden.

Im vergangenen Oktober fand in San Francisco die erste Failcon-Konferenz statt, die sich komplett dem Misserfolg verschrieben hatte. Fast 400 Besucher hörten sich dort einen Tag lang an, was man alles falsch machen kann und woran Vordenker der Branche in ihren Anfangsjahren scheiterten.

Die Veranstaltung war so erfolgreich, dass die Organisatorin Cassie Phillipps bereits am Programm für einen Nachfolger im kommenden Herbst feilt. "Ich war es einfach leid, dass Leute auf Konferenzen immer nur mit ihren Erfolgen angaben," so Phillipps zu ihrer Motivation für Failcon. In vielen Fällen könnten Anfänger von solchen Selbstbeweihräucherungen überhaupt nichts lernen, glaubt Phillipps. "Viele Erfolge beruhen einfach nur auf Glück," so ihre Einschätzung.

Aus Versagen wird Fail

Konferenzen über das Scheitern sind nicht das einzige Indiz dafür, dass es unter Internet-Unternehmern und Nutzern gleichermaßen einen Wertewandel gibt. Scheitern spielt online eine immer größere Rolle, was man auch daran merkt, dass es mittlerweile sogar ein eigenes Netzslang-Wort für das Versagen gibt: Fail.

Der Netzkulturexperte Jamie Wilkinson weiß zu berichten, dass Fail seinen Ursprung in einem Achtziger-Jahre Computerspiel hat. "Das Spiel wurde von jemandem mit mangelhaften Englisch-Kenntnissen vom Japanischen ins Englische übersetzt," so Wilkinson, und Verlierern wurde am Ende des Spiels in klobigem Englisch erklärt, dass sie versagt haben: "You fail it."

Netznutzer waren von diesem grammatikalischen Unsinn so begeistert, dass sie es als Redewendung aufnahmen und schließlich zu Fail verkürzten.

Jeder kann einmal scheitern

Heute finden sich im Netz eine ganze Reihe von Blogs, die mit Fotos und Videos Fälle des Versagens dokumentieren, die das Label Fail verdient haben: Autos, die versehentlich im Hotelpool geparkt wurden, Vogel-Verbotsschilder mit ignorant darauf sitzendem Federvieh und Containerschiffe, deren Ladung wie ein überdimensionales Domino-Spiel umkippte.

Das Fail-Phänomen gleicht auf den ersten Blick dem Humor von Fernsehsendungen wie Pleiten, Pech und Pannen. Bemerkenswert ist daran jedoch, dass sich Netznutzer mit Fail auch hemmungslos über Mächtige lustig machen. Auch die eigenen Fehler werden dabei nicht ignoriert. So geben zahllose Twitter-Nutzer unter dem Stichwort Fail Tag für Tag preis, woran sie grad so gescheitert sind.

Bankrotte Banken machen Scheitern attraktiv

Doch woran liegt es, dass die sonst so auf Erfolge fokussierte Netzszene im Silicon Valley und auf Twitter plötzlich das Versagen zelebriert. Der in San Francisco lebende Internet-Unternehmer Max Levchin glaubt, dass derartige Trends mit der Wirtschaftskrise zu tun haben.

"Die Grundfesten der US-Ökonomie haben in den letzten Jahren eine nach der anderen versagt", so Levchin. "Vielleicht ist es einfach nur eine landesweite Katharsis: Auch wenn wir von Versagen umgeben sind, ist es okay."

28.03.2010

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