Die empathische Zivilisation

Die Fähigkeit zur Empathie ist für den amerikanischen Soziologen Jeremy Rifkin ein zentrales Wesensmerkmal des Menschen. Wie sehr Empathie auch eine Triebfeder in der Entwicklung der Menschheit ist, versucht er in seinem neuen Buch nachzuzeichnen.

Empathie - der Begriff als solcher ist, wie Jeremy Rifkin am Beginn seines Buches darlegt, erst etwas mehr als 100 Jahre alt. Er geht zurück auf den deutschen Kunsthistoriker Robert Vischer, der 1873 im Zusammenhang mit Ästhetik von "Einfühlung" sprach. Von dort übernahm der Philosoph Wilhelm Dilthey den Begriff und wandte ihn auf die geistigen Vorgänge im Menschen selbst an. 1909 schließlich versuchte der amerikanische Psychologe Edward B. Titchener den deutschen Begriff "Einfühlung" ins Englische zu übersetzen und wählte dabei den Begriff Empathie.

Wie Jeremy Rifkin in seinem Buch ausführt, ist die Fähigkeit der Menschen, "miteinander zu fühlen" und "sich im anderen zu finden" allerdings bedeutend älter ist, ja sie gehört für Rifkin sogar zur Grundausstattung des Menschen und sogar auch anderer Primaten.

Hinweise und Meilensteine

Unsere offiziellen Chronisten haben der Empathie als treibender Kraft hinter dem Lauf der Geschichte bisher wenig Beachtung geschenkt. Historiker schreiben im Allgemeinen über soziale Unruhen und Kriege, Heldentaten und Schurkenstreiche, technologischen Fortschritt und die Ausübung von Macht, ökonomische Ungerechtigkeiten und die Schlichtung gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Nur selten hören wir von der anderen Seite der menschlichen Erfahrungswelt, die unser zutiefst soziales Wesen, unser zunehmendes Einfühlungsvermögen und dessen Einfluss auf Kultur und Gesellschaft anspricht.

Genau diese andere Seite zu zeigen und gewissermaßen eine Weltgeschichte der Empathie zu schreiben, ist die erklärte Absicht von Rifkin. Und so zeichnet er auf und nach, was sich diesbezüglich seit den Ursprüngen der Menschheit an Hinweisen und Fakten und Meilensteinen finden lässt. Einer dieser Meilensteine etwa ist die Entstehung und Bildung der Nationalstaaten.

Der radikale Wandel hin zu modernen Nationalstaaten sorgte für eine tiefgreifende psychische Neuorientierung der Staatsbürger. Bald sah der Einzelne sich als Engländer, Franzose oder Amerikaner und begann, emotionale Gemeinsamkeiten mit seinen Landsleuten zu finden. Welche Mängel die Nationalstaaten auch aufweisen mochten, sie wurden - unbeabsichtigt - doch zu Brutstätten einer enormen Ausweitung der Empathie. Der lautstarke Patriotismus zog zwar eine klare Trennlinie zwischen "wir" und "sie", bewirkte aber empathische Gefühle innerhalb der nationalen Grenzen für alle "gleich gesinnten" Bürger, die nun in einer gemeinsamen Geschichte und einem gemeinsamen Schicksal vereint zu sein glaubten.

Entwicklung eines Ich-Bewusstseins

Geschichte ist für Rifkin immer auch Geistesgeschichte bzw. die Geschichte der Entwicklung des menschlichen Geistes. Die Entwicklung der empathischen Fähigkeiten ist eng an die Herausbildung des Individuums aus dem Kollektiv und die Entwicklung eines Ich-Bewusstseins gekoppelt. Eine entscheidende Rolle bei dieser Entwicklung spielt für Rifkin dabei die literarische Gattung des Romans, in der diese Ablösung des Individuums von den kollektiven Mythen und Epen früherer Zeiten deutlich ablesbar ist.

Im Laufe der vergangenen vier Jahrhunderte lotete der Roman als literarische Gattung die menschliche Psyche immer tiefer aus - von dem recht dünnen Porträt Don Quijotes bis hin zur nuancierten Charakterzeichnung Raskolnikows in Dostojewskis "Schuld und Sühne". Die Protagonisten wurden immer individueller, realistischer und komplexer und spiegelten das wachsende Selbstbewusstsein der jeweiligen Lesergeneration wider. Umgekehrt half der Roman den Lesern, sich ihrer selbst bewusster zu werden, indem sie stellvertretend das Leben fiktiver Figuren erlebten. Er öffnete sukzessive die Schleusen menschlicher Gefühle, sodass Millionen Menschen ganz neue Wirklichkeitsbereiche erkunden und die Empathie in einem bis dahin ungekannten Maße ausweiten konnten.

Kein Happy-End in Sicht

In der Gegenwart rücken die Menschen durch Globalisierung und moderne Kommunikationsmittel, allen voran das Internet und soziale Netzwerke, immer enger zusammen und entwickeln auf diese Art für Rifkin zwangsläufig ein höheres Maß an Empathie für die anderen Menschen, mit denen sie vernetzt sind. Ja, mehr noch: Der zeitgenössische Mensch dehnt seine Empathie sogar auf andere Arten, auf Tiere und Pflanzen aus. Allerdings steuert die Entwicklung der Menschheit und des Planeten und auch das Buch von Jeremy Rifkin an dieser Stelle nicht auf das große Happy-End zu. Im Gegenteil:

Die Ironie der Geschichte ist, dass sich unser wachsendes empathisches Bewusstsein überhaupt erst durch die immer größere Ausbeutung der irdischen Energiequellen und anderer verfügbarer Ressourcen und auf Kosten der Gesundheit unseres Planeten hat herausbilden können. Die entscheidende Frage, mit der sich die Menschheit konfrontiert sieht, lautet: Wird globale Empathie rechtzeitig erreicht sein, um den Zusammenbruch der Zivilisation abzuwenden und den Planeten zu retten?

Eine Antwort auf diese Frage bleibt Rifkin in seinem Buch allerdings schuldig. Und diese allzu dramatische Zuspitzung - "Zusammenbruch der Zivilisation, Rettung des Planeten" - mag ein gelungener erzähltechnischer Kunstgriff sein, um die Nerven der Leser ein wenig zu kitzeln und die Bedeutungsschwere der im Buch dargelegten Inhalte zu betonen. Dennoch nimmt es Rifkins Ausführungen doch an Seriosität.

Sinn für Entertainment

Nicht sonderlich seriös, sondern mehr flamboyant sind auch so manche Kapitel- und Zwischenüberschriften, die Rifkin wählt: "Selbstinszenierungen in einer Improvisationsgesellschaft", "Biosphärenbewusstsein in einer Klimaxweltwirtschaft" oder "Sechs Schritte zur globalen Empathie". Diese Art von Wortgeklingel kennt man auch von Trendforschern, denen es ja auch darum geht, in Anbetracht von verwirrend vielfältigen Entwicklungen sinnvolle Zusammenhänge herauszuarbeiten und Sinn stiftende Erklärungsmodelle zu formulieren. Und zwar durchaus mit einem Sinn für Entertainment.

Auch Rifkins Buch ist in dieser Tradition der Trendforschung zu sehen. "Die empathische Zivilisation" ist kein wissenschaftliches Buch, auch wenn Rifkin immer wieder auf wissenschaftliche Erkenntnisse und Experimente Bezug nimmt. Es ist populärwissenschaftlich und spekulativ, zugleich aber informativ und unterhaltsam geschrieben. Und noch eines muss man Rifkin zu Gute halten: Er beweist Mut, denn eine große Erzählung und Groß-Theorie, wie er sie mit seinem Buch vorlegt, hat man in unserer fragmentierten Gegenwart und seit der Postmoderne kaum mehr gelesen.

Service

Jeremy Rifkin, "Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein", aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Bischoff, Waltraud Götting und Xenia Osthelder, Campus Verlag