von Elodie Pascal

Mein Körper ist ein Schlachtfeld

Elodie Pascal hat vier junge Frauen vors Mikrofon geholt, damit sie über ihre Selbstverstümmelungen sprechen. Sie beschreibt in diesem Stück den Drang zur Selbstverletzung sehr authentisch, und sie scheut sich nicht vor autobiografischen Hinweisen.

"Schwer in Worte zu fassen."

Ich sehe nur den Acker, den ich entlang laufe
nur den Horizont, nur die Ferne
nur die untergehende Sonne, nur deine Bewegungen
nur das Laufen, das endlose Laufen.
Immer weiter - ohne Ende
Dieses Laufen, wo keiner ist.
Der Schweiß, der über den Körper läuft, die Ruhe danach.
Das Malen an die Wand
Das Besprengen der Wand mit Farbe
Das Komponieren von Bildern
von Wunden, von Noten, von Träumen
von Melodien, von Details

Das Ritzen von Worten in Papier
Ich sprenge mich auf das weiße Blatt.


Mit diesen Sätzen endet Elodie Pascals Hörspiel "Mein Körper ist ein Schlachtfeld". Sie hat dafür vier junge Frauen vors Mikrofon geholt, damit sie über ihre Selbstverstümmelungen sprechen. Elodie Pascal beschreibt das Phänomen, den Drang, sich selbst zu verletzen, in diesem Stück sehr authentisch, und sie scheut sich nicht vor autobiografischen Hinweisen. Mit vierzehn betrachtete sie ein Pizzamesser, dann folgten die ersten Schnitte auf ihrer Haut, an den Oberarmen, an den Unterschenkeln. Saubere Striche, die auf ihrem Körper eingetragen wurden, hingeschrieben, zu Narben geworden.

Körper als Ausgangspunkt

Pascal lässt ihre vier Gesprächspartnerinnen sehr genau und eindringlich erzählen, wie die Selbstverletzungen ablaufen, wie das Ritual dahinter aussieht, wie sie sich darauf vorbereiten und welche Accessoires nötig sind. Aus den Interviews ist schließlich ein Stück entstanden, das messerscharf das Warum, das Was, das Wie, das Wann nachzuzeichnen versucht, fast wie der Schnitt mit der Rasierklinge, die über die Haut fährt und sie spaltet.

"Mein Körper ist ein Schlachtfeld" ist der Beweis dafür, dass Hörspiel sehr körperlich werden kann. Die Gefühle, die sich aufstauen, bevor die Schnitte gesetzt werden. Die Vorbereitungen, die getroffen werden, wie die Desinfektionsmittel und Tupfer, um die zugefügten Wunden zu versorgen, hingestellt werden. Und immer ist der Körper der Ausgangsort der Gespräche und Reflexionen über Selbstverletzung.

Gefühle und Kämpfe

Und er ist zugleich der Austragungsort der inneren Schlachten. Die Protagonistinnen berichten sehr klar und unmissverständlich von den Emotionen, die vor, während und nach dem "Akt" in ihnen ablaufen. In den Gesprächen ist die Rede von Erstickungs- und Entspannungsgefühlen, von inneren Freuden und Kämpfen. Der Körper wird zum Schlachtfeld, er wird verziert, geschnitten, gerahmt, gemeißelt, geformt. Nicht weil es weh tut, sondern weil es gut tut. "Es ist nicht wie Sex, aber es ist zu spüren wie Sex", erzählt eine von Pascals Gesprächspartnerinnen einmal. Und sie spricht auch über Entspannung und über die Scham, nachdem sie getan hat, was sie tun musste. Die Auswahl der Schnittstellen, das Verdecken derselben. Und der Grund für das alles ist "Ein zuckender Körper, der beruhigt werden muss, ein starrer Körper, der ins Leben zurückgeholt werden soll".

Gespräche und Geschichten

Parallel damit gehen oftmals auch Essstörungen einher. Das immer weniger Essen bis zum nicht mehr essen Wollen. Elodie Pascal erzählt durch ihre Interviews auch ihre eigene Geschichte. Verdichtet hat sie das Material, indem sie Wort- und Satzfetzen zu einer Collage montiert hat, die Worte werden zu Noten und Phrasen einer stechenden und bestechenden Partitur. Durch die Offenheit, mit der hier die Dinge angesprochen werden, bekommt der Hörer den Eindruck, er stehe vor einem ebenso gewagten wie gewaltigen akustischen Tattoo.

Die Regisseurin Elisabeth Putz, die diesen Text sehr stimmungsvoll in Szene gesetzt hat, gewann 2008 mit ihrem Beitrag "Kann denn Liebe Sünde sein?" den Ö1 Kurzhörspielwettbewerb "track 5’". Geboren wurde sie 1982 in Niederösterreich als Tochter eines Krankenpflegers und einer Krankenschwester. Sie wuchs gemeinsam mit ihren fünf Schwestern auf und studierte nach der Matura an der Universität Wien Publizistik - und Kommunikationswissenschaften. Elisabeth Putz lebt und arbeitet als Journalistin und Regisseurin in Wien.

Zur Autorin

Die Autorin dieser Produktion, Elodie Pascal, wurde 1982 in Orléans, Frankreich als Tochter eines französischen Psychoanalytikers und einer österreichischen Maskenbildnerin geboren. Sie absolvierte ein Studium der Philosophie in Paris und Quebec. Heute lebt sie in Paris als Autorin.

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