Roman von Iris Hanika

Das Eigentliche

Das "Eigentliche" ist für jeden etwas anderes; für Iris Hanikas Protagonisten sind es die Verbrechen der Nazizeit. Iris Hanika geht es darum, den heutigen Umgang mit der Nazizeit zu thematisieren, und diesen Umgang behandelt sie mit sanfter Ironie.

Kulturjournal, 29.04.2010

Die Last der kollektiven Vergangenheit

Es war ein so großes Verbrechen.
Schrecklich war jetzt, dass es kaum noch wehtat. Das war das eigentlich Schreckliche und mehr noch: für ihn war dies das Eigentliche. Dass dieses Verbrechen, so groß es war, hatte aufhören können wehzutun. Dass das möglich war. Dass so etwas überhaupt möglich ist, das – das war schrecklich. Und vergrößerte sein Unglück.
Er kam sich vor wie aus der Zeit gefallen. Denn ihm tat es immer noch weh.


Die Verbrechen der Nazizeit und die Erinnerung daran: Das ist für Hans Frambach das Eigentliche. Er leidet darunter seit er denken kann und hat kein Verständnis dafür, dass es anderen nicht so geht. Auch für die Autorin Iris Hanika war diese Thematik 25 Jahre lang ihr Eigentliches. Und das hat sie auch bei anderen bemerkt, wie sie im Gespräch erkennen lässt.

Neurotische Protagonisten

Nun hat Iris Hanika diese Haltung in ihrem neuen Roman verarbeitet, der folgerichtig auch den Titel "Das Eigentliche" trägt. Ihr Protagonist Hans Frambach arbeitet als Archivar im Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung und hat sein Unglück zur Maxime erhoben – ein Unglück, das, wie er meint, die logische Folge der dunklen deutschen Vergangenheit ist.

Auch für seine beste Freundin Graziela steht die Erinnerung an die Nazizeit im Mittelpunkt ihres Denkens und Fühlens und Iris Hanika ist sich sehr bewusst, dass diese beiden Figuren ziemlich neurotisch sind:

"Es gibt wahrscheinlich andere Leute, die dann die Klimakatastrophe für ihr Leiden verantwortlich machen oder den Kapitalismus", meint Hanika. "Das ist immer eine Möglichkeit, von sich selber abzulenken, es irgendwie nach außen zu verlagern." Auch ihre beiden Hauptpersonen haben das "hinausverschoben. Gleichzeitig ist es natürlich ehrenwert, wenn man diese Arbeit macht, was Hans macht wenn er als Archivar arbeitet."

Plötzlich ist alles anders

Dann aber lernt Graziela einen Mann kennen, Joachim, und plötzlich verschiebt sich ihr Eigentliches: Statt um die Nazizeit kreisen ihre Gedanken nun allein um Joachim, sie lebt nur mehr für ihre Beziehung und glaubt, endlich das wahre Glück gefunden zu haben.

"Graziela leidet ja sehr darunter, wie sie aussieht, und sieht sich selbst irgendwie als Monster durch die Gegend laufen und dann kommt irgendwie einer und sagt, ich finde das ganz toll", so Hanika. "Also logisch wäre es eigentlich, dass Hans und Graziela sich irgendwie zusammentun, aber das können sie irgendwie auch nicht, weil sie halt zu verschwurbelt sind in ihren Hirnen."

Das Eigentliche des Staates

Es sind also einigermaßen seltsame Figuren, die Iris Hanika in ihrem Buch aufmarschieren lässt, zwei Neurotiker, die ihre eigenen Unzulänglichkeiten mit der deutschen Vergangenheit zu erklären versuchen, aber auch schnell bereit sind, ihr Eigentliches zu verändern – denn auch Hans überlegt sich, ob es für ihn nicht an der Zeit wäre, sich eine andere Arbeit zu suchen.

Ganz beiläufig baut Hanika noch eine weitere Ebene ein: jene des Staates, denn auch für diesen gibt es ein Eigentliches. "Ich fand das irgendwie ganz gut, es eben auch zu sagen, dass es auch für diesen Staat das Eigentliche ist, der irgendwie das Gedenken zu seiner immerwährenden Aufgabe erklärt hat. Es ist das, auf dem wir gründen, sozusagen", meint Hanika.

Der Zwiespalt des Volkes

Iris Hanikas Roman ist freilich kein tragisches, düsteres Werk. Vielmehr geht es ihr darum, den heutigen Umgang mit der Nazizeit zu thematisieren, und diesen Umgang behandelt sie mit sanfter Ironie.

"Also es ist in einer gewissen Weise lächerlich, dass man an jeder Ecke eine Gedenkstätte hat", meint Hanika, "andererseits geht es auch nicht, dass man keine Gedenkstätten hat. Ich wollte diese Hilflosigkeit darstellen, die man im Umgang damit hat. Es geht nicht, dass man sagt, das ist jetzt fertig und wir beschäftigen uns nicht mehr damit. Es ist eben auch schlimm, wenn man sich den ganzen Tag damit beschäftigt wie meine Hauptfiguren. Diesen Zwiespalt, in dem sich unser Volk befindet, wollte ich darstellen. Und diese Hilflosigkeit vor allem, dass wir damit verbunden sind eben wie mit einem Klettverschluss."

Raum für Notizen

All dies beleuchtet Iris Hanika in ihrem Roman, einem Roman, der sich auf ungewöhnliche Weise mit der deutschen Vergangenheit befasst. Ungewöhnlich ist auch der Aufbau des Buches, denn Hanika erzählt nicht nur, sondern lässt auch Texte und Essays einfließen. Außerdem hat Iris Hanika gleich drei Schlüsse verfasst, und manche Seiten lässt sie ganz frei – als "Raum für Notizen" des Lesers.

"Die ersten leeren Seiten sind, nachdem Hans sich daran erinnert, wie er das letzte Mal die Gedenkstätte Birkenau verlassen hat und das fand ich sehr aufregend beim Schreiben und dachte, das ist auch eine sehr aufregende Stelle und da muss irgendwie erst mal Ruhe sein, damit man sich erholen kann, ich meine, als Leser wird man einfach schnell weiterblättern aber es ist quasi angezeigt, jetzt ist erst mal drei Seiten Ruhe", so Hanika.

Der Einfluss der Vergangenheit

Es ist ein origineller, kleiner Roman geworden, ein Buch, das anhand zweier recht neurotischer Figuren den Einfluss der Vergangenheit auf die deutsche Gegenwart beleuchtet. Ein Buch aber auch, das keinesfalls einen Endpunkt in der Beschäftigung mit der Thematik setzen will – denn gerade das war Iris Hanikas größte Sorge:

"Ich habe mich auch beim Schreiben sehr darum bemüht, dass man mir dann hinterher nicht sagen kann, ich wäre jetzt für Schlussstrich oder sonst was. Dass ich denken würde, es wäre dieses Thema abgeschlossen. Und das ist es nicht. Ich wollte eben nur darstellen, wie wir heute damit leben."

Service

Iris Hanika, "Das Eigentliche", Literaturverlag Droschl