Sexpartys mit Wiener Heimkindern?

Nach dem Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche beginnt jetzt die Stadt Wien mit der Aufarbeitung derartiger Vorfälle. Es geht vor allem um angeblichen systematischen Missbrauch an Heimkindern und Jugendlichen bei Sexpartys Mitte der 1990er Jahre in Wiener Wohnungen. Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei haben mit Ermittlungen begonnen.

Putzdienste für einen Unternehmer

Die Vorwürfe um sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen aus einem Heim in Wien-Hietzing sind schon vor zehn Jahren von der Staatsanwaltschaft untersucht worden. Verurteilt wurde aber niemand. Einer der jetzt von der Polizei neuerlich befragten Zeugen ist als 10-Jähriger von der Stadt Wien ins August Aichhorn Haus eingewiesen worden, ein privates Heim für schwererziehbare Jugendliche. Nach einem Jahr habe er sich gegen Taschengeld zu Putzdiensten einteilen lassen, für einen Unternehmer. Unter anderem in zwei Wohnungen, wo Sex-Parties stattgefunden hätten, so der 27-Jährige, der anonym bleiben will: "Wir sind mit Bus abgeholt worden, um zu putzen, schauen halt, dass unten im Keller die diversen Sex-Spielzeuge vorher und nachher geputzt werden. Fesseln, SM-Masken, Handschellen."

"Sexuelle Handlungen mit Heimkindern"

Und in den Wohnungen habe er Fotos gefunden, rund 170 davon gesammelt und schließlich einem Polizisten übergeben: "Männer unmaskiert in sexuellen Handlungen mit Heiminsassen, Heimkindern, unter 14-, 15-Jährige, die dort mitgemacht haben, Mädels von anderen Heimen, Burschen von anderen Internaten. Von diversen Stellungen bis zu Auspeitschen hast du alles auf diesen Fotos gesehen."

"Zeugen nicht befragt"

Doch diese der Polizei übergebenen Beweisfotos seien offenbar verschwunden. Außerdem kenne er fünf Zeugen, die das Gericht vor zehn Jahren nicht befragt habe, sagt der 27-Jährige. Seinen Angaben zufolge sind Minderjährige zu sexuellen Handlungen gezwungen, aber auch dafür bezahlt worden. Und die Heimleitung habe vom Missbrauch gewusst. Nur weil er sich gewehrt und einen Erzieher verletzt habe, sei er selbst nicht Opfer geworden.

Gezielt ausgewählt

Ein heute 24-jähriges mutmaßliches Opfer sagt: "Es hat nicht nur Leute gegeben, die uns vergewaltigt haben, sondern auch welche, die haben uns nur gehaut. Glauben Sie mir, ich habe die abartigsten Leute kennen gelernt, die Abgründe eines Menschen kann man sich nicht vorstellen."

Man habe ihn und die anderen Heimkinder wie Ware verkauft, so der 24-Jährige. Er sei ausgewählt worden, weil er keine Angehörigen hatte, die sich um ihn gekümmert hätten: "Ich war ja ein halbes Jahr, bevor ich ins August Aichhorn Haus gekommen bin, in einem Krisenzentrum. Und dort war weder ein Besuch, noch sind meine Eltern gekommen. Und das steht alles in den Heimakten."

Mit Umbringen bedroht

Außerdem sei er mit dem Umbringen bedroht worden: "Ich war zwischen 12 und 13 und zu mir haben sie gesagt, wenn irgendwer was sagt, dann findet uns keiner. Auf so ein Eisenmetall wurde Säure ausgeleert und das hat ziemlich gezischt. Da hat´s geheißen, da werden wir eingelegt und es findet uns keiner. In Säure eingelegt? Ja."

Beschuldigte weisen alles zurück

Der Unternehmer und angebliche Drahtzieher des Missbrauchs ist bereits zweimal gerichtlich von den Vorwürfen freigesprochen worden - aus Mangel an Beweisen - zuletzt im Jahr 2002. Für ihn gilt umso mehr die Unschuldsvermutung. Alle überprüfbaren Behauptungen der Belastungszeugen hätten sich als unwahr herausgestellt, sagt er. Die angeblichen Zeugen und der Lehrer, der die Ermittlungen ausgelöst hat, wollten ihn erpressen, er habe deshalb Anzeige erstattet. Er sei seit zehn Jahren ein Opfer, nur weil er Heimkindern durch kleine Nebenjobs helfen wollte. Auch der Heimleiter weist die Vorwürfe in einer ersten Reaktion zurück, sie seien ja schon vor Jahren geprüft und geklärt worden.

Anklage fraglich

Im neu aufgerollten Fall um sexuelle Gewalt gegen Wiener Heimkinder in den 90er Jahren geht die Wiener Staatsanwaltschaft derzeit von sechs Beschuldigten aus. Die Stadt Wien hat auf Initiative eines ehemaligen Lehrers Anzeige erstattet. Die Vorwürfe sind massiv, aber ob es zu einer Anklage und zu einem Gerichtsverfahren kommt, ist derzeit trotzdem fraglich.

Die Wiener Polizei geht derzeit davon aus, dass die Aussagen der Zeugen glaubhaft sind. Sie berichten von Vergewaltigungen von Heimkindern in Wiener Wohnungen aber auch von Sexdiensten gegen Geld durch zahlungskräftige Wienerinnen und Wiener bei Kindersex-Parties.

Kinder- und Jugendanwältin erfreut

Die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits äußert sich froh darüber, dass diese Fälle von damals wieder aufgerollt werden. Die Kinder- und Jugendanwältin kennt die Vorwürfe rund um das August Aichhorn Haus. Sie war vor 10 Jahren für die Prozessbegleitung der männlichen Zeugen zuständig. Ob es sich, wie von den Beschuldigten angegeben, um eine "Verschwörung" handelt, um etwa Geld zu erpressen, könne sie nicht sagen. Für sie seien die Vorwürfe der Jugendlichen damals glaubhaft gewesen, aber es habe eben einen Freispruch gegeben.

Pinterits ist auch zuständig für eine Telefonhotline, bei der sich auch mögliche Opfer aus den 1990er-Jahren melden können.

Tipp

Die Hotline der Stadt Wien für Opfer von Misshandlungen und sexueller Gewalt in städtischen Heimen: 70 77 000.

Hinweis

Wegen angeblichem systematischen sexuellen Missbrauchs an Heimkindern in Wiener Wohnungen hat die Stadt Wien vor rund einem Jahr Anzeige erstattet. Jetzt aber hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt. Sie hatten einen Wiener Unternehmer und das August-Aichhorn-Kinder-Haus betroffen. Es wird in dieser Sache kein Gerichtsverfahren geben.

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