Polit-Krimi von Lea Cohen

Das Calderon Imperium

"Das Calderon-Imperium" ist ein Polit-Thriller, zugleich die Geschichte der Selbstfindung dreier Frauen, von Eva, Lora und Lisa. Alle drei haben, ohne davon zu wissen, wie und warum, mit Viktor, mit ein und demselben Mann, der immer andere Namen annimmt, zu tun; die beiden ersteren als dessen Geliebte.

"In einem Land wie Bulgarien gibt es ziemlich viele Fiktionen", meint Lea Cohen. "Die Geschichte wurde nie aufgearbeitet. Das hat Raum für Fiktionen geschaffen. Und wir leben manchmal noch immer in diesen Fiktionen. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum in Bulgarien so viele Menschen an Konspirationen glauben, an geheime Zentren der Verschwörung und dergleichen. Mir scheint, das ist keine sehr gesunde Sache."

Ein guter Nährboden für einen Krimi wie Lea Cohens "Das Calderon-Imperium" sind derart "unverstandenen Verhältnisse", wie das einmal marxistisch genannt wurde, allerdings allemal. Wobei die Kategorie Krimi nur bedingt auf den ein halbes Jahrhundert überspannenden Roman mit Schauplätzen zwischen Bulgariens Hauptstadt Sofia, New York und der Schweiz zutrifft.

Die Geschichte Bulgariens

Viktor ist Major des Geheimdienstes. Lea Cohen erzählt all das auf - im besten Sinn - konventionelle Weise, mit behänder Leichtigkeit und voller Spannung, auch wenn es um die ganze große und tragische Geschichte des Landes geht. Kurz: Man lernt in diesem Buch tatsächlich auch eine Menge über Bulgarien.

"Ich wurde durch zahlreiche Dinge provoziert", sagt Cohen. "Nach der Installation des kommunistischen Regimes in Bulgarien hatte das Land nicht genügend Zeit, um zu bemerken, was seine Geschichte und die Verantwortlichkeit in dieser schwierigen Zeit gewesen war, zwischen 1933 und 1944."

Dieser Umstand war für Lea Cohen Anlass genug, die Geschichte Bulgariens neu aufzurollen.

Genialer Schachzug

Wir schreiben das Jahr 1941: Bulgarien, Verbündeter von Hitler-Deutschland, weigert sich, seine jüdische Bevölkerung an die Nazis und in deren Konzentrationslager auszuliefern, trotzdem werden auch hier "antijüdische" Gesetze erlassen. ("Jüdisch" heißt hier "sephardisch". Die bulgarischen Juden sind vorwiegend sogenannte "Spaniolen" - daher der Name Calderon.)

An dieser Stelle setzt die Fiktion des Romans ein: Das gigantische, unter anderem aus Versicherung, Bank und Tabakfabrik sowie aus Immobilien in Sofias Zentrum bestehende Firmenimperium von Jules Calderon soll dem Staat überschrieben werden - als Gegenleistung wird die Ausreise in die USA angeboten.

Calderon weigert sich, verwandelt seinen Besitz in ein anonymes internationales Konsortium namens "Alternus" und begeht wenig später gemeinsam mit seiner Frau Doppelselbstmord. Die fantastischen Reichtümer bleiben nicht nur den Faschisten entzogen, auch die bald nach 1944 das Land beherrschenden Kommunisten werden dabei scheitern, das Vermögen ins Volkseigentum überzuführen, zu "nationalisiern", also zu klauen.

Realer Hintergrund

Anders als der massenhafte Schrott der letzten Jahre, der in Krimis und Thrillern die roten Diktaturen des Ostens in fetzige Bestseller verwandelte, beruht der Plot von Lea Cohens Roman auf eigener Erfahrung und tatsächlichen, realen Erlebnissen:

"Mein Vater war Anwalt und er hat 45 Jahre lang die Papiere aufbewahrt, die etwa die Juden, die nach Israel oder in die USA gingen, bei ihm zurück gelassen hatten. Dokumente über konfisziertes Eigentum. Er hat diese Dinge 45 Jahre lang aufbewahrt. Nach den politischen Veränderungen in Bulgarien bekamen sie ihre Dokumente und damit ihr Eigentum zurück – zumindest in den meisten Fällen."

Lisa, Lora und Eva

Vordergründig geht es um die Jagd nach dem goldenen Kalb, nach dem Alterus-Schatz: Um seiner habhaft zu werden, muss eine Versammlung seiner Erben stattfinden. Da ist einmal die Haupt-Erbin Lisa, Enkelin des alten Calderon: Ihr Vater Robert, der als Illegaler die Nazizeit überlebt hatte, wird von den Kommunisten hingerichtet. Das einzige, was er seiner Tochter hinterlässt ist eine einfache Schweizer Uhr. Lisa wird Pianistin, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit, einet Konzertreise ins Ausland, springt sie ab. (Ihr langjähriger Konzermanager Herbert wird sich später allerdings als Stasi-Mitarbeiter herausstellen.)

Die zweite im Bunde ist Lora. Sie emigriert mit ihren Eltern nach Israel, ihr Mann stirbt während einer Operation; Lora wird vom Schatten ihrer Erinnerung an einen ominösen Liebhaber verfolgt.

Und schließlich ist da Eva, die Psychologin: Die Tochter des einstigen Calderon-Anwaltes Marinov macht sich auf die Suche nach New York. Dort begegnet sie ihrerseits und nicht ganz zufällig einer lang zurückliegenden Liebschaft: Viktor, das mysteriöse Zentrum des Buches, Übersetzer aus dem Englischen, Universitätsdozent, Liebhaber von jungen Mädchen und – wie er sagt - reiferen "Löwinnen".

Profi-Liebhaber im Auftrag des Geheimdienstes

Viktor heißt abwechselnd Wiktor Bukowsk, Wayne Bukowsky, schließlich Wayne Azarov. Er ist "The spy who loved me" – auch er ein Typus mit realem, sozusagen real-sozialistischem Hintergrund, der sich nach der Wende von 1989 den neuen Zeiten rasch anzupassen versteht. Ostblockagenten wie Wiktor irrlichtern jetzt durch die ganze Welt, allein er hat eine Besonderheit.

"Für mich war es eine Herausforderung, die Liebe von drei Frauen in verschiedenen Lebensaltern zu beschreiben", sagt Cohen. "Die Erste traf ihn mit 17, die Zweite mit 32/33 und die Dritte in den 40ern. Es ging dabei immer um denselben Mann, aber die Frauen wussten das nicht. Er ändert seine Namen sehr oft, aber er musste das machen, da er ein professioneller Liebhaber im Auftrag des Geheimdienstes war. Unglücklicherweise existierte dieser Beruf in Bulgarien in der Vergangenheit in den Geheimdiensten tatsächlich. Um bestimmte Frauen zu beschatten, benützte der Geheimdienst genau diesen Typ von Männern."

Wiktors Ende wird denn auch ein tragisches sein - mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Zeit heilt alles, nur nicht Wunden

Lea Cohen hat mit "Das Calderon-Imperium" eine Art weibliches Gegenstück zu Milan Kunderas "Unerträgliche Leichtigkeit des Seins" geschrieben (ein Vergleich, der sich nach der Spitzel-Affäre um Kundera geradezu aufdrängt). Auf höchst präzise Weise werden Kindheitserinnerungen an düstere Zeiten evoziert und der Alltag der sogenannten Klassenfeinde beschrieben; des Bürgertums, in deren Häusern und Wohnungen sich linientreues Proletariat "einquartiert".

Cohen erzählt von den Kompromissen des Überlebens, von Treue und Verrat, von Korruption und Verführung; Sex kommt dabei vielfach vor, freizügig und unverstellt klug. Die Szene, in der es die siebzehnjährige Lora mit Wiktor auf einer Parkbank treibt und dabei von Volkspolizisten gestellt wird, ist ein Meisterstück! Vor allem ist "Das Calderon Imperium" aber ein Buch über Emanzipation und eines über die Zeit, die alles heilt, nur nicht die Wunden. Last but not least ist es eine Liebeserklärung an Bulgarien: selbstbewusst, stellenweise melancholisch, aber immer ohne falsche Nostalgie. Und darin seiner Verfasserin auch nicht ganz unähnlich.

"Ich lebe jetzt in der Schweiz", so Cohen, "aber ich liebe dieses Land - Bulgarien - auf verrückte Weise. Es gibt dort etwas Magisches. Es ist da etwas in der Atmosphäre – das ist jetzt sehr subjektiv – aber wenn ich nach Sofia komme, spüre ich das in der Luft, in den Menschen, in allem. Meine zweite Stadt ist New York, aber in Sofia gibt es etwas, das mich herausfordert. Es ist etwas Wunderbares – diese Leidenschaft auf dem Balkan, Leidenschaft in jeder Hinsicht. Die Menschen sind nicht realistisch, sie denken an große Dinge. Vielleicht ist deshalb 'Imperium' der richtige Titel. Dieses Große existiert aber nur in der Vorstellung. (lacht) Ich mag diese imaginäre Größe, die nie real ist."

Service

Lea Cohen, "Das Calderon Imperium", aus dem Bulgarischen übersetzt von Thomas Frahm, Paul Zsolnay Verlag

Hanser Verlage - Das Calderon Imperium