Theodor-Kramer-Preis an Elazar Benyoetz

Der in Wiener Neustadt geborene und in Jerusalem lebende Schriftsteller Elazar Benyoetz hat am Freitag in Krems den Theodor-Kramer-Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil erhalten.

Kulturjournal, 17.05.2010

Mit dieser Auszeichnung werden sowohl die literarische Qualität als auch die Haltung und das Schicksal der Preisträger gewürdigt. Der Preis ist mit 7 300 Euro dotiert.

Lesung in Wien

Elazar Benyoetz, der in deutscher Sprache Aphorismen schreibt, wurde für unter anderem für seine Bücher "Der Mensch besteht von Fall zu Fall" und "Finden macht das Suchen leichter" ausgezeichnet. Er gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Aphoristiker. Der Autor ist in Wien bei einer Lesung zu erleben: Am 26. Mai 2010 liest er aus dem Buch" Die Zukunft sitzt uns im Nacken" im Psychosozialen Zentrum ESRA im zweiten Bezirk in Wien.

Klare Sprache

Eine reduzierte, klare Sprache ist das Markenzeichen des Schrifstellers Elazar Benyoetz. Noch in den kürzesten Sätzen versteht er es, Lebenshaltungen und Lebensfragen präzise zu beschreiben. Erst seit den sechziger Jahren veröffentlicht Benyoetz zahlreiche deutschsprachige Essaey, Lyrik und Gedichtbände. Zuvor schrieb er Gedichte auf Hebräisch und lernte durch diese Sprache etwas Wesentliches.

"'Fasse dich kurz' ist dort kein Spruch, sondern die vollendete literarische Tat", so Benyoetz. Sein Weg zur deutschen Sprache ist eines seiner wichtigsten Lebensthemen: "Was ich aus dieser Sprache mache - oder nicht aus ihr - in Bunt mit ihr, weil sie mir gnädig ist, das ist eine Geschichte für sich. Und das ist die eigentliche Geschichte."

Deutsche Sprache aus Büchern gelernt

Geboren wurde Elazar Benyoetz als Paul Koppel 1937 in Wiener Neustadt, zwei Jahre später emigrierte die Familie nach Jerusalem. 1959 legte Beyoetz- der Name bedeutet übrigens "Sohn des Ratgebers" - das Rabbinerexamen ab. Die deutsche Sprache lernte er, indem er die Bücher der Emigranten kaufte und las.

"Die Möglichkeit bestand, weil die Emigranten auf viel Wichtigeres verzichtet haben, aber nicht auf ihre Bibliothek", erzählt Benyoetz. "Die haben sie mitgeschleppt nach Israel. Dann haben sie oder die Erben sie dann verkauft. Die Bücher waren sehr billig zu haben, weil keiner sie haben wollte - lange nicht. Dann kamen natürlich deutsche Antiquariate und haben das alles abgegrast. Aber ich war noch eine Minute vorher da."

Wissendurst

In einer Zeit, als in Israel die deutsche Sprache abgelehnt wurde, nahm er sich ihrer an: "Als ich da auftauchte, tauchte für mich auch die Frage auf, wem gehört es, was soll damit geschehen? Ich habe gesagt: Ich bin derjenige, der das alles wissen will, das gehört mir."

Dieses Wissen hat er vielen Büchern wie "Variationen über ein verlorenes Thema" oder "Der Mensch besteht von Fall zu Fall" niedergeschrieben. Elazars Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, zuletzt erhielt er das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse. Der Theodor-Kramer-Preis für Schreiben im Widerstand und Exil freut den Schriftsteller sehr.

Aphoristik lebendig halten

Der Autor besitzt selbst einige Erstausgaben von Werken Theodor Kramers. Mit Begriffen wie Widerstand und Exil kann er in Bezug auf seine Person nichts anfangen: "Exil ist für mich in einer Weise ein Problem. Denn was verstehe ich davon? Ich weiß natürlich, dass meine Eltern fliehen mussten. Aber ich war mehr oder weniger ein Paket - ich war ein Jahr alt, als wir weg mussten."

Da jedoch mit diesem Preis sowohl die literarische Qualität als auch das Schicksal der Preisträger gewürdigt werden, hat Benyoetz die Auszeichnung gerne angenommen. Schließlich geht es auch darum, die Aphoristik als lebende Gattung der Dichtkunst zu verteidigen. Die Gabe, Lebensweisheiten pointiert zu formulieren, wird heute wenig geschätzt: "Man hat ja nicht den Eindruck, dass es Kunst ist, sondern kompakt und gerafft und geistreich und witzig - was immer man sagt, man hat überhaupt kein Bild davon. Was ist's denn?"

Ein Satz statt 500 Seiten

Darüber hinaus gibt es noch eine zusätzliche Schwierigkeit für Schriftsteller, die Aphorismen schreiben: "Das Problem der Gattung ist, dass sie eine buchlose ist. Sie ist es logischerweise, weil es eine Gattung ist, die den höchsten Anspruch erhebt: Mit einem Satz 500 Seiten entbehrlich zu machen."

Und ein Satz von Elazar Benyoetz sei hier zum Abschluss noch zitiert: "Ein Aphoristiker sagt so viel, wie sich denken lässt, und nicht mehr, als man sich ausmalen kann."

Textfassung: Rainer Elstner