Was bin ich wert?

Eine Niere bekommt man in Indien für 300 Euro, ein afrikanisches Adoptivkind "kostet" mit allen notwendigen Papieren 20.000 Euro. Der Journalist Jörn Klare hat sich in seinem Buch "Was bin ich wert?" zu einer Reise ins Reich der Menschenwert-Berechner aufgemacht.

Soziales Gut "Gesundheit"

Zum ersten Mal wurde der ökonomische Wert des Menschen im 17. Jahrhundert von englischen Ärzten und Volkswirtschaftlern errechnet. Populär wurde diese Bewertung dann in der Phase der Hochindustrialisierung. Die Wirtschaft benötigte gesunde Arbeitskräfte, und so wurde die Gesundheit des Einzelnen zu einem sozialen Gut, zu einem Anliegen der Verwaltung. Was kostet der Einzelne, was nutzt er der Gemeinschaft? Diese Fragen bekamen mehr und mehr Gewicht.

Jörn Klare erwähnt in diesem Zusammenhang den Begründer der experimentellen Hygiene, Max von Pettenkofer. Als dieser sich mit den Auswirkungen der Cholera beschäftige, hatte er auch dezidiert die Kosten für die Allgemeinheit im Auge.

Als 1892 in Hamburg ungefiltertes Leitungswasser eine Cholera-Epidemie mit 8.000 Toten verursachte, kalkulierte er nicht nur die "direkten" finanziellen Verluste durch Erkrankung und Todesfälle, sondern auch den Schaden der "eingeschränkten" wirtschaftlichen Tätigkeiten, etwa aufgrund von Quarantänemaßnahmen. Einem Gesamtverlust von 430 Millionen Mark wurden die Kosten von 22,6 Millionen Mark für das im folgenden Jahr gebaute Wasserwerk gegenüber gestellt.

Durchschnittswert von 3,5 Mio. Euro?

Der individuelle Wert eines bestimmten Menschen lässt sich nicht berechnen. Was aber in unserer Gesellschaft andauernd berechnet wird, ist der durchschnittliche Wert eines Menschen. So hat der Volkswirt Hannes Spengler ausgerechnet, dass ein Menschenleben in Deutschland im Durchschnitt 1,65 Millionen Euro wert ist.

Als Jörn Klare Hannes Spenger interviewt, erklärt dieser, dass die Zahlen veraltet seien. Nun sein ein Deutscher sogar 3,5 Millionen Euro wert. Wie er darauf kommt? Ganz einfach. Mit Hilfe von WSL, dem Wert eines statistischen Lebens. Diese Berechnungsmethode wurde in den 1970er Jahren in den Vereinigten Staaten entwickelt. Vereinfacht gesagt geht es darum, wie viel Geld ein Mensch zu zahlen bereit ist, um nicht zu sterben.

In einem Fußballstadion mit 10.000 Menschen muss in diesem Gedankenspiel einer sterben. Jeder Einzelne wird nun gefragt, wie viel er zahlen würde, um für sich sein persönliches Risiko auszuschließen. Nun wird der Durchschnittswert herangezogen - sagen wir 350 Euro - und mit dem Todesrisiko - in diesem Fall eins zu 10.000 - in Relation gebracht und schon hat man den statistischen Wert eines Lebens.

Das mag eher komisch als wissenschaftlich anmuten, aber diese Methode spielt im alltäglichen Leben eine nicht zu unterschätzende Rolle. Angenommen, es soll eine Ampel gebaut werden. Dadurch ließe sich mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit ein Menschenleben retten. Kostet die Ampel mehr als 3,5 Millionen Euro rechnet sie sich nicht, kostet sie weniger, sehr wohl.

Ohne Markt kein Preis

Jörn Klare hat auf der Suche nach seinem persönlichen Preis und Wert unzählige Experten interviewt. Er beginnt gleich einmal bei seinem Schwager, einem Manager. Der klärt den Journalisten über die Basics auf, zum Beispiel, dass es ohne Markt keinen Preis gibt.

Die Frage "Was bin ich wert?" kann also nicht allgemein gültig beantwortet werden kann. Verkaufe ich eine Niere, ist die das wert, was am Markt dafür bezahlt wird. Sie hat keinen Wert und keinen Preis an sich und für sich.

Der Philosoph Volker Gerhardt erteilt dem Autor dann auch Nachhilfeunterricht in Sachen Kant. Denn dieser wusste schon, dass es nicht nur einen Marktpreis, sondern auch einen Affektionspreis:

Affektionspreis, lese ich später nach, wird als Wert definiert, der einer Sache oder Leistung mit Rücksicht auf das Gefühl des Besitzers oder Leistenden beigelegt wird. So kann ein auf dem Markt wertloser Stuhl einen hohen Affektionswert haben, weil der Besitzer mit ihm besondere Erinnerungen verbindet.

Und aus diesem Grund, kann Jörn Klare auch seiner Frau und seiner Tochter unendlich viel wert sein, weil er für sie einen hohen Affektionspreis hat. In Indien, so erzählt ihm ein Freund vom Subkontinent, wäre er dagegen ungefähr 600.000 Euro wert, würde er sich an eine reiche indische Familie verkaufen.

Zahlen hier und dort

Von Anfang an weiß der Leser, dass Jörn Klares Versuch, zu erfahren, was er denn wert sei, scheitern muss. Aber Klare widmet sich seiner Aufgabe mit der richtigen Mischung aus Ironie und Ernst. Und eines zeigt dieses Buch auf jeden Fall: Dass Zahlen etwas Relatives sind. Dass Zahlen alles und nichts aussagen.

So ist nach einer amerikanischen Studie ein Leben in Japan 9,7 Millionen Dollar wert, eines in Österreich zwischen 3,9 und 6,5 Millionen Dollar und eines in Südkorea 0,8 Millionen Dollar. Was lernen wir daraus? Im Grunde genommen gar nichts. Nur, dass die Japaner im Durchschnitt am meisten Geld dafür ausgeben würden, um ihr statistisches Sterberisiko zu minimieren.

Aber Jörn Klares Exkursionen in die Welten der Statistik zeigen noch etwas anderes. Niemand berechnet den Wert eines Menschen aus Lust und Laune heraus, wie es die Medizinhistoriker Thorsten Halling und Jörg Vögele erklären. Dahinter stehe immer Absicht.

Nach dieser Begegnung zweifle ich für mehr als einen Moment am Sinn meiner persönlichen Marktforschung. Trotz meiner ganz persönlichen Neugier auf meinen ganz persönlichen Wert drängt eine andere Frage in den Vordergrund. Wenn es bei der monetären Berechnung von Menschenleben so viele Abgründe gibt, wieso wird dann trotzdem so viel in diese Richtung kalkuliert?

Service

Jörn Klare, "Was bin ich wert? Eine Preisermittlung", Suhrkamp Verlag

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