Reiseroman von Ulrike Ulrich
fern bleiben
Ulrike Ulrichs Debütroman "fern bleiben" überträgt das dialogische Prinzip von Reiseliteratur auf das Seelenleben ihrer weiblichen Protagonistin und schickt sie auf eine Reise nach Nirgendwo, einem schier endlosen Trip durch die höchsteigene Fremde.
8. April 2017, 21:58
Odyssee per Zug
Es sollte ein gewöhnlicher Urlaub in Italien werden, den Lo, Anfang 30, nach einem Geldgewinn von Dortmund aus mit der Bahn antritt. Doch in Roma Termini wird ihr Bedürfnis, sich von jedem dauerhaften Kontakt mit der Welt fern zu halten dermaßen groß, dass sie spontan in den nächstbesten Zug springt.
Was nun seinen Anfang nimmt, ist eine Odyssee quer durch Europa: Mit ICE, TGV, CNL und OEC geht es unter anderem nach Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien, Polen und Österreich. Immer auf der Suche nach Zeichen, die ihr den Weg weisen könnten, gibt sich Lo ihren Impulsen hin und lässt sich von Zufällen leiten.
Lo fühlt sich wie eine Roulettekugel. Solange sie in Bewegung ist, ist noch alles möglich. Wenn sie liegen bleibt, muss es die richtige Stelle sein. Lo würde gerne jemandem Glück bringen, der es braucht. Sie würde auch gern selbst auf eine Zahl setzen und dann dort liegen bleiben.
Der Seele lauschen
Ulrike Ulrich, 1968 in Düsseldorf geboren und heute Wahlschweizerin, beschreibt in ihrem Reiseroman die Wirklichkeit weder geo- noch kosmographisch. Vielmehr wagt die Autorin einen genauen Blick auf die seelische Transformation ihrer Protagonistin, der Landesgrenzen gleichgültig sind, die keinerlei landschaftliche Veränderungen wahrnimmt und nur den Gefühlsregungen ihrer eigenen Seele lauscht.
Diese kathartische Reise Los wird nicht zuletzt auch als "Frauenreise" beschrieben. Der Ausbruch aus einer starr strukturierten Welt und einer von Männern dominierten Gesellschaft ist deutliches Motiv ihres Weggangs. Lo flieht vor ihrem alten Leben, ihrem fordernden Job als Computerlinguistin, als einzige Frau unter männlichen Kollegen und vor ihren ermüdenden Männerbeziehungen – ein anhänglicher Ex-Freund und ein bereits vergebener Liebhaber.
Begegnungen
Lo beginnt die Reise um des Reisens willen und begegnet auf ihrer Fahrt den unterschiedlichsten Charakteren, die sie streckenweise begleiten, zu Unterbrechungen verleiten oder ihre Fahrtrichtung beeinflussen, um daraufhin wieder zu verschwinden.
Immer wieder trifft sie auch auf Menschen, die sie für ihre eigenen Interessen vereinnahmen wollen, wie die Schweizer Redakteurin Julia, die möchte, dass Lo für sie eine Reisekolumne schreibt, und immer wieder lässt sie sich auf ihrer Reise von anderen Menschen zu guten Taten inspirieren, wie vom alten Ueli, für dessen Schwägerin Lo heilendes Wasser aus Lourdes holt. Es ist ein Selbstfindungsprozess, den Ulrichs Heldin zwischen Empathie und Abgrenzung gegenüber ihren Mitmenschen durchlebt.
Der Rausch der Fortbewegung
Über die Länder hinweg beginnt Lo ein inneres Regelwerk des Reisens aufzubauen, eine Art Chaos mit System, das sie wenn, dann meistens nur widerwillig unterbricht. Sie wird immer süchtiger nach dem Rausch der Fortbewegung und immer bewusster wird ihr, wie schwer es ist, sich von den Forderungen der Gesellschaft, von den Schuldgefühlen, Zeit und Geld zu vergeuden, freizumachen.
Die Reaktionen von Los Umfeld auf ihr außergewöhnliches Unternehmen sind nämlich nicht immer positiv: Zweifel an ihrer Zurechnungsfähigkeit, warum sie ihren sogenannten "guten Job" und jegliches Sicherheitsdenken aufgibt, machen sich bei Freunden und Verwandten breit. Das zelebrierte Reisen erfährt heute längst keine Akzeptanz mehr und so will auch der unverbindliche Charakter ihrer Reise gelernt sein. Denn in einer von digitalen Medien um- und erschlossenen Welt ist es gar nicht so einfach, die Bande nach Hause – sei es auch nur vorübergehend – zu kappen. Die Technik - Telefon, SMS und Internet - führen Lo immer wieder ihre durch Scheinkommunikation hervorgerufene Einsamkeit vor Augen:
Mit Sprache kann sie sich von allem ablenken. Besonders von Gefühlen. Assoziieren, um zu dissoziieren. Sprache ist eine großartige Hilfskonstruktion um fernzubleiben, denkt sie. Zugfahren irgendwie auch.
Weibliche Innenwelten
Los Reise ist schließlich nur scheinbar ohne Ziel. Denn erst ihr Aufbruch zwingt sie, sich jenseits vom Anderen zu definieren und bringt ihr die einfache Erkenntnis, dass es eines Sinns im Leben bedarf, um glücklich zu sein.
Ulrichs Debüt arbeitet mit subtiler Sprache und schafft es, vermutlich auch durch die zahlreichen autobiografischen Bezüge, eine weibliche Innenwelt einfühlsam und dankenswerterweise nie kitschig zu beschreiben. "fern bleiben" – ein lesenswertes Buch, für das es zweifellos nur einen richtigen Lektüreort gibt.
Text: Julia Zarbach
Service
Ulrike Ulrich, "fern bleiben", Luftschacht Verlag
Ulrike Ulrich
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