Nationalbibliothek stellt ägyptische Briefe aus

Krimis auf Papyrus

"Stimmen aus dem Wüstensand" heißt eine Ausstellung von Briefen aus dem spätantiken Ägypten, die ab 9. Juni in der Nationalbibliothek in Wien zu sehen sein wird. Die dortige Papyrussammlung ist eine der bedeutendsten der Welt.

Hans Förster hat einen aufregenden Beruf. Tagaus, tagein sitzt der Papyrologe und Kirchenhistoriker in einem Forschungsprojekt des Wissenschaftsfonds FWF über zweitausend Jahre alten Handschriften, die auf Papyrus in Koptisch oder einer der anderen Sprachen der griechisch-römischen Phase Altägyptens abgefasst sind.

Eine riesige Datenbank von zehntausenden Mittelungen aus Alltag, Geschäftswelt und Kultur. Dabei muss sich Hans Förster voll und ganz in die Zeit zurückversetzen, um Probleme und Phänomene nachvollziehen zu können, die uns heute fremd sind.

Die Geschichte des Knaben Theodoros

Ein Beispiel: Im Jahr 328 nach Christus steht eine weinende Mutter vor den Mauern eines ägyptischen Klosters. Die Mönche haben ihren 14-jährigen Sohn aufgenommen und geben ihn nicht mehr heraus. Für die forschende Nachwelt schien seither klar: Hier haben finstere Mönche den kleinen Theodoros gekidnappt- warum auch immer, und die Elternrechte wurden missachtet.

Jedoch, so Hans Förster: Der Knabe Theodoros hatte keinen Vater mehr, und die Mutter hatte in der Antike weit weniger Rechte als heutzutage. Ein älterer Bruder dürfte dem Klosterleben des Buben zugestimmt haben, meint Hans Förster.

"Und wenn der zugestimmt haben sollte, dass der Theodoros ins Kloster eintreten soll, dann ist nichts dagegen einzuwenden. Es gibt eine Szene, wo der Klostervorsteher dem kleinen Theodoros ins Gewissen redet, ob er sich wirklich sicher ist, ob er nicht doch zurück gehen möchte und draußen bleiben möchte, weil er ja noch so jung ist. Und Theodoros überredet den Klostervorsteher, dass er im Kloster bleiben will.

So klärt sich nach 1.700 Jahren durch akribische Detektivarbeit des Papyrusforschers eine vermeintliche Kindesentführung auf.

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