Wirtschaft und Industrie für gemeinsame Schule

Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl will innerhalb der ÖVP den Druck in Richtung einer gemeinsamen Schule für die Zehn- bis 14-Jährigen erhöhen. Unterstützt wird er dabei vom Chef der Industriellenvereinigung (IV), Veit Sorger, der davor warnt, bei der Umsetzung noch mehr Zeit zu verlieren.

Mittagsjournal, 08.06.2010

"Zug nicht mehr aufzuhalten"

Groß war die Aufregung innerhalb der Volkspartei, als sich Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) vor einigen Wochen für ein "Gymnasium für alle" ausgesprochen hat. Doch dieser Zug ist in Bewegung und nicht mehr aufzuhalten, sagt Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl in die Richtung von Karls Kritikern.

"Auf die Stärken konzentrieren"

Seine sieben Leitsätze für die Bildungspolitik hat Leitl vor Journalisten präsentiert. Eine der ganz zentralen Forderungen ist die gemeinsame Schule der 10-bis 14-jährigen, und zwar eine, die sich wie in einem Wirtschaftsbetrieb auf die Stärken und nicht auf die Schwächen konzentriert. Christoph Leitl verweist auf eigene Erfahrungen in der Schulzeit: "Ich bin in einigen Fächern hinten nach gewesen und habe all meine Kraft investieren müssen genau in den Fächern wo ich schwächer war, damit ich gerade noch durch gekommen bin. Und da habe ich die Fächer vernachlässigt, wo ich tolle Begabungen gehabt habe."

Diskutieren erlaubt

Dass sich ÖVP-Chef Josef Pröll nach dem Vorstoß von Wissenschaftsministerin Karl gleich auf die Seite der Kritiker geschlagen hat, sieht Leitl nicht negativ: Das sei die Stärke von Josef Pröll, dass er Diskussionen zulasse.

Untrügliche Zeichen

Nach Beatrix Karl und dem Wirtschaftsbund spricht sich nun auch der oberösterreichische Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer, ebenfalls ÖVP, für eine Gesamtschule aus, nachdem er sie jahrelang abgelehnt hatte. Dazu die laut Leitl hohe Zufriedenheit von Eltern, Lehrern und Schülern bei den Schulversuchen zur Neuen Mittelschule - das alles sind in den Augen des Wirtschaftskammer-Präsidenten untrügliche Zeichen, dass der Zug nicht nur in der SPÖ, sondern auch in seiner eigenen Partei längst in Richtung Gemeinsame Schule abgefahren ist. "Der Zug ist längst aus dem Bahnhof hinausgefahren, jetzt gilt es, ihn zu beschleunigen. Ich glaube, die Richtung stimmt."

Schneller als Finnland?

Und geht es nach Leitl sollte dieser Zug so rasch wie möglich ans Ziel kommen, allerspätestens in 10 Jahren: "In Finnland hat es bis zum absoluten Schlusspunkt ein Jahrzehnt gedauert. Vielleicht schaffen wir es in Österreich in fünf bis sieben Jahren. Wunderbar."

Gewerkschaft kein Hindernis?

Dass der Zug noch von der Lehrergewerkschaft gestoppt werden könnte, die beim Vorstoß von Wissenschaftsministerin Karl laut aufgeschrieen hat, will Christoph Leitl nicht glauben: Es gebe auch in der Lehrergewerkschaft sehr viele, die aufgeschlossen und modern denken.

Auch Industrie dafür

Schützenhilfe bekommt Christoph Leitl jedenfalls vom Präsidenten der Industriellen-Vereinigung, Veit Sorger, der in seinen fünf Kernpunkten zur Bildungspolitik ebenfalls die gemeinsame Schule ganz oben stehen hat: "Eine gemeinsame Schule kann kein Einheitsbrei sein, sondern heißt Leistungsdifferenzierung, Begabtenförderung, und Schwächeren die Chance geben anzuschließen."

"Wir brauchen das jetzt"

Die Zeit dränge, für weitere jahrelange Diskussionen habe der Wirtschaftsstandort Österreich nicht die Zeit, so die eindringliche Warnung von Veit Sorger: "In einem Umbruch wie jetzt, wo der Wettbewerb so hart ist, brauchen wir das jetzt und nicht irgendwann. Wir können nicht bis zum Sanktnimmerleinstag warten."

Bei Verwaltung sparen

Der Chef der Industriellenvereinigung tritt außerdem für eine sparsamere Schulverwaltung ein, indem zum Beispiel die Bezirksschulräte abgeschafft werden. Er plädiert für Ganztagesschulen und für Lehrer, die aufgewertet werden, indem sie regelmäßig überprüft werden und bei guter Leistung Boni erhalten sollen.

Boni für Schuldirektoren

Das Bildungskonzept der Wirtschaftskammer ist ganz ähnlich: Schuldirektoren sollen autonom agieren können und sich die Lehrer selbst aussuchen und bei guten Erfolgen Boni erhalten. Und so wie die Industriellenvereinigung fordert auch Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl die Wiedereinführung der Studiengebühren auf den Universitäten.

Studiengebühren im Abtausch?

So wie sich ÖVP-Wissenschaftsministerin Karl in Richtung gemeinsame Schule geöffnet habe, solle nun SPÖ-Unterrichtsministerin Claudia Schmied ebensolchen Mut beweisen und sich in Richtung Studiengebühren öffnen, appelliert Leitl an den Regierungspartner seiner Partei.