Bye bye Chef

Ö1 Chef Alfred Treiber ist Ende Juni 2010 in Pension gegangen. Ein Abschiedsgeschenk nach 30 Jahren Programmarbeit war der Axel-Eggebrecht-Preis, den er gemeinsam mit Richard Goll im Jänner des Jahres für sein Feature-Lebenswerk entgegengenommen hat.

Ein Ziel, eine Vision

Als ich ihn zum ersten Mal traf, rauchte er wie ein Schlot und schaute sich gerne schlechte Filme an. Das war vor 29 Jahren. Alfred Treiber hatte ein paar Jahre zuvor gemeinsam mit Richard Goll das österreichische Radiofeature erfunden und wurde dafür früh mit Preisen und Anerkennung überhäuft. Doch das reichte ihm nicht.

Er wollte eine Feature-Schule gründen. Er wollte seine Ideen etablieren und auf eine breitere Basis stellen. Er hatte ein Ziel, eine Vision - und damit eine Mission. Also reiste er mit seinem Kompagnon Richard Goll durch die Bundesländer und suchte Verbündete. Junge, engagierte Mitarbeiter von Eisenstadt bis Dornbirn, die sich für das Genre Feature begeistern ließen. Ich, damals ein noch ziemlich neuer Mitarbeiter im Landesstudio Vorarlberg, war einer von ihnen.

Eine Handschrift für den Sender

Wenige Jahre später übersiedelte ich von Vorarlberg nach Wien. Alfred Treiber, der Sohn eines Wiener Eisenbahners, hatte 1987 einen historischen Moment genutzt und die Hauptabteilung "Literatur & Feature" gegründet. Fintenreich und gerissen erweiterte er nach und nach seine Machtbasis, hielt die Mitarbeiter (damals war von Mitarbeiterinnen noch nicht die Rede) bei Laune und machte sich 1995 zum Kultur- und Programmchef von Ö1. Eine Position, die es in dieser Form davor gar nicht gab.

Er war überzeugt davon, dass der Sender eine Handschrift, eine starke Führung und eine klare Ausrichtung brauchte. Der Rest ist Geschichte. Er verpasste dem Sender ein einheitliches Design, beauftragte den Tiroler Komponisten Werner Pirchner mit der Neugestaltung sämtlicher Signations, erfand den Ö1 Club, das RadioKulturhaus, etablierte eine Marketingabteilung und machte Ö1 zum erfolgreichsten Kultursender Europas.

Als Medienmanager ein Phänomen

Damit könnte die Geschichte enden. Doch Alfred Treiber, der dieser Tage im Alter von 66 Jahren in den Ruhestand getreten ist, ist nicht so einfach abzuhaken. Er ist mehr als einer von vielen ORF-Granden, denen zum Abschied Dank und Anerkennung gebührt. Er ist als Journalist, Autor, Radiomacher und vor allem als Medienmanager ein Phänomen. Er repräsentiert einen Typus, den es in der modernen Medienwelt in dieser Form vermutlich nicht mehr geben wird.

Alfred Treiber war es nie egal, was er verkaufte. Der Erfolg, die Quote, die Reichweiten und die Marktanteile waren ihm stets nur Mittel zum Zweck. Denn der an Nestroy und Karl Kraus geschulte ehemalige Germanistik- und Philosophiestudent ist tatsächlich bis zum heutigen Tag davon überzeugt, dass Ö1 im gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Diskurs eine wichtige Aufgabe zukommt. Er ist tatsächlich der Ansicht, dass eine Gesellschaft informiert zu werden hat und nicht bloß unterhalten. Er ist tatsächlich der Ansicht, dass Friederike Mayröcker und Elfriede Jelinek mehr zu sagen haben als jeder Bundeskanzler und dass Kunst und Kultur unsere Wirklichkeit präziser abbilden als die ihr stets nachhechelnde Politikberichterstattung.

Er ist - und das ist wohl seiner politischen Sozialisation geschuldet - auf eine manchmal rührende Weise antiautoritär (vorausgesetzt, es handelt sich nicht um seine eigene Autorität), er ist auf stupende Weise rational, mitunter militant pragmatisch und schert sich im Allgemeinen wenig um gesellschaftliche Konventionen. Immer jedoch ist der ehemalige Mitarbeiter einer katholischen Schülerzeitung und Ex-Furche-Redakteur der Aufklärung verpflichtet.

Erfolg schützt

Alfred Treiber hat Ö1 nicht zum Erfolg geführt, um sich im Erfolg zu sonnen, sondern weil er früh erkannt hat, dass Aufklärung eines Transportmittels bedarf. Und dass es daher besser ist, wenn zehn Prozent aller Österreicherinnen und Österreicher Ö1 hören als, sagen wir, nur vier. Zudem hat er rechtzeitig verstanden, dass, auch unternehmensintern, allein der Erfolg den kostspieligen Sender schützt. Nur das Lamm kann geopfert werden, der Löwe nicht. Dafür hat er, der leidenschaftliche Spieler, ein Rundfunkleben lang gekämpft. Gnadenlos, teilweise. Gnadenlos nach innen und nach außen. Es mussten Bauernopfer erbracht werden, gelegentlich fielen auch der Läufer und der Turm. Er verschonte, wenn es denn um das größere Ganze ging, weder Freund noch Feind.

Bestehende Regeln und Konventionen hat Alfred Treiber immer bloß als eine von vielen Möglichkeiten betrachtet. Regeln können geändert, unterlaufen und verändert werden. Die Mittel sind sekundär. Nur wer so denkt, bewegt etwas. Und als erfahrener Orientale wusste er zu verhandeln. Schlitzohrig, lustvoll und mit einem sicheren Gespür, wie weit man gehen kann, und für die (menschlichen) Schwächen seiner Gegenüber.