Briefe an Herrn S. - Teil 1

Im Siegertext des 1981 geborenen Schriftstellers Kurt Fleisch steht die Welt auf dem Kopf. Ausschließlich per Brief therapiert ein vermeintlicher Psychiater und Gehirnphysiologe, der sich für einen Nobelpreisträger hält, einen Patienten, Herrn S.

1. Brief an Herrn S.

Montag, 28. Dezember 2009

Lieber Herr S.,

es war richtig, dass Sie mir sofort eine Nachricht zukommen haben lassen. Allerdings kann ich Ihrem Wunsch nicht nachkommen, bei Ihnen noch heute eine Lobotomie durchzuführen. Wir sollten diesen Schritt zunächst sehr sorgfältig überlegen, auch wenn ich die Dringlichkeit Ihres Problems gut nachvollziehen kann. Ich verstehe Sie tatsächlich, Herr S., ich sage Ihnen, selten war mein Wunsch, im Irrenhaus zu sein, größer als heute. Es gibt sehr schöne Irrenhäuser hier in Wien, wie Sie wissen.

Ich empfehle Ihnen, täglich die dreifache Dosis Haloperidol einzunehmen, am Besten gleich morgens, noch bevor Sie ins Büro fahren. Vielleicht können wir auf diese Weise von der Lobotomie nochmals absehen. Ich möchte Sie auch inständig darum bitten, auf die Versuche, sich selbst zu lobotomisieren, vorerst zu verzichten.

Ich erwarte Ihren nächsten Bericht,
Ihr Herr H.

2. Brief an Herrn S.

Sonntag, 03. Jänner 2010

Verehrter Herr S.,

ich bin außerordentlich erfreut, dass die Haloperidol-Therapie bei Ihnen den gewünschten Erfolg zu bringen scheint, auch wenn ein Großteil Ihrer Sätze völlig unverständlich ist. Doch das von Ihnen entwickelte Kategoriensystem menschlicher Genitalien interpretiere ich als großen Fortschritt. Wir sind auf dem richtigen Weg! Zu Ihrer Frage: nein, Sie brauchen sich wegen der Dosis keine Sorgen zu machen. Die richtige Dosis ist stets die Überdosis!

Ich erprobe inzwischen einen neuen Ansatz: ich habe nun seit 93 Stunden nicht geschlafen. Mit bloßem Koffein ist das zu erreichen. Um gleichzeitig die Nerven zu entspannen, würze ich meinen Kaffee mit Benzodiazepine. Der Mandelkern darf nicht tanzen! Schwäne! Nur einmal musste ich ins Irrenhaus, als es gestern aus dem Boden in den Himmel hinauf geregnet hat. Man sagte mir, es sei nicht die Realität, aber ich sage, es gibt gar keine Realität. Ich hatte mich sicherheitshalber mit schweren Gewichten am Boden fixiert. Nur so konnte ich dem Tod entrinnen. Nach wenigen Stunden wurde ich wieder entlassen. Schwäne: "alle Verbindungen gelten nur jetzt".

Entschuldigen Sie bitte meine abermals zu kurze Mitteilung, aber ich habe noch den Plafond aufzuwischen!

In Ungeduld Ihren Brief erwartend,
Ihr Herr H.

3. Brief an Herrn S.

Mittwoch, 06. Jänner 2010

Lieber Herr S.,

Sie haben Recht - in der Tat habe ich Sie durch amtsärztliche Weisung in die Irrenanstalt bringen lassen. Ich hoffe, Sie verstehen es nicht falsch, ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie die Hymne der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken vor meiner Türe singen (ja ich habe sogar mit gesummt), doch nach drei Tagen und drei Nächten brauchte ich etwas Ruhe. Wie ich ohnehin mit Freude lese, empfinden Sie meine Tat wohl - nicht zufällig habe ich das beste aller möglichen Irrenhäuser für Sie gewählt. Ich freue mich ebenso zu lesen, dass Sie die Zeit im "Schloss der verborgenen Lust", wie Sie diesen Ort bezeichnen, stundenlang lautstark Wilhelm Reich vortragen - vor vielen Zuhörern, wie ich höre, wobei es fraglich ist, ob diese jene von Ihnen vorgetragenen Sätze recht verstehen, doch darauf kommt es im Grunde nicht an, meine ich. Außerhalb der Anstalt hätten Sie nur einen Zuhörer (nämlich Ihren treuen Freund in meiner Person), in dieser Zeit, in unserer Zeit, in der der alte Herr Biedermeier zum neuen Vorbild wiederauferstanden ist. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass die Jugend von heute keinen Geschlechtsverkehr mehr zu treiben pflegt? Möglicherweise sind ihnen ihre Geschlechtsteile infolge der gesellschaftlichen Verhältnisse bereits abgefallen, was aber jetzt nur eine Idee ist. Wenn es doch einmal zu einem Sexualakt kommt, dann zumeist nur in Form einer passiven Rezeption pornographischer Filme, bzw. deren aktiver Nachstellung, deren Standardpraktiken jedoch zunehmend anale sind, wie meine Dissertation über die Entwicklungsgeschichte pornographischer Darstellungen belegt. Die sexuellen Verbindungen bilden daher auch nur noch die Wirklichkeit unserer Arbeitsverhältnisse ab (wobei natürlich unter anderen Vorzeichen alle Praktiken zu unterstützen wären, wie ich meine, wie auch Sie, Herr S., sicherlich meinen, wie ich meine).

Nun, ich gehe davon aus, wir beide seien der Meinung, dass Ihr Aufenthalt zum richtigen Zeitpunkt stattfindet, auch Ihre wiederholten Forderungen nach der Lobotomie unterstreichen diese Auffassung. Selbstverständlich würde ich im Notfall eine bei Ihnen durchführen, auch wenn ich seit über einem Jahr keine mehr vollzogen habe, ich sozusagen außer Form bin. Allerdings musste ich vergangenen Sonntag feststellen, dass wohl wieder eine größere Welle Zwangslobotomisierungen ansteht, als ich völlig fassungslos aus dem Beichtstuhl, in dem ich rasch meine Notdurft verrichtet hatte, einer katholischen Kirche, in welcher gerade ein Gottesdienst begonnen hatte, verließ, und dort tatsächlich die Bänke mit jungen, ja sogar hübschen Menschen gefüllt waren, die weder zu mir, noch zu Ihnen, Herr S., beteten, sondern zu einem Gott! Ob es noch derselbe Gott ist? Man weiß es nicht so genau. Wie Sie sich vorstellen können, musste ich mir sofort 10mg Lorazepam intravenös spritzen, um den Weg nach Hause antreten zu können. Sie sehen also, Herr S., ich habe Sie nicht in die Irrenanstalt einliefern lassen, sondern ich habe Sie von ihr befreit, wie Sie bereits selbst in einer früheren Korrespondenz festgestellt haben.

Ich möchte Sie nun nicht zu lange von Ihren Tätigkeiten abhalten, gebe Ihnen jedoch noch den Rat, am morgigen Feiertag ausreichend Psychopharmaka zu sich zu nehmen, damit Sie am folgenden Tag Ihre Leistung gegenüber Ihres Arbeitgebers erbringen können, schließlich hat dieser nicht nur Ihre Zeit, Ihren Geist und Ihren Willen gekauft, sondern auch Ihr Arschloch, wie wir nach meinen Studien wissen. Schlucken Sie dies am besten mit der Dosis, die ich bereits mit Ihren Ärzten abgesprochen habe, wie üblich hinunter.

Bitte senden Sie mir wie gewohnt Ihren Bericht, sobald Sie aus dem Irrenhaus entlassen sein werden.

Sie bewundernd,
Ihr Herr H.

4. Brief an Herrn S.

Donnerstag, 07. Januar 2010

Lieber Herr S.,

ich sage Ihnen, Herr S., seien Sie froh, im Irrenhaus zu sein! Denn hier, in der wirklichen Welt, kann man sich seines Lebens nicht mehr sicher sein. Wenn Sie denken, dass sich der Terrorismus auf Flughäfen und Flugzeuge, die sich zwischen zwei Flughäfen in der Luft befinden, beschränkt, dann irren Sie sich gewaltig. Am gestrigen Dreikönigs-Feiertag (ich wollte gerade den Schwan, der fortwährend "Alle Verbindungen gelten nur jetzt" zu mir sagt, schlachten und braten) standen tatsächlich drei Terroristen vor meiner Haustüre - Islamisten. Ein Schwarzer war auch dabei. Ganz richtig, Sie lesen recht. Sie trugen eine wohl im arabischen Raum übliche Tracht, wodurch ich sie dem Islam zugehörig identifizieren konnte, und waren mit einem Speer bewaffnet. Meines Nachbars Eingangstüre hatten sie schon für ihren nächsten Anschlag mit irgendwelchen kodierten, unlesbaren Zeichen markiert ("20 - C-M-B - 10"). Ich weiß nicht, was Sie gemacht hätten, mein geschätzter Herr S., doch ich habe wohl das einzig Richtige getan. Als die drei Terroristen auch noch zu singen begannen (ich vermute, irgendein Gebetslied des Muezzin), habe ich, wie es in unserem Land üblich ist, das Feuer eröffnet - zuerst auf den Schwarzen, selbstverständlich, den ich da auch erschossen habe. Die anderen beiden sind jeweils mit einem Oberschenkeldurchschuss davon gekommen. Sie können sich vorstellen, Herr S., dass ich danach nicht mehr fähig war, den Schwan zu schlachten. Stattdessen musste ich die fünffache Tagesdosis Alprazolam einnehmen. Alle Verbindungen gelten nur jetzt. jetzt. jetzt.

Nun, trotz all dem wünsche ich Ihnen alles Gute für Ihre heutige Entlassung, und natürlich auch viel Glück für Ihr Bewerbungsgespräch für die Stelle als Customer Focus Manufacturing Manager bei Lidl. Ich habe für Ihre Rückkehr bereits alles vorbereitet: die Hausapotheke ist vollständig gefüllt: SSRIs, SNRIs, NDRIs, Benzodiazepine, Neuroleptika, Opiate und Butyrophenone, um nur die wichtigsten zu nennen. Die Leninbüste steht gereinigt auf Ihrem Nachttisch, die Hanns Eisler Platte ist bereits am Plattenspieler positioniert und wartet dort auf Sie, um gespielt zu werden.

Ihre Ankunft freudig erwartend,
Ihr Herr H.

5. Brief an Herrn S.

Dienstag, 12. Januar 2010

Mein lieber Freund Herr S.,

ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst der hellen Köpfe. Ich kann Ihnen daher nur dringend raten, Ihre tägliche Dosis Haloperidol und Propofol zu verdoppeln, wenn Sie sich nicht wieder der Gesellschaft entziehen und also ins Irrenhaus wollen. Wie Sie wissen, Herr S., ist einer der tragenden Thesen meiner Habilitationsschrift, dass die Notwendigkeit von Sedativa im direkten Verhältnis zum Verstandesvolumen der betreffenden Person steht. Die Schwelle, das ist der Grenzwert der Intelligenz eines Menschen, unterhalb dessen er sich ohne Sedativa in die Gesellschaft als Marionettentheater einzugliedern vermag, ist dabei im Sinken begriffen. Ich möchte Ihnen damit sagen, Herr S., dass wir heute in einer Welt leben, in der selbst der Dumme (etwa der mechanische Mensch, der Automat, die Puppe, der ausführende Arm, und so weiter) häufig eine gewisse Dosis sedierender Gaben benötigt. Wie sollen also Sie, Herr S., ohne die zehnfache Dosis nur einen einzigen Tag überstehen?

Ich bedanke mich für Ihren ergreifenden Brief und möchte Ihnen sagen, dass der Schritt aus dem Irrenhaus immer sehr schmerzhaft ist. Es ist, als würde man von einem Freudenhaus direkt ins Zuchthaus geworfen. Das Irrenhaus ist wahrlich ein Freudenhaus, und das Freudenhaus ein Irrenhaus. Wir sind aber ausgesperrt, eingesperrt im Zuchthaus. Sperren Sie sich ins Klo ein, Herr S. Ich sperre mich gerne ins Klo ein, das Klo ist ein wenig wie das Irrenhaus. Sämtliche Zustände und Regungen des Gemüts, die ich mit dem Klo verbinde, sind positiv gefärbt. Das Klo ist ein äußerst angenehmer Ort. Sperren Sie sich ins Klo, Herr S., niemand wird sie stören. Wenn Sie jemand anrufen will, müssen Sie nicht abheben, wenn Sie gerade am Klo sitzen. Am Klo gibt es keinen Bildschirm, bestenfalls auch kein Fenster, keine Geräusche, keinen Text, keine Bilder, und hier, am Klo, müssen Sie nur eines, wenn Sie müssen, Sie müssen sich erleichtern, vom Dreck, der Ihnen tagtäglich hineingestopft wird, und sonst müssen Sie nichts. Es gibt tatsächlich Menschen, die den Rest ihres Lebens eingesperrt im Klo verbringen, insbesondere wenn ihnen der Zugang zur psychiatrischen Medizin verwehrt ist. Zuerst zwanzig Jahre Darsteller im Marionettentheater, dann vierzig Jahre Scheißen am Klo.

Nun, falls Sie doch wieder ins Irrenhaus wollen, fahre ich Sie gerne jederzeit hinauf. Hinauf - wie bei der Himmelfahrt! In der Hoffnung, dass Ihnen meine Ratschläge Erleichterung bringen, muss ich meinen Brief jetzt schließen, da ich aufs Klo muss, aber freue mich bereits, wie immer, auf Ihren nächsten Bericht.

Ihr Herr H.