Eine Karussellfahrt durch diverse Disziplinen
Naturwissenschaft
Der deutsche Titel wird Natalie Angiers Buch nicht gerecht. "Naturwissenschaft. Was man wissen muss, um die Welt zu verstehen" klingt nach einem staubtrockenen Nachschlagwerk. Doch davon kann keine Rede sein, lautet doch der englische Untertitel "a whirligig tour".
8. April 2017, 21:58
Grundlegende Prinzipien
Whirligig ist ein Karussell. Es kann auch ein Kreisel sein. In jedem Fall, so die Wissenschaftsjournalistin der "New York Times", ist es etwas Verspieltes. Und außerdem symbolisiert es den Gedanken des Kreises. Dass alles mit allem zusammenhänge, und so sei es ja auch in der Wissenschaft.
Das Buch ist also eher ein flotter Streifzug durch diverse naturwissenschaftliche Disziplinen. Natalie Angier erklärt, worauf es ihr angekommen ist: "Ich wollte die Grundzüge jeder Disziplin darstellen. Ich lasse die Relativitätstheorie aus und erwähne Quantenphysik kaum, versuche stattdessen grundlegende Prinzipien der Physik zu vermitteln. Wenn man diese kennt, versteht man mehr von der Welt. Man sollte also einen Begriff davon haben, was ein Atom oder elektromagnetische Energie ist."
"Bei der Biologie hat mir jeder geraten, die Evolution hineinzunehmen", sagt Angier, "das ist vor allem in den USA wichtig, weil sie hier so angefeindet ist. Und ohne Evolution versteht man Biologie nicht. Und auch die Zelle ist wichtig. Man muss verstehen, was eine Zelle ist, und darauf kann man dann aufbauen."
Die Arbeit großer Kinder
Natalie Angier musste Wissenschaft nicht erst für sich entdecken. Sie interessierte sich dafür von Kindheit an. Ihr Lieblingsort war das New Yorker Museum of Natural History. "Wissenschaft macht Kindern Spaß, weil sie sich mit der Natur identifizieren. Daran liegt ihnen viel, und darum ist es so leicht, Kindern Umweltbewusstsein zu vermitteln", so Angier.
"Kinder spielen auch gerne mit Erde und Schlamm. Sie erleben auch Wissenschaftsmuseen als unterhaltend, wo man mit Dingen herumspielen kann. In gewisser Weise ist die Arbeit in einem Labor eine Fortsetzung der Kindheit. Jeder Wissenschaftler, den ich interviewt habe, denkt von sich als großes Kind."
Wenn Kinder 12, 13 Jahre alt seien, erzählt Natalie Angier, meinten viele Eltern, es sei nun an der Zeit, für kulturell Anspruchsvolles. Diese Einstellung beobachtete sie auch bei ihrer Schwester. Damit beginnt sie ihr Buch:
Als ihr zweites Kind dreizehn wurde, fand meine Schwester, es sei endlich an der Zeit, ihre Mitgliedschaft für zwei Lieblingsorte der Familie erlöschen zu lassen: das Naturwissenschaftsmuseum und den Zoo. Das sei Kinderkram, sagte sie mir. Der Geschmack ihrer Kinder hatte sich weiter entwickelt. Sie fanden jetzt Gefallen an subtileren Formen der Unterhaltung - Kunstmuseen, Theater, Ballett. Ob das nicht toll sei? Kein Nachäffen der Gorillas mehr, kein Streit über die strukturellen Gründe für die weiße Farbe des Eisbärenfells, keine Verwunderung über den seltsamen Spitzbart aus Speichel, der sich am Kinn des Dromedars sammelt. Seufz. Wie rastlos sind die Flügelschuhe der Zeit, wie unbeirrt zeigen ihre zierlich-spitzen Stahlkappen nach vorn. Und wie alltäglich ist dieser gutbürgerliche Übergangsritus zum Erwachsenendasein: von den Mangaben zu Modigliani, von T-Rex zu Ödipus Rex.
Ignoranz der Erwachsenen?
Warum Eltern plötzlich Naturwissenschaften als frivolere Angelegenheit betrachten als ein Theaterstück von Shakespeare, sei die große Frage, meint die Autorin. Einer der Gründe mag sein: Wenn man etwas nicht versteht, lehnt man es ab. Die meisten Leute verstehen nichts von Wissenschaft. Es gelte gesellschaftlich auch nicht als Schande, ohne naturwissenschaftliches Basiswissen durchs Leben zu gehen.
"Viele Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe, verlieren mit dieser Einstellung allmählich die Geduld", sagt Angier. "Wenn ein Forscher auf einer Party ist und sagt, er sei Physiker oder Chemiker, wird sicher jemand spontan sagen: Ich bin in Chemie in der Schule durchgefallen. Oder: Ich habe mich schon seit Jahren nicht mit Wissenschaft beschäftigt."
"Wissenschaftler meinen, das sei eigentlich kein Grund, stolz zu sein", so die Autorin. "Man würde nicht im gleichen Ton mit politischer Unwissenheit prahlen. Man würde nicht ungeniert behaupten, dass man keine Ahnung vom Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten hat. Man kann Wissenschaft verstehen. Man muss sich nur ein bisschen bemühen."
Experimente im Alltag
Natalie Angier plädiert nicht für Faktenwissen, sondern für wissenschaftliches Denken. Darunter ist nicht zu verstehen, dass man die Reihenfolge der Elemente im Periodensystem auswendig weiß. Vielmehr sei es eine Haltung, eine Neugier, wie man auch an Dinge des Alltags herangeht. Sie schlägt vor, beispielsweise mehr Experimente zu machen.
"Mein Mann und ich sind beide Wissenschaftsjournalisten", erzählt Angier, "und wir haben über den Herd debattiert. Ich habe behauptet: Wenn ich die Flamme zuerst ganz hoch aufdrehe, erreiche ich die gewünschte Temperatur schneller. Mein Mann hat das bestritten. Wir haben hin- und herdiskutiert. Und dann haben wir gesagt: Wir machen ein Experiment. Es hat sich herausgestellt, dass wir beide recht hatten. Bei einem Gasherd hilft es, wenn man die Flamme anfangs höher stellt. Beim Elektroherd ist das nicht der Fall. Das ist nur ein kleines Beispiel dafür, dass man statt zu debattieren etwas ausprobieren kann."
Die Welt unter der Lupe
Ein wissenschaftliches Werkzeug solle in keinem Haushalt fehlen, meint die Autorin: ein Mikroskop, am besten ein qualitativ solides Stereomikroskop, wie man es im naturwissenschaftlichen Unterricht etwa beim Sezieren verwendet.
"Es verändert das Leben, wenn man Dinge unter dem Mikroskop sieht", erzählt Angier." Ich hasse zum Beispiel Moskitos. Ich hasse es, gebissen zu werden. Doch wenn man eine Stechmücke unter dem Mikroskop betrachtet, sieht sie fast aus wie ein Geigenspieler. Da sind all die vielen Details. Es eröffnet sich eine neue Welt. Und darum geht es bei Wissenschaft: Um das Auftun einer neuen Welt."
Service
Natalie Angier, "Naturwissenschaft. Was man wissen muss, um die Welt zu verstehen", aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Hainer Kober, C. Bertelsmann Verlag
Random House - C. Bertelsmann
The New York Times
American Museum of Natural History
