Gerda in London

Gerda ist eine moderne junge Frau. Sie lebt in London und jobbt als Kindermädchen, sie reist nach Madrid und nach Mexiko, zwischendurch besucht sie den Kirtag im niederösterreichischen Watzelsdorf und verbringt alle zwei Jahre im November ein paar Tage in Bad Aussee. Was sie an diesen Orten erlebt, entwickelt sich oft vom Realen zum Surrealen.

Gerda hatte das West End schon immer verabscheut. "Diese heuchlerische Gegend", sagte sie immer, "die einem ein London vorspielt, das es nie gegeben hat, nie geben wird. Diese schicken Häuser von Notting Hill, deren rote, blaue, türkise Türen ja nur in die Bedeutungslosigkeit einladen." Darum hielt sich Gerda seit Jahren im Osten der Stadt auf. Authentizität, sagte sie sich, Authentizität. Zum Jahreszeitenwechsel ging sie stets zu Anoop Akhtar, den Schneider. Anoop war nicht der beste Schneider in Whitechapel, aber er hatte die schönsten Stoffe. Gerda liebte den Geruch der Stoffe, ihre unterschiedlichen Beschaffenheiten. Samt, Spitze, Besticktes, weich fließende Baumwolle und Leinen.

Anoops Geschäft lag am Ende der Brick Lane, in einem kleinen aus Backstein gebauten Haus, das zur Straße hin keine Fenster hatte, nur eine Tür mit bunten Glasscheiben. Anoop ließ das Maßband von Gerdas Schulter bis zur Hüfte hinunter hängen und fasste ihre Taille schließlich damit ein. "You lost weight", sagte er. "Lost?" fragte Gerda. Anoop ging wie üblich ins Lager, um Gerda die Stoffe, die er gerade erst aus Bangladesh bekommen hatte, zu zeigen. Gerda schaute sich in der Zwischenzeit um. Staubig war es. Ja gar verdreckt. In der Ecke unter der Schneiderpuppe saß Anoops Leguan. Er sah viel größer aus als sonst. Und warum konnte sie ihn hören? Die knackenden Geräusche, die er machte, weil er gerade einen Wurm verschlang?

An der Garderobenstange, die von der Tür bis zum Verkaufstisch reichte, hingen fertige Kleidungsstücke zur Abholung. Gerda ging die Stange entlang, streifte mit ihren Fingern über die Anzüge, Kleider und Blusen. Mrs. D'Antal, Mr. Ryosuke Ho, Mrs. Brown. Anoop hatte jedes Kleidungsstück sorgfältig mit einem kleinen Zettel gekennzeichnet. Sie zog ihre Hand wieder von Miss Deedles Leinenhose. Ihre Finger waren völlig verschleimt. Die Masse rann schneller als Wasser zu ihrem Ellbogen hinab. Sie warf einen Blick zu der zum Lager hin offen stehenden Tür. Eine Maschine hatte angefangen zu arbeiten. Taktaktaktaktak. Zu laut für eine Nähmaschine. Mit ihrer linken Hand griff sie nach einem roten Samtkleid. Das Namensschild fehlte. Es war ein klassisch geschnittenes Etuikleid, an den Rändern des Dekolletees mit dunkelblauer Baumwolle eingefasst.

Wie von selbst legte sich der Stoff an Gerdas Haut, bewegte sich das Kleid über ihren Kopf, ihren Körper hinab. Sie blickte an sich herab, als der Saum am Dekolletee sich zu öffnen schien. Ihr Gesicht, dann ihr Kopf, dann ihr ganzer Körper wurde von einer angenehm mächtigen Sogwirkung in den Saum verschlungen.
Es war nun ganz dunkel. Nur in einer Ecke, vielleicht am Boden, sah sie verkümmerte, weinerlich schreiende Lipizzaner. Die Pferde waren dicht aneinander gedrängt und auf ihren strahlend weißen Körpern flossen Blut und Eidotter hinab. Sie gab einem der Ekel Zucker. Das Tier verschlang ihre Hand, und schließlich Gerda selbst.

Gerda hörte dumpfe Stimmen und klapperndes Geschirr. Und jetzt sah sie auch wieder Licht. Das Pferd hatte sie ausgespuckt. Auf den Michaelerplatz, in den Gastgarten des Café Griensteidl.

"Haben gnä' Frau noch einen Wunsch?" fragte der Kellner. Gerda nickte. Sie gefiel sich in der neuen Bluse und leerte ihre Melange darüber.