Hacking the city

"Hacking the city" heißt eine Ausstellung im Folkwangmuseum im deutschen Essen Die Schau ist Teil des Kulturhauptstadtprogrammes Ruhr 2010. "Hacking the city" zeigt Beispiele kreativer und widerständiger Kunstaktionen von bildenden Künstlern, Web-Designern und Street-Artisten, die zum Ziel haben, sich Freiräume zurückzuerobern.

Kulturjournal, 10.09.2010

Ein zotteliges Monster geht durch die Straßen Essens. Vom Kopf bis zu den Zehen ist es mit schlammgrauen zerschnittenen Stoffbändern behängt, nichts deutet darauf hin, wer sich hinter der Yeti-ähnlichen Gestalt verbirgt. Und obwohl er nicht gerade unauffällig ist und sich beinahe jeder nach ihm umdreht, ist er doch völlig anonym. MacGhillie heißt dieser Tarnanzug aus dem Ersten Weltkrieg. Jeder kann ihn sich ausborgen, anziehen und die Erfahrung völliger Anonymität selbst machen, gesichtslos werden und nicht mehr identifizierbar, sagt die Kuratorin der Ausstellung "Hacking the city", Sabine Maria Schmidt.

Ein Mensch, der seine Erfahrung als MacGhillie gemacht hat, hat seine Erfahrung als Audiofile ins Internet gestellt. Anonym durch die Stadt – sichtbar und unsichtbar zugleich. Wo liegt die Grenzlinie zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, genau das ist auch das Thema der Ausstellung "Hacking the City", sagt Kuratorin Sabine Maria Schmidt: "Unsere Kommunikation wird immer virtueller, immer unsichtbarerer, wir wissen nicht mehr, wie unsere Technologien funktionieren, wer hackt wen, wer kontrolliert wen, wer hört wen ab, wer nutzt wessen Daten, wie und in welcher Form."

Virtuelles Schachbrett

Mit dem Umgang von Daten hat sich die Gruppe Mediengruppe Bitnik auseinandergesetzt. "Chess for CCTV Operators" heißt ihr Überwachungskameraprojekt In Essen. "Die sind einfach mal durch die Stadt gegangen und haben geschaut, was gefilmt wird." Die Mediengruppe Bitnik zapft dann diese Überwachungskameras an und ersetzt deren Bilder durch ein eigenes Videosignal – dem Bild eines virtuellen Schachbretts. Der Monitor im Kontrollraum wird also zu einer Spielkonsole umgewandelt und der Überwacher zum Spielen herausgefordert.

Wie mediale Systeme manipuliert werden, und zwar so, dass sie dem Betrachter eine neue Sichtweise auf die Mechanismen dahinter ermöglichen, das zeigt die Ausstellung im Folkwangmuseum in vielen Beispielen. Der kleine Ausstellungsraum im riesigen neuen Gebäude zeigt nicht die Kunst an sich, sondern dient nur der Dokumentation von Aktionen, die draußen auf den Straßen und in den unendlichen Weiten des Internets stattfinden.

Ausnutzen von Lücken

"Hacking the City" – der aus der Computerpraxis stammende Begriff des Hacking wird hier als kulturelles Hacking verstanden, also das Benutzen einer Technologie zu eigenen Zwecken, das Umgehen von Sicherheitsbarrieren und das Ausnutzen von Lücken. Dazu gehören viele verschiedene Formen, etwa Flashmob-Aktionen, wo sich unterschiedlichste Menschen via SMS, über Online-Communitys oder E-Mail verabreden, sich an öffentlichen Plätzen treffen und gemeinsam ungewöhnliche Dinge tun, wie applaudieren, tanzen oder sich eine Polsterschlacht liefern.

Aber auch das "Guerilla Gardening" ist eine Form, die Stadt zu hacken, und zurückzuerobern. Richard Reynolds ist einer der Pioniere des Guerilla Gardening – in Essen hat er zu einer großen Seedbomb-Aktion aufgerufen: Menschen bewaffnen sich mit aus Erde und Samen geformten Saatbomben, Schaufel, Kübel und Pflanzenzwiebel und bepflanzen wild öffentliche Grünflächen.

Vor aller Augen

Diese Störungen und versteckten oder offenen Aktionen zeigen auch die Möglichkeiten von Verweigerung auf. Wie kann Widerstand künstlerisch artikuliert werden? Widerstand zum Beispiel gegen einen allmächtigen Überwachungsapparat. "Stillschweigend werden uns Freiräume entzogen, ohne dass wir es merken oder wissen, wie es funktioniert", sagt Sabine Maria Schmidt.

Die kanadische Künstlerin Michelle Teran hat in ihrem Projekt "Freiluftkino" etwa die Bilder aus drahtlosen Überwachungskameras abgezapft und diese dann mit einem Beamer an eine Hauswand projiziert. Davor wurde ein Zuschauerraum aus Sesseln arrangiert und Popcorn verkauft. Die Liveübertragung dauerte genauso lang wie ein Kinofilm.

Jens Sundheim arbeitet schon seit 2001 an seinem Projekt "Der Reisende". Er ist ein Tourist, der solche Orte aufsucht, auf die Webcams gerichtet sind. Schließlich, so Sundheim, müssten das ja interessante Orte sein, sonst würden sie nicht gefilmt. Vor Ort angekommen, posiert er im Bild, der Fotograf Bernhard Reuss speichert dann die übertragenen Bilder, die den Reisenden zeigen, fotografiert ihn per Webcam und dann werden die Bilder vergrößert und ausgestellt.

Das Überwachungskamera-Theater

Kameras sind eine Verletzung der Privatsphäre, haben Bill Brown und Susan Hull schon 1996 erkannt, als von Google Streetview noch keine Rede war. Und gegen diese Verletzung der Privatsphäre haben sie in New York ihr Überwachungskamera-Theater gegründet, die Surveillance camera players. In einer Gründungserklärung der Gruppe heißt es:

"Die Überwacher haben nur dann Spaß an der Arbeit, wenn etwas Illegales passiert. Aber weil die Kriminalitätsrate unten ist und die U-Bahnen so sicher wie vor 30 Jahren sind, gibt es für sie immer weniger zu sehen. Und so haben wir also eine Gelegenheit und ein Problem. Die Gelegenheit ist, den Überwachern etwas anderes zum Sehen zu geben als Sex und Gewalt. Und das Problem ist, dass ein gelangweilter Überwacher ein unaufmerksamer Überwacher ist. Und ein unaufmerksamer Überwacher ist ein Vergeudung von Raum, Zeit und Geld."

Ihre Stücke schreiben die surveillance camera players – kurz SCP selbst oder adaptieren Texte, wie Alfred Jarrys "Ubub Roi", George Orwells "1984" oder Becketts "Warten auf Godot". Gesprochen wird naturgemäß nicht, die Teilnehmer halten ihre Dialoge auf Kartontafeln in die Kameras. Ihre eigenen Stücke tragen Titel wie "It's ok, officer" oder "Just going to work" oder "On my way home" – und oft ist das Eingreifen von Sicherheitskräften der dramatische Höhepunkt ihrer Stücke.

"Wir sind keine Anarchisten", sagt Bill Brown, "denn wären wir das, würden wir die Kameras einfach zerstören und wir hätten auch keine Website." Die meisten Perfomances fanden in New York City statt, wo es allein 5.000 Kameras gibt. Aber auch in Europa, in Bologna, Stockholm, London, München, Barcelona oder Graz waren die SCP schon zu Gast.

Es gibt Handlungsspielraum

Aktionen wie diese sind witzig und gesellschaftskritisch zugleich. Und gerade einer jüngeren Generation sollen sie Mut machen, widerständiger zu werden, kreativer, verantwortlicher. Auch wenn das System dadurch nicht verändert werden kann, so soll doch gezeigt werden, dass es auch in einer sehr komplexen, globalen und überwältigenden Welt noch einen Handlungsspielraum für jedes Individuum gibt. Anregungen, die Stadt zu hacken, findet man noch bis 26. September 2010 in der Ausstellung "Hacking the city" im Essener Folkwangmuseum.

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Ruhr.2010 - Hacking the city