"Immer noch Sturm"

Zunächst sollte es als Theaterstück uraufgeführt werden, doch dann gaben Peter Handke und Claus Peymann ihre Zusammenarbeit auf. Jetzt ist Handkes neues Stück "Immer noch Sturm" in Buchform erschienen - ein Text über Kärntner Partisanen im Widerstand gegen Hitler.

Kultur aktuell, 20. 09. 2010

"Peter Handke und Claus Peymann haben sich entschieden, die Zusammenarbeit für die im Februar 2011 vorgesehene Uraufführung von Handkes neuem Stück "Immer noch Sturm", die als Gastspiel am Wiener Burgtheater geplant war, aufzugeben", das meldete die Austria Presse Agentur vor rund vier Monaten. Ausschlaggebend für die "Entscheidung waren unterschiedliche Erwartungen an die Ästhetik der Inszenierung, aber auch dispositionelle Fragen der Realisierung", hieß es weiter.

"Eine universelle und gleichzeitig eine Kärntner Geschichte" wollte er schreiben, sagt Peter Handke. Im Mittelpunkt: eine "Fiktion seiner Person" ein Ich, von dem Peter Handke erzählt: "Ich war ein Bub und ich habe wirklich nur Bahnhof verstanden. Meine Mutter hat mit mir manchmal, um mich zu provozieren, Slowenische gesprochen, aber eigentlich nur um mein blödes Gesicht zu sehen."

Leidenschaftlich und poetisch

Das "Ich" hat Peter Handke in seinem Stück unter Anführungszeichen gesetzt. Ein Chronist wollte er sein, sagt er, und der erzählt von seinen slowenischen Vorfahren im Widerstand gegen das Nazi-Regime - leidenschaftlich und poetisch zugleich.

Der Schauplatz: Das Jaunfeld in Südkärnten, das alte Siedlungsgebiet der Kärntner Slowenen. Es treten auf: die Mutter, die Großeltern, Ursula, die Schwester der Mutter, und die Brüder der Mutter: Benjamin, Valentin und - Gregor.

Gregor hieß auch der Onkel von Peter Handke, der sich im Zweiten Weltkrieg den Partisanen anschloss und seither verschollen ist und der für seine Mutter eine wichtige Bezugsperson war.

"Dadurch, das ihr ältester Bruder, den sie sehr geliebt hat, Gregor Sievets, so hieß er, Gregor der Graue könnte man das übersetzen, im Krieg gerade für Hitler, das war die Tragödie der Familie, gefallen war, hatte sie keine Person mehr mit der sie das Slowenische, seelisch weiter schwingen lassen hätte können", erzählt Handke.

Was ist Sprache?

"Immer noch Sturm". In seinem Stück sei es ihm um die großen Fragen gegangen: "Was ist Krieg? Was ist Familie? Was ist Landschaft? Und was ist - vor allem - Sprache?"

"Im sogenannten Unterkärnten oder Südkärnten wo auch Slowenisch gesprochen wurde oder wird, da waren glaube ich 90 Prozent slawisch. Wie das meine Großelter ihre eigenen Sprache bezeichnet haben, was man vor Slowenen nicht sagen darf, Windisch, ein slowenischer Dialekt, der war überall präsent und hat die Luft rhythmisiert", sagt Handke.

Uraufführung in Österreich geplant

In Österreich soll sein Stück uraufgeführt werden wünscht sich Peter Handke, und es sollte hier auch Dauer haben. Die Peymann-Inszenierung wäre als Gastspiel nach kurzer Zeit wieder zurück nach Berlin gewandert und Peymann sei es nur um Taktik und Strategie gegangen, sagt Peter Handke - das habe ihn verletzt.

Als Theaterautor ist man heutzutage fast fehl am Platz. Ich spüre mich immer zwischen der alten Theaterschreibegilde, die es ja überhaupt nicht mehr gibt, und den Neueren. Ich bin da irgendwo in einem Zwischenbereich, wo ich mich durch fantasiere und doch immer denke an Schauspieler. Ich denke immer an Körper, ich denke an Menschen die reden. Ich denke an Existenzen, an Widerreden, ich denke was ist das Drama, auch wenn es nur eine Sekunde dauert. Ich bin ein Schriftsteller, ich habe keine Ideologie, ich habe nur Probleme.

Im kommenden Jahr soll "Immer noch Sturm" voraussichtlich doch auf die Bühne kommen. Interesse an der Uraufführung hat Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann ebenso bekundet wie die Salzburger Festspiele.

Textfassung: Walter Gerischer-Landrock