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Kultur

Die vielen Seiten des Nordbahnhofs

Ein Skulpturenpark zwischen Güterwaggons

Das Gelände des Wiener Nordbahnhofs liegt zwischen dem Bahnhof Praterstern (fast fertig) und dem Nordwestbahnhof (noch nicht begonnen): Weder war der Nordbahnhof in Wien in letzter Zeit ein funktionaler Bahnhof, noch gibt es hier nur eine Baustelle.

Auch hinsichtlich des Fortschritts des innerstädtischen Entwicklungsgebiets liegt der Nordbahnhof irgendwo dazwischen: Seit einigen Jahren gibt es hier schon bewohnte Neubauten, wenige Meter weiter stehen jedoch ausrangierte Güterwaggons weiterhin auf rostigen Gleisen.

Eroberung der Stadtbrachen

Sie habe als Kind gerne auf Stadtbrachen gespielt, erklärt die spanische Künstlerin Lara Almarcegui. Für ihre Ausstellung in der Wiener Secession hat sie einen Guide zu den Gstätten des Nordbahnhofs herausgegeben. Sie will die Wiener und Wienerinnen ermutigen, sich das alles anzuschauen, bevor Gestrüpp, Gleise und die Reste der alten Gebäude verschwinden. Denn das geht schnell.

"Wastelands waiting for the moment ..."

Lara Almarcegui hat sich in die Brachen des Wiener Nordbahnhofs verschaut und sie zum Teil ihrer aktuellen Ausstellung in der Wiener Secession gemacht.

Alles neu, noch niemand da

Gespielt wird am Nordbahnhof bald nicht mehr auf den brachliegenden Gstätten wo die Pflanzen wuchern, sondern auf dem brandneuen Spielplatz des "Campus". So wird das Gebäude, in dem Kindergarten und Volksschule untergebracht sind, genannt.

Hier ist alles ordentlich und steril, wohl gutgemeint und doch sehr traurig. Die Kinder fehlen, vielleicht ist das der Grund, wieso man sich wie in einer 3-D-Visualisierung vorkommt. Es ist Sonntag. Auf den Baustellen ist auch nicht viel mehr los.

Diesseits und jenseits des Zauns

Öffnungen in den Bauzäunen gibt es überall. Eine andere Leopoldstädter Baustelle, der Augartenspitz, ist mit Stacheldraht umzäunt. Die Gegner des Sängerknabenkristalls kampieren gleich daneben. Sie geben keine Ruhe, und entsprechend nervös sind die Wachleute. Sie beginnen schon bedrohlich die Augen zu rollen und zu schnauben, wenn man nur eine Minute ohne böse Absichten durch den Spalt im Bauzaun späht. So eine gründliche Bewachung wäre am Nordbahnhof - insgesamt ist das Gebiet 76 Hektar groß - gar nicht möglich.

Ein paar Menschen sind mit Hunden unterwegs, die können hier äußerln, ohne dass man ein Sackerl mithaben muss. Hundefäkalien sind hier ein eher geringes Problem, verglichen mit bereits im Erdreich Verborgenem: Blindgänger vom Bombardement des Geländes im Zweiten Weltkrieg etwa, oder Pestizide, die vom giftigen Abfall der hier früher ansässigen Gewerbebetriebe in den Grund gesickert sind.

Mal hier, mal da

Zwischen Praterstern und Nordwestbahnhof laufen konzertierte Parallelaktionen von Bau und Bahn ab. Der Zugverkehr wird gleichzeitig mit den Aushubarbeiten abgewickelt: Architekten und Stadtplaner verstehen schon seit Jahren anhand von 3-D-Visualisierungen, wie es in der neuen Stadt einmal aussehen wird, während Pendler verzweifelt vor Anzeigetafeln am Praterstern stehen, um herauszufinden, von welchem Bahnsteig heute ihr Zug fährt.

Die Gleichzeitigkeit von Vergangenem, Fertigem und Zukünftigem, also das Nebeneinander von rostigen Gleisen und zum Trocknen aufgehängter Wäsche auf den Balkonen der Neubauten, macht den Nordbahnhof zu einem mustergültigen Baustellenbahnhof.

Gestaltung: Anna Soucek · 21.09.2010

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