Haruki Murakamis Anspielung auf Orwell

1Q84

Haruki Murakami ist Japans erfolgreichster Gegenwartsautor. Seine seltsamen Liebesgeschichten, die von rätselhaften Gestalten bevölkert werden, wurden weltweit zu Bestsellern. Sein neuer Roman mit dem geheimnisvollen Titel "1Q84", der jetzt auf Deutsch erscheint, scheint aber noch einmal alle Rekorde zu schlagen.

Hinter dem merkwürdigen Titel "1Q84" verbirgt sich, dank eines einfachen Wortspiels, nichts anderes als das Jahr 1984. Oder besser eine geheimnisvolle Parallelzeit, die sich damals aufgetan hat. So wie George Orwell in "1984" über die Zukunft fantasierte, so wollte Murakami die Geschehnisse der Vergangenheit umschreiben.

Zwei Figuren, ein Mann und eine Frau, beide um die Dreißig, verlieren durch rätselhafte Begebenheiten, ihre Bodenhaftung. Ein Motiv, das Haruki Murakami von einem seiner literarischen Vorbilder entlehnt hat: "Ich liebe die Welt, die Kafka erschaffen hat, diese labyrinthische Welt, wie er sie in 'Das Schloss' oder in 'Der Prozess' beschreibt. Dieses Herumirren des Menschen in einem undurchschaubaren Labyrinth, das fasziniert mich."

Wenn Fiktion real wird

Sie heißt Aomame und bringt im Auftrag einer alten Dame gewalttätige Ehemänner auf raffinierte Weise um. Er heißt Tengo und ist eine typische Murakami-Figur: ein passiver Einzelgänger, nicht sonderlich ehrgeizig, der Mathematik unterrichtet und seine Freizeit dem Schreiben widmet. Als er den Auftrag bekommt, den Roman einer Schülerin umzuschreiben, wird er dort mit einer Welt konfrontiert, die von seltsamen kleinen Wesen, den Little People, bevölkert wird. Diese fiktive Welt stellt sich aber mehr und mehr als real heraus.

"Es ist ein Kniff, den ich nirgends abgeschaut, sondern selbst entwickelt habe und der sehr japanisch ist", sagt Haruki Murakami. "Die japanischen Mythen unterscheiden sich ja völlig von denen im Westen. Bei uns existieren die Götter überall, an allen möglichen Orten gibt es Tore zur anderen Welt."

In Japan "der Westler"

So japanisch die Durchlässigkeit der Welten bei Murakami auch sein mag, so verbunden ist er dem amerikanischen Literaturbetrieb. Lange Jahre hat Murakami in den Vereinigten Staaten gelebt und die Romane von Scott Fitzgerald, Truman Capote oder Raymond Chandler ins Japanische übersetzt. Und noch heute pflegt er viel mehr Freundschaften zu amerikanischen Schriftstellern als zu denen in seiner japanischen Heimat. Von konservativen Kreisen wird er deshalb auch immer wieder als "Westler" angefeindet.

Tatsächlich haben die geheimnisvollen Sphären, die Murakami in "1Q84" erschließt, weniger mit japanischer Religion als vielmehr mit westlicher Psychoanalyse zu tun. "Was mich interessiert ist der Seelenzustand des Menschen, der Untergrund der menschlichen Seele", so Murakami.

Die Mörderin als Bach-Fan

Musik spielt wie in allen Romanen Murakamis eine prominente Rolle. Murakami hat selbst in seinen Zwanzigern einen Jazzclub geführt, seine früheren Romanhelden legten regelmäßig Platten von den Beatles und Bob Dylan auf.

In "1Q84" hört die kühle Killerin jetzt Bachs "Wohltemperiertes Klavier" und die "Sinfonietta" von Janácek. Genau dieses Spannungsverhältnis zwischen solchen ganz realen Details und einer insgesamt fantastischen Welt ist es auch, das den Zauber von Haruki Murakamis Romanen erklärt. Und da macht "1Q84" keine Ausnahme.

Service

Haruki Murakami, "1Q84", aus dem Japanischen übersetzt von Ursula Gräfe, Dumont Buchverlag

Random House - Haruki Murakami
Dumont Buchverlag