Neu erschienenes Buch der Bücher

Bücher sind für viele lebensnotwendig. Doch was ist das Buch eigentlich? Antworten auf diese Grundsatzfrage suchen Schriftsetzer, Literaturwissenschaftlerinnen, Archivare, Bibliophile und Grafikerinnen in der neuen Anthologie "Seitenweise".

Im Zeitalter der Bedrohung des gedruckten Buches durch digitale Lesegeräte stellen die Herausgeber der in der Edition Atelier erschienenen Anthologie "Seitenweise" eine grundlegende Frage: Was ist das Buch eigentlich? Antworten suchen Schriftsetzer, Literaturwissenschaftler, Archivare, Bibliophile und Grafiker. Es geht um Lesegewohnheiten ebenso wie Zweckentfremdungen des Buches, um Ordnungssysteme und Universalbibliotheken, um Büchermorde und Bibliomanie. Und auch um mögliche Zukunftsszenarien.

Mediale Parallelerscheinungen

Zunächst wird sich nichts ändern, aber etwas hinzukommen. Verschiedene Medien werden nebeneinander existieren, weiß Mitherausgeber Peter Plener Befürchtungen über das Ende des Buches zu zerstreuen: "Es wird sich was ändern im Bewusstsein, das wir für das gedruckte Buch haben, aber die Umsätze werden nicht einbrechen. Im Gegenteil, sie sind ja steigend."

Die haptische und sensorische Wirkung eines Buches ist mit dem eines digitalen Lesegerätes nicht zu vergleichen, meint Lydia Miklautsch, Professorin für Ältere Deutsche Literatur an der Universität Wien. Das Buch verlangt nicht nur einen eigenen sensorischen Umgang, sondern fordert auch eine eigene Form des Denkens heraus: "Es ist ein ganz anderes Gefühl, wenn man eine Pergamentseite oder eine Papierseite berührt, als wenn man auf einem Touchscreen wischt, um die Seite zu wechseln. Ich sehe, dass die Berührung zum Rezipieren von Literatur dazugehört."

Ornament und Klopapier

"Das Buch als Instrument der Psychopathologie", "eine Phänomenologie des Lesens" oder "ein Lexikon der anderen Verwendungsformen des Buches", also von Angeberei über Klopapier bis Zimmerschmuck. Das sind einige der Aspekte, die Autoren in "Seitenweise" behandeln.

Hermann Schlösser, Kulturredakteur der "Wiener Zeitung", beschäftigt sich in seinem Text mit dem Buch als Lustobjekt und stellt fest: Man muss ein Buch nicht gelesen zu haben, um es zu lieben: "Es gibt Leute, die riechen an Büchern, bevor sie sie kaufen. Es ist ein sinnliches Objekt. Die Literaturwissenschaft hat diese Aspekte meist ignoriert und sich immer nur mit dem Geist beschäftigt, der in einem Buch steckt. Es gibt eben schöne Bücher und weniger schöne, und die schönen locken einen mehr an."

Literaturwissenschaftler Bernhard Fetz

"Die Aura von Büchern ist für mich nie verschwunden."

Lesen als performativer Akt

Die gewaltigen Unterschiede zwischen dem stillen Lesen und dem lauten Vorlesen analysiert Bernhard Fetz vom Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. Gerade Kinder brechen lineare Erzählstrukturen auf und fordern eine performative Darstellung des Vorgelesenen ein. Eine andere Eigenschaft, die Kinder im Umgang mit Büchern teilen: Sie gehen meist nicht zimperlich mit ihnen um und fügen gerne ihre eigenen "Hypertexte" in Form von Zeichnungen hinzu.

Von Eselsohren bis Bücherverbrennung

Von manchen Erwachsenen werden bereits Eselsohren oder Widmungen in Bleistift als Vandalismus betrachtet – andere finden nichts dabei, Seiten mit Leuchtstiften und Kugelschreibern zu bearbeiten oder ausgelesene Bücher im Altpapier zu entsorgen. Zweifellos endet die Gewaltskala bei Zensur und Verbrennung - doch wo beginnt die Misshandlung von Büchern?

Für Hermann Schlösser liegt das Ermessen beim Besitzer, und auch das sei eine Qualität des Buches. Bernhard Fetz bezeichnet als die größte Missachtung gegenüber Gedrucktem, wenn es nicht beachtet wird. "In der Fülle von Gratispapier, die uns jeden Morgen begegnet, wenn wir die U-Bahn besteigen, könnte man ja die Wallung haben, daneben ein Buch zu legen, ein kleines Gegenwicht zu schaffen zur unendlichen Flut an bedrucktem Papier, die uns umgibt."

Service

Hg. Thomas Eder, Samo Kobenter und Peter Plener, "Seitenweise. Was das Buch ist", Edition Atelier, Wien, 2010.

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