Istanbul zieht Bilanz

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, und so auch das Jahr dreier Kulturhauptstädte: das ungarische Pecs, Essen in Deutschland und Istanbul. Damit war zum ersten Mal auch ein Nicht-EU-Land kulturelle Hauptstadt. Doch die lokale Kunstszene beklagt, das Kulturhauptstadt-Jahr habe für sie keine Verbesserungen gebracht und nennt Istanbul nur noch "Hauptstadt des Fiaskos".

Kulturjournal, 01.12.2010

Verprassen von Steuergeldern, viel Show und keine Verbesserungen für die lokalen Künstler - so lautet die Bilanz des heurigen Kulturhauptstadt-Jahres aus Sicht der freien Kunstszene. Und auch jene, deren Projekte unterstützt wurden, üben Kritik: Geld sei eher in traditionelle als in junge, moderne Kunst geflossen, heißt es.

"Es ist viel instand gesetzt worden, der Großteil des Budgets aufgewendet worden, um Renovierungsarbeiten zu machen", sagt der österreichische Documenta-Teilnehmer Peter Kogler. Er war in Istanbul an zwei Projekten beteiligt: Er leitete die Workshops "Lives and Works in Istanbul", bei denen er junge Künstler aus der Türkei bei ihrer Arbeit unterstützte. Und er entwarf im Auftrag der Kulturhauptstadt einen Teppich, der seine berühmten Windungen zeigt.

Mehr Altes als Neues finanziert

Doch etwa zwei Drittel des 270 Millionen Euro schweren Kulturhauptstadt-Budgets sind in die Restaurierung von Gebäuden wie der Hagia Sophia des Topkapi Museums geflossen. Auch der Umbau des Atatürk-Kulturzentrums, benannt nach dem einstigen Staatsgründer, wurde auf diese Weise finanziert.

Instandhaltung statt Innovation? Von offizieller Seite hört sich das ganz anders an. Emre Gözgü ist Direktor für Moderne Musik im Büro der Kulturhauptstadt. Den Vorwurf, die Kulturhauptstadt habe nur traditionelle Kunst gefördert, weist er vehement zurück: "Das ist kein berechtigter Einwand. Ich leite den Musikbereich abseits der Klassischen Musik, und wir haben sehr viele Projekte realisiert, die neu und modern sind."

Die besagten 270 Millionen Euro sind weit mehr als andere Kulturhauptstädte bekommen und wären eine riesige Chance für die Türkei, ein Land, in dem staatliche Kunstförderung ein seltenes Gut ist. Doch um die Vergabe der Gelder rankten sich von Anfang an Korruptionsgerüchte, weshalb zu Beginn des Jahres die Besetzung des Kulturhauptstadt-Büros ausgetauscht wurde. Bald darauf zog der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk sein prestigeträchtiges Museumsprojekt aus dem offiziellen Programm zurück.

Kultur aktuell, 29.11.2010

500 Projekte gefördert

Murat Aysan bringt seine Kritik auf den Punkt: "Die Kulturhauptstadt ist ein riesiger Pfusch. Ich habe wie viele andere keine Verbesserungen gesehen. Es war eher so, dass das ganze Budget für Feuerwerke oder Ähnliches ausgegeben wurde. Die marginalen Dinge, die umgesetzt wurden, kratzen nur an der Oberfläche."

Murat ist Anfang zwanzig und Videokünstler. Viele seiner Freunde arbeiten für Film und Medien, schreiben Blogs und veranstalten Vernissagen. Insgesamt wurden von der Kulturhauptstadt über 500 der rund 2.500 eingereichten Projekte gefördert. Doch Murat sagt, er kenne niemanden, dessen Projekt realisiert wurde. Er glaubt, ausländischen Künstlern wurde der Vortritt gegeben. Seiner Meinung nach wäre türkischen Künstlern geholfen, wenn sie ihre Kunst im Ausland zeigen könnten. Doch für die Einreise in die EU bedarf es eines Visums, und dieses zu bekommen ist für viele eine unüberwindbare bürokratische Hürde.

Wäre also der EU-Beitritt und die damit verbundene Reisefreiheit die Lösung aller Probleme? Der aus der Türkei stammende Künstler Mehmet Dayi sagt, zumindest das könnte ein Verdienst des Kulturhauptstadt-Jahres sein, schließlich wurde dieser Titel bisher nur an EU-Länder vergeben.

Service

Istanbul 2010