Neues Album von Kanye West

Egal ob im amerikanischen Musikmagazin "Rolling Stone" oder im deutschen Feuilleton - "My beautiful dark twisted fantasy" von Kanye West wird als eines der besten Alben des vergangenen Jahres gefeiert. Kanye West ließ sich die Produktion seines fünften Studioalbums drei Millionen US-Dollar kosten.

Kuklturjournal, 30.12.2010

Während viele Major Labels im Sterben liegen und lieber billig produziert wird, ließ Kanye West seine Lieblingskünstler zu Hauf in sein Studio in Hawaii einfliegen. An dem Lied "All of the Lights" waren besonders viele Musiker beteiligt, erklärt Flip alias Philipp Kroll von der oberösterreichischen Hip Hop-Formation Texta:

"Da spielt halt dann der Elton John Piano, und die Fergie von Black Eyed Peas singt vier Zeilen, und die Rihanna den Refrain, und die Sängerin von La Roux singt dann auch noch den Schluss. Es ist, glaub ich, ein 32-köpfiges Orchester aufgenommen, das das spielt."

Opulentes Album

Ende der 1990er Jahre begann Kanye West seine musikalische Karriere als Produzent und seitdem hat er Pop und Hip Hop wesentlich beeinflusst. Als einer der ersten hat er Soulmusik gesampelt, also Ausschnitte anderer Musiker wiederverwendet. Sein aktuelles Album quillt vor Chorgesang, Gitarrensoli und Streichersounds förmlich über. Diese Opulenz hat ihren Preis: Obwohl das Album in den USA auf Platz eins lag, haben es einige Singles zwar auch in die Charts, aber nicht auf die Top-Plätze geschafft. Denn die Lieder sind eigentlich nicht Hitparaden-tauglich.

"Es ist nicht so auf Hit produziert", meint Flip. "Im Vergleich zum vorletzten Album, beispielsweise. wo 'Stronger' wochenlang Platz eins war, weltweit. Oder 'Gold Digger' vom zweiten Album, das auch die Chats gestürmt hat. Da ist eigentlich kaum eine Nummer drauf, weil es eigentlich so radioformat-untaugliches Material ist. Diese Runaway-Nummer, die halt neun Minuten dauert, wo dann sozusagen nach dem Beatbreakdown die Nummer fünf Minuten dahin geht, mit Instrumentalisten eingespielt und solche Spielereien."

Anspielungen auf Michael Jackson

Zu dem Lied "Runaway" hat Kanye West ein 30 Minuten langes Video produziert, das mit seinen Spezialeffekten eher an einen Spielfilm als an ein Musikvideo erinnert. Im Video verliebt sich Kanye West in ein vogelartiges Wesen, das dem Weltraum entsprungen ist, und aufgrund seiner Andersartigkeit immer Alien, also fremd, bleibt. Neben der etwas banalen Love-Story gibt es im Video zahlreiche Anspielungen auf Michael Jackson, Wests großes Vorbild.

Ähnlich wie Jackson inszeniert sich West als Kunstfigur, und sein "Runaway"-Video wird mitunter mit Jacksons "Thriller" verglichen. Über sein Musikvideo sagt Kanye West, er sehe sich als Geschichtenerzähler und habe sich von "Star Wars" und Filmemachern wie George Lucas, Federico Fellini und Stanley Kubrick inspirieren lassen. Das Ganze habe er dann mit Hardcore-Hip-Hop und souliger Rock-Musik vermischt.

Modebewusst

Kanye West gibt sich gerne kunstaffin: Regelmäßig bloggt er über Design und war sogar drei Wochen lang Praktikant beim italienischen Modelabel Fendi. Statt weiter Hosen trägt er Maßanzüge, gerne auch in knalligen Farben - weshalb ihn einige Rap-Kollegen als schwul abstempeln. Kanye West selbst hat die homophobe Hip-Hop-Szene mehrmals kritisiert. Überhaupt entspricht er dem Klischee eines Hip-Hoppers nur bedingt: Er ist nicht im Ghetto, sondern wohl behütet aufgewachsen. Er durchbricht damit die Grenze dessen, was im Hip Hop üblich ist.

"Die Grenze überwindet er schon immer ganz interessant", so Flip, "insofern finde ich ihn auch eine spannende Figur, als Überwinder von Stereotypen, wo es doch oft um den harten Johnny geht, der's geschafft hat. Dieses Scarface-Modell, das ja oft vorherrscht im amerikanischen Rap, hat er nie gehabt."

Gesprächsstoff im Weißen Haus

Doch Kanye West hat auch den Ruf eines selbstverliebten Großmauls, und mit seinen Ausrutschern schafft er es in den USA regelmäßig in die Nachrichten: Letztes Jahr stürmte er wütend die Bühne der "MTV Music Awards", denn seiner Meinung nach hätte er oder seine Freundinnen den Preis verdient. Daraufhin gab es sogar eine Rüge von Präsident Barack Obama; er nannte West einen Idioten.

Das war nicht das erste Mal, dass Kanye West für Gesprächsstoff im Weißen Haus sorgte: Nachdem der Hurrikane Katrina New Orleans verwüstet hatte, nannte Kanye West George Bush einen Rassisten - was den damaligen Präsidenten schwer getroffen hat, wie nun in seiner Biografie nachzulesen ist. In dieser bezeichnet Bush Wests Beschuldigung als den "tiefsten Punkt seiner Karriere als Präsident".

Auch wenn Kanye West in seinen öffentlichen Auftritten den Bogen oft überspannt - seine kompromisslose, undiplomatische Art hat auch sein Gutes. Er hat die im Hip Hop vorherrschenden Männlichkeitsstereotypen und restriktiven Genregrenzen durchbrochen, ist experimentierfreudig und größenwahnsinnig - und das ist seiner Musik durchaus zuträglich.

Service

Kanye West