Schmutz, Schund und der Geist der 1950er

Die zarten Anfänge der Popkultur im Österreich der Nachkriegszeit wurden zumeist als "Schmutz und Schund" bewertet. Was da vorwiegend aus den USA nach Europa schwappte wurde häufig als Bedrohung empfunden. Die Medienforscherin und Historkerin Edith Blaschitz hat dises heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Phänomen erforscht und auch mit ganz ähnlichen heutigen Ängsten verglichen.

Mittagsjournal, 4.1.2011

Kino und Kriminalität

Kinofilme und Comics machen aus Menschen Verbrecher und Prostituierte - davon war man in der Nachkriegszeit überzeugt. 1956 unterschrieben eine Million Menschen gegen Schmutz und Schund und zogen mit Plakaten gegen die "Volksseuche Unsittlichkeit" durch die Straßen. Aber glaubte man tatsächlich, Donald Duck-Hefte hätten pornographisches Potential?

Die Historikern und Medienforscherin Edith Blaschitz präzisiert: "Aus heutiger Sicht sagt man 'Naja, Donald Duck, das ist ja völlig lächerlich, was soll da passieren, aber es war die tatsächliche Angst, dass quasi diese Bilder an sich sexualisieren, also nicht nur die Darstellung von Sexualität - was bei Comics ja gar nicht passiert - dringen ins Unterbewusstsein ein und lösen gewisse Triebe aus."

Informelle Zensur des Alltags

Die Verfassung verhinderte zwar Zensur, die Filmemacher setzten jedoch häufig auf die Produktion harmloser Streifen, um keine finanziellen Einbußen zu riskieren. Die Polizei achtete vor den Kinos darauf, dass sich keine Jugendlichen einschleichen, und in der Schule sollten Kinder ihre bösen Comic-Hefte gegen pädagogisch wertvolle Lektüre eintauschen. Die Medienforscherin bezeichnet dies als informelle Zensur im Alltag: "Die Kirche hat eine Initiative gestartet, die hieß das Filmversprechen, da mussten die Gläubigen kleine Zettelchen ausfüllen, in denen stand: 'Ich verspreche und gelobe, dass ich keine Filme anschauen werde, die nicht von der Katholischen Kirche von gut befunden worden sind.'"

Im Zeichen gesellschaftlicher Hygiene

Der Kampf gegen Schmutz und Schund wurde zwar von der Katholischen Kirche vorangetrieben, konnte aber auch auf breite Unterstützung der Öffentlichkeit und der Parteien zählen. Nach der Zeit des Nationalsozialismus ging es nun um so etwas wie die Entwicklung des idealen Österreichers, sagt Edith Blaschitz: "Es gab diesen Versuch das Land wieder zu reinigen, den Versuch diesen neuen, demokratischen. österreichischen Menschen zu bauen und all das böse, als dass Schlechte soll von ihm ferngehalten werden."

Computergames sind der neue Schund

Der Einzug der Popkultur konnte spätestens ab den 1960er Jahren nicht mehr gestoppt werden. Neue Medien haben jedoch bis heute keinen guten Stand in der öffentlichen Meinung. Nicht selten wird Verbrechen mit "gewaltverherrlichendem Medienkonsum" erklärt. Edith Blaschitz sagt, sie fühlt sich bei der Zeitungslektüre oft in die 50er Jahre zurück versetzt: "Wenn ich heute die Überschriften in den Zeitungen lese, denke ich mir 'Hoppala, ein Deja vue, das habe ich doch schon gelesen, nur steht jetzt statt Film Computerspiel. Und es ist genau die gleiche Argumentation. Und wir sehen die Wiederholung dieses ahistorischen Bewusstseins, dass wir sagen 'Naja sicher, sind ja die Medien Schuld.'"

Wenn uns also Donald Duck nicht zu Verbrechern und Prostituierten gemacht hat, dann, so zieht die Medienwissenschaftlerin ihren Schluss, werden die Kids von heute wohl auch die Musik von Marilyn Manson und wohldosiertes Computerspielen unbeschadet überstehen.

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Donauuni Krems - Edith Blaschitz