Jonas Kaufmann in Wien

Spätestens seit seinem Debüt an der New Yorker Metropolitan Opera 2006 zählt Jonas Kaufmann zu den international gefragtesten Tenören des heutigen Opernbetriebs. Auch die Wiener Staatsoper ist auf seinem Terminkalender zu finden. Am Montag, 17. Jänner 2011 zum Beispiel war er dort als Werther zu hören. Ein Rollendebüt am Haus am Ring.

Kulturjournal, 18.01.2011

Auch die Wiener überzeugte er als Werther: Leidend, aber nicht zu larmoyant, eine Gratwanderung, an der er seit seinem Rollendebüt im Jänner 2010 an der Opera Bastille in Paris gearbeitet hat: "Was den Charakter betrifft, muss man sich auf einen Weg einschießen, der das Publikum mitnimmt und nicht mit Larmoyanz abschreckt. Das kann sehr leicht passieren. Ich war hier als letztes in 'Tosca'. Dort macht man den Mund auf und badet in der Musik und die Sache ist erledigt. Hier ist es schon anders. Da muss man schon mehr tun, als vor sich hin singen und hoffen, dass es reicht."


Ein bisschen mehr als das tut er eigentlich immer - auch bei Tosca. Wie Jonas Kaufmann überhaupt ein Sänger ist, der sich auch mit den sogenannten Provokateuren unter den Regisseuren zu arrangieren weiß. Zahlreiche extreme Inszenierungen hat er schon hinter sich gebracht - zuletzt etwa "Fidelio" in München, wo er die Inszenierung von Calixto Bieito als "grenzwertig", aber durchaus interessant bezeichnet.

Kleine Rollen währen Studienzeit

Jonas Kaufmann wurde 1969 in München geboren, besuchte dort die Musikhochschule, und wirkte bereits während seiner Studienzeit in kleinen Rollen an Produktionen der Bayerischen Staatsoper und des Theaters am Gärtnerplatz mit.

Sein erstes Engagement führte ihn 1994 ihn an das Saarbrückener Staatstheater und dort gleich in eine existenzielle Krise - der junge Sänger hatte es wissen wollen und war über seine Grenzen hinaus gegangen.

Neue Sicherheit mit neuer Technik

"Ich wollte einfach wissen, ob das Instrument funktioniert oder nicht. Und es hat nicht funktioniert, zumindest nicht mit der Technik, die ich damals hatte. Ich habe dann Gott sei Dank einen neuen Lehrer gefunden, der mir etwas anderes beigebracht hat. Das fühlte sich mit einem Mal so unglaublich sicher und solide an, dass ich dann ganz neues Vertrauen gewonnen habe - Gott sei Dank sehr früh. Weil je länger man diese Schwierigkeiten hat, desto mehr kratzt das an der Psyche", erinnert sich der Sänger.

Die erste Krise überwunden, war Jonas Kaufmann nicht mehr zu bremsen: Stuttgart, Mailänder Scala, Salzburger Festspiele, Ensemblemitglied des Opernhauses in Zürich, Chicago, Paris, Royal Opera House in London und 2006 das Debüt an der Metropolitan Opera in New York - bis heute ein Meilenstein seiner Karriere.

"Das liegt eventuell auch daran, dass man mit den Erfolgen fast abstumpft, was natürlich auch der Leistung zugute kommt, denn je rationaler man ist, desto lockerer ist man und kann das steuern uns selbst genießen. Weil nur dann ist man in der Lage Höchstleistungen zu bringen, ohne sich gleich extrem zu verausgaben, nur weil man meint, etwas ganz Besonderes reißen zu müssen", sagt Kaufmann.

Bayreuth abgesagt

Vergangenen Juli debütierte Jonas Kaufmann als Lohengrin in Bayreuth. Heuer allerdings muss ein anderer singen: Die Bayreuther Proben waren ausgeweitet und verlegt worden, Kaufmann hat andere Verpflichtungen, die er einhalten will, auch wenn so ein attraktiver Partner wie Bayreuth ruft.

Neben der Oper widmet sich Kaufmann auch dem Liedgesang. Seine erste CD mit Liedern von Richard Strauss, erschienen 2006, wurde im In- und Ausland hoch gelobt und mit dem Classic Gramophone Award 2007 ausgezeichnet. Zwei Jahre darauf stürmte er mit seiner ersten Arien-CD die Bestsellerlisten und wurde dafür weltweit mehrmals ausgezeichnet.

Biografie erschienen

2009 wurde er zum Sänger des Jahres gewählt. Und auch wenn er noch etwas zu jung dafür ist, ist jüngst seine Biografie unter dem Titel "Meinen die wirklich mich?" erschienen. Und dass die fortzusetzten sein wird, lassen geplante Rollendebüts wie Manrico in Verdis "Il Torvatore", Andrea Chenier in Umberto Giordanos gleichnamiger Oper oder Siegmund in Wagners "Walküre" vermuten.

Textfassung: Rainer Elstner