Liebe Geschichte

Die Beteiligung der Eltern oder Großeltern am Nationalsozialismus, sowie Verbrechen, die in dieser Zeit begangen wurden - das sind in vielen Familien gut gehütete Geheimnisse, die von späteren Generationen wohl nie vollständig aufgeklärt werden können. Der Dokumentarfilm "Liebe Geschichte" der Künstlerinnengruppe Klub Zwei, der nächste Woche im Kino anläuft, beschäftigt sich damit.

Ein Schwerpunkt liegt in "Liebe Geschichte" auf Frauen; nicht nur sind die Protagonistinnen allesamt Frauen, auch wird hier ein Thema aufgegriffen, dem die Forschung noch nicht allzu viel Aufmerksamkeit gewidmet hat: Frauen als NS-Verbrecherinnen, Frauen als Täterinnen.

Kultur aktuell, 23.02.2011

Folternde Mutter

Als Kind hatte sie die Frau als liebevolle, hilfsbereite Mutter kennengelernt. Erst viel später, als Erwachsene, erfuhr sie, dass ihre Mutter als SS-Aufseherin im KZ Ravensbrück Menschen gedemütigt und gefoltert hatte. Eine andere Protagonistin des Films "Liebe Geschichte" erzählt von ihrem Vater, der in einer SS-Sondereinheit Partisanen verfolgt und seinen Lebenslauf nach dem Krieg gefälscht hatte. Vieles über seine Verbrechen wird unaufgeklärt bleiben – damit müssen die Frau, und auch ihre Tochter, die im Film zu Wort kommt, umgehen.

Ambivalente Haltungen

Fünf Protagonistinnen, allesamt Frauen, die älteste 1943 geboren, die jüngste 1995, erzählen über die Beteiligung ihrer Vorfahren am Nationalsozialismus, wie diese Vergangenheit ihr Leben prägt und wie sie mit den unbeantworteten Fragen umgehen. Historische Zusammenhänge werden im Spiegel der Gegenwart betrachtet. Die Künstlerin und Filmemacherin Simone Bader sagt: "Es ist ein Film über Ambivalenz geworden: einerseits das Verurteilen der Beteiligung der Familienmitglieder, und sie andererseits als nahestehende Personen wahrzunehmen."

In die Stadt eingeschrieben

Gedreht wurden die Interviews an Orten in Wien, die jeweils einer Dekade nach dem Zweiten Weltkrieg zugeordnet werden. Entsprechung findet das in einem sachlichen Kommentar aus dem Off zum Stand der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Bauwerke, wie das Gänsehäufel, die UNO-City, das Haas-Haus oder das MuseumsQuartier dienen als Architekturkulissen, verweisen aber auch darauf, dass sich die NS-Vergangenheit mit der Nachkriegsgeschichte und der Gegenwart überlagert.

Klub Zwei, wie sich die Künstlerinnen Jo Schmeiser und Simone Bader als Duo nennen, verlegen die Aufarbeitung von innerfamiliären Angelegenheiten in den öffentlichen Raum, denn genau dorthin gehört das Thema, meint Jo Schmeiser: in die Öffentlichkeit.

"Liebe Geschichte", der neue Film von Klub Zwei, startet am 3. März 2011 im Wiener Stadtkino.