Rudolf Steiner und die Esoterik-Szene

Ab der Jahrhundertwende veröffentlicht Rudolf Steiner Schriften zu Mystik, Christentum, zur "geistigen Welt". Der Anthroposoph war der erste, der Geheimlehren unter das Volk zu bringen versuchte. In Vorträgen und in Schriften lieferte er Anleitungen für die Eroberung des Übersinnlichen.

Die Faszination des "Geheimen" ist viele Jahrhunderte alt. Antike Mysterienkulte befassten sich damit ebenso wie die christliche Gnosis oder die jüdische Kabbalah. In der Neuzeit griffen Geheimgesellschaften wie die Freimaurer und die Rosenkreuzer auf diese Traditionen zurück.

"Wir sehen am Ende des 19. Jahrhunderts eine Vielzahl von esoterischen, spiritistischen, hermetischen Gruppen", erklärt Helmut Zander, der kürzlich eine neue Biographie zu Rudolf Steiner vorgelegt. Fast allen gehe es darum, eine geheime Weisheit wiederzuentdecken, die dem Geist aufhelfen solle, die geistige statt die materialistische Orientierung garantiere, so Zander weiter.

"Das sind richtige spiritistische Vereinigungen, etwa die Bruderschaft von Luxor in Amerika, das ist letztlich auch die theosophische Gesellschaft, aber auch die esoterische Freimaurerei", zählt Zander auf. "Alle diese Gruppen versuchen zum Teil mit Riten über meditative Wege diese höhere Erkenntnis zu lehren und systematisch möglich zu machen."

Von der Distanz zur Begeisterung

Zum ersten Mal begegnet Rudolf Steiner dieser Welt in Wien während seiner Studienzeit an der Technischen Hochschule. Seine Postadresse war das Café Griensteidl, aber es waren andere Kreise als das weithin bekannte Wien des Fin de siècle, in denen er verkehrt, auch wenn er durch die Theosophin Marie Lang wiederum Rosa Mayreder kennenlernt, mit der ihn nicht nur eine Freundschaft verband, sondern zunächst einmal auch eine Distanz gegenüber Spiritismus und Esoterik, die ihm im Kreis um Marie Lang begegneten. Aber jemand anderer beeindruckte ihn überaus, wie er sich in seiner Autobiographie erinnert:

Friedrich Eckstein war Polyhistor, Literat und Mäzen, Förderer Anton Bruckners, ihm verdankt die Österreichische Nationalbibliothek einen Großteil von Bruckners Autographen. Eckstein war mit Sigmund Freud befreundet und zeitweilig auch sein Mitarbeiter, er machte ihn mit Yoga bekannt. Im Salon von Friedrich Ecksteins Frau, Berta Diener, verkehrten Karl Kraus, Peter Altenberg und Arthur Schnitzler, die Eckstein-Villa in Baden ist Schauplatz von Schnitzlers Theaterstück "Das weite Land".

"In den 1880er Jahren ist Eckstein gerade Theosoph, aber auch mit einem großen Interesse für christliche Mystik", erzählt Helmut Zander, " Und Steiner verdankt Friedrich Eckstein eine kurze Phase, in der er sich mit dem pietistischen Christentum beschäftigt und er liest Jung-Stillings 'Heimweh', eines der christlich-mystischen Traktate des späten 18. Jahrhunderts."

Suche nach alternativen Lebenskonzepten

Lange bevor New-Age-bewegte Hippies die Schriften von Carlos Castaneda lasen und im Drogenrausch versuchten, mit unerklärlichen Phänomenen in Kontakt zu kommen, gab es um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bereits eine frühe Form der bürgerlichen Protestbewegung.

Am Monte Verita bei Ascona versammelten sich Philosophen, Künstler und Lebensreformer, um alternative Lebenskonzepte auszuprobieren. Ein intellektueller Untergrund, zu dem auch Theosophen gehörten und wo okkulte Gruppen aus dem Fundus mystischer Traditionen neue Experimente anstellten.

Dort entwickelte Aleister Crowley, bis heute bekannt als Urheber eines Tarot-Decks, seine Theorien über die magische Kraft des Geschlechtsverkehrs. Er leitete einen Zweig des berüchtigten OTO, des sogenannten Ordo templis orientis.

"Das ist eine freimaurerische kleine Gruppe, die in ihre Zeremonien sexualmagische Praktiken gelegt hat", führt Zander aus. "Man hat versucht im sexuellen Akt, im Orgasmus die Möglichkeit höchster Erkenntnis zu schaffen. Das hat erst einmal nichts mit Steiner und der Theosophie zu tun, aber er will 1904 selbst eine Freimaurerei einrichten und braucht dazu einen Ritus. Den kauft er sich bei Theodor Reuß, der die Führungsgestalt des OTO ist. Er hat früher mit Karl Kellner, einem Wiener zusammengearbeitet, der den Tantrismus Indiens rezipiert hat. Europäer rezipieren im Tantrismus die Versuche, durch Sexualität Erkenntnis zu erlangen. Das hat nicht viel mit Indien zu tun, aber wird dann in Europa wirksam."

Die "entlehnte" Reinkarnation

Zwar wollten die Gerüchte über sexuelle Praktiken in Steiners Freimaurerei bis in die Zeit des Nationalsozialismus nicht verstummen, aber die habe er mit ziemlicher Sicherheit nicht mit übernommen, sagt Helmut Zander. Indisches Ideengut ist jedoch anderweitig in Steiners Lehre eingeflossen: Aus dem Buddhismus hat er die Lehre von der Reinkarnation übernommen und modifiziert.

Die Wiedergeburt ist in der anthroposophischen Lehre keine Strafe, sondern eine Chance auf Selbsterlösung, auf positive Schicksalsbewältigung in Eigenverantwortung. Die Vorstellung von der Seelenwanderung hat es übrigens auch innerhalb der europäischen esoterischen Tradition bereits gegeben. Um 1900 wurde der Buddhismus in Europa zu einer Art philosophischer Intellektuellenreligion. Auch die Theosophie hat ihn aufgegriffen.

Die 1875 in New York gegründete Theosophische Gesellschaft erstreckte sich bis nach Indien, wo 1879 eine Loge gegründet wurde. Der deutsch-englische Orientalist Max Müller publizierte Mitte des 19. Jahrhunderts die "Heiligen Bücher des Ostens" in fünfzig Bänden. Die Theosophen rezipierten das gigantische Quellenmaterial und machten sich in Indien selbst auf die Suche nach neuem Material.

Existenz einer geistigen Welt

Steiner übernimmt für seine Anthroposophie die zentralen Inhalte der Theosophie: die Existenz einer geistigen Welt, die Gewissheit, dass diese durch Meditation erschlossen werden kann, bis hin zur Nutzung geistiger Erkenntnis für die Praxis von der Medizin bis zur Pädagogik. Aber er erweitert diese Inhalte um eigene, um Goethe zum Beispiel und um eine esoterisch verstandene Christologie, indem er die Bibel durch übersinnliche Erkenntnis ersetzt.

Rudolf Steiner ist nicht der Einzige auf der Suche nach einer geistigen Realität hinter der Oberfläche der materiellen Welt: Auch Hermann Graf Keyserling, zu dessen Gegnern Rudolf Steiner zählte, machte sich auf den Weg nach Indien und war vorübergehend ein Anhänger der Theosophie, bevor er seine "Schule der Weisheit" gründete.

"Wenn man wissen will, warum dieses Programm 'übersinnliche Erkenntnis' überhaupt attraktiv war, dann muss man auf eine Krise im 19. Jahrhundert schauen", erklärt Zander."Wichtige Texte wie etwa die Bibel wurden historisch-kritisch analysiert - man hat sich gefragt, wo kommen die her, hat dieser Jesus überhaupt gelebt? Und diese Verunsicherung hat viele Intellektuelle und bildungsbürgerliche Menschen erfasst. Steiners Anspruch auf übersinnliche Erkenntnis ist eine Antwort auf diese Verunsicherung. Denn Steiner war der Meinung, man brauche jetzt überhaupt keine Bibel mehr, man brauche diese unsicheren Schriften nicht mehr, sondern man könne alles, was wichtig ist, in diesem Weltgedächtnis nachlesen."

Service

Helmut Zander, "Rudolf Steiner. Die Biografie", Piper Verlag

Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft
Piper Verlag - Rudolf Steiner