Musik, Film und Theater im Salon 5

Der Salon 5 liegt im 15. Wiener Gemeindebezirk, dem Bezirk mit dem höchsten Ausländeranteil. Vor drei Jahren haben die Regisseurin Anna Maria Krassnig und der Musiker Christian Mair in dem Grätzl ihr "Theater im Abseits", den Salon 5 gegründet, eine Spielstätte, wo man Musik, Film und Theater miteinander verbinden will.

Kulturjournal, 28.02.2011

Ein Kosmos öffnet sich

Salons gibt es viele im 15. Bezirk: Frisiersalons, Hundesalon, Eis- und Beautysalons und viele einschlägige Salons in Gürtelnähe. Den Salon5 findet man nicht so schnell: Der Garageneingang in der Fünfhausgasse 5 ist versteckt, doch dahinter eröffnet sich ein wahrer Kosmos, sagt Regisseurin Anna Maria Krassnigg.

"Airan Berg hat einmal gesagt, dass eigentlich das ehemalige Schauspielhaus-Motto 'Treten Sie ein in eine andere Welt' bei uns viel besser passen würde. Weil es eine ganz intime Situation ist, man vermutet nicht, dass sich dieses Universum dahinter befindet", so Krassnigg.

Altes jüdisches Grätzl

Das Ensemble aus Häusern, kleinen Höfen und Terrassen erzählt von dem alten jüdischen Grätzl, das hier vor dem Zweiten Weltkrieg zu den ärmsten Gebieten der Stadt zählte. Eine Synagoge gab es hier und den Turnertempel, Kindergarten und Storchenschul und den ehemaligen Turnverein Makkabi. Die zerstörte Turnhalle mit ihrer klassizistischen Fassade ist von der jüdischen Kulturgemeinde wiederaufgebaut worden und bildet heute das Zentrum von Salon5.

"Es waren die Grundmauern noch da und es waren lustigerweise diese oberen Stangen, wo wir jetzt die Scheinwerfer hängen haben, waren alte Aufzüge für Reckstangen und Ringe", erzählt Krassnigg, die den Salon5 leitet. Die Halle dient als Pausenfoyer und Aufenthaltsraum, hier kann man Getränke und Essen konsumieren und vor allem diskutieren.

Diskussionen gewünscht

"Was das betrifft, ist das Wort 'Salon' sehr ernst gemeint. Und uns sind eigentlich diese Stunden danach wichtig, wo die Menschen sich über das Merkwürdige, Ungeheuerliche oder Unverständliche, das man da gesehen hat, unterhalten. Diese Unterhaltung regen wir auch gerne an. Das ist auch ein bisschen ein Markenzeichen. Es gibt mittlerweile, weil das sehr nachgefragt wird, fast nach jeder zweiten Vorstellung einen Talk oder eine Diskussion - uns sei es für 15 Minuten", berichtet Krassnigg.

Über Stiegen gelangt man in den oberen Raum - früher eine ehemalige Erbsenschälfabrik. Ein großer weiter Raum mit gusseisernen Fenstern, die den Blick auf die umliegenden Wohnhäuser freigeben. Die Fenster spielen auch in den Produktionen immer wieder eine Rolle - so auch in der aktuellen, Leo Perutz' "Zwischen 9 und 9".

Große Terrasse

Vom Loft aus gelangt man auf eine riesige Terrasse: "Wenn man draußen steht, ist es natürlich besonders im Sommer toll, weil sich viel Leben rundherum in den Höfen abspielt und man wirklich so mittendrin ist", so Krassnigg die unter dem Namen iffland & söhne den Salon5 gemeinsam mit dem Musiker und Sounddesigner Christian Mair leitet.

"Wir haben ein Wanderleben 18 Jahre durch Europa gehabt - und haben es noch", so Krassnigg. "Und ich möchte es nicht missen. Der Großteil unserer Arbeiten sind internationale Koproduktionen und das hier ist unser kleiner spinöser Wiener Outlet."

Wiederaufnahmen wegen großer Nachfrage

Ein neues Theater in Wien noch dazu über dem Gürtel - das funktioniere nicht, habe man ihr gesagt, aber dem sei nicht so. Die beiden Vorstellungen aus der letzten Saison - "Zwischen 9 und 9" und die Shakespeare-Collage "Power to hurt" - werden jetzt aufgrund der großen Nachfrage wiederholt.

Und wer kommt in den Salon5? Junge Menschen, Studenten, älteres Publikum, die in den großen Häusern Abos haben, und viele, die früher im Wiener Schauspielhaus ihre Heimat gefunden haben, sagt Anna Maria Krassnig. Die Leute aus der Umgebung, die zum großen Teil migrantischen Hintergrund haben will man verstärkt mit Aktionen hereinbringen - etwa mit Workshops an den Schulen oder die Aktion "Junger Salon", bei dem migrantische Jugendliche aus dem Bezirk angesprochen werden sollen.

"Wenn jemandem das Spielen selbst fremd ist und das Theater nur als eine Bildungsinstitution kennt, die mich verarscht, weil sie mir von Vornherein das Gefühl gibt 'du kannst das eh nicht, du müsstest mehr davon verstehen, um überhaupt mitzureden', das ist ganz vehement da. In dem Moment, wo die merken: Das kann ich ja auch, in dem Moment baut sich dieses Vorurteil ab."

Internationale Koproduktionen

Mit einer bescheidenen Standortförderung von 50.000 Euro im Jahr kann man deshalb überleben, weil vieles in Koproduktion entsteht und man über zwei Drittel der Gelder von ausländischen Partnern erhält: "Es gibt niemanden, der hier angestellt ist, das ginge gar nicht, weil es eigentlich alle aus Liebhaberei machen. Die Urlaube und die Schulgelder bezahlt man aus anderen Quellen. Das sind wirklich Herzensprojekte."

Ideen, Menschen und Energie - um hier 365 Tage im Jahr zu spielen wären vorhanden, so Krassnigg. Das würde aber eine andere Subventionierung erfordern. So bespielt man das Haus rund vier Monate im Jahr - mit thematischen Schwerpunktblöcken im Herbst und im Frühjahr.

Presse ziert sich

Die Erfahrung der drei Jahre hat gezeigt, dass man beim Programmieren immer mutiger sein kann, wenn man das Publikum einmal überzeugt hat. Schwieriger ist es da mit der Presse - nur was bunt sei und leuchte, darüber werde berichtet, so Krassnigg, die aus eigener Erfahrung weiß, dass sie, wenn sie an Josefstadt oder in Reichenau inszeniert, weitaus mehr Presse hat, als in drei Jahren im Salon5.

"Für alles Neue ist das natürlich tödlich. Mit welchen Mascherln oder Namen soll ich dem Redakteur heute kommen?" Sie werde immer gefragt: "Was ist der Aufhänger?"

Der Aufhänger ist der Salon5 an sich - ein neues, ambitioniertes Theater mit einer interessanten Geschichte und einer guten Aura, dessen Besuch auf jeden Fall lohnt - frei nach dem Motto: Treten Sie ein in eine andere Welt!

Textfassung: Rainer Elstner