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Kultur

Jeder stirbt für sich allein

Hans Falladas antinazistischer Krimi

"Jeder stirbt für sich allein" von Hans Fallada ist eine spannungsreiche NS-Widerstands-Geschichte im Stil eines klassischen Kriminalromans. Alle bisherigen Auflagen basierten auf einer zensurierten Version. Die nunmehrige Neuedition präsentiert das Buch in seiner Originalfassung.

Postkarten und Flugblätter gegen Nazis

Anfang 1943 wurde vor dem Berliner Volksgerichtshof dem Arbeiterehepaar Elise und Otto Hampel wegen "Zersetzung der Wehrkraft" und "Vorbereitung zum Hochverrat" der Prozess gemacht. Die beiden hatten Postkarten und Flugblätter geschrieben, auf denen sie dazu aufriefen, die Teilnahme am Krieg zu verweigern und Hitler zu stürzen.

Innerhalb von zwei Jahren war es ihnen gelungen, mehr als 200 dieser anonymen Aufrufe in Berlin zu verbreiten - meist legten sie die Karten und Flugblätter in Treppenhäusern ab. Nach einer Denunziation wurden Elise und Otto Hampel verhaftet und am 8. April 1943 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Faktentreue

Diese in ihrer Schlichtheit beeindruckende Widerstandsaktion gegen das nationalsozialistische Terrorregime steht im Mittelpunkt von Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein". Der Autor hielt sich dabei im Wesentlichen an die historischen Fakten. Fallada hatte die Prozessberichte im Herbst 1945 von seinem Freund, dem Schriftsteller Johannes R. Becher erhalten.

Becher, später DDR-Kulturminister, war damals Präsident des von der Sowjetischen Militäradministration gegründeten "Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands". Dieser verfügte über die Akten von hingerichteten Widerstandskämpfern und suchte nach Autoren, die über diese Fälle - im Sinne einer neuen, antifaschistischen Kulturausrichtung - schreiben sollten.

Interesse an psychologischem Aspekt

Hans Fallada lehnte zunächst ab, er wollte sich nicht politisch vereinnahmen lassen. Allerdings interessierte ihn der psychologische Aspekt des Falles, die Frage, was zwei einfache Menschen, die stets völlig unauffällig gelebt hatten, plötzlich zu einer derartigen Aktion veranlasst hatte. Fallada begann sich mit dem Thema zu beschäftigen und verfasste im Herbst 1946 innerhalb von vier Wochen den 866 Typoskriptseiten umfassenden Roman.

Klassischer Krimi-Stil

"Jeder stirbt für sich allein" ist eine spannungsreiche Geschichte im Stil eines klassischen Kriminalromans. Da gibt es die Gejagten, das Ehepaar, das hier die Namen Otto und Anna Quangel trägt. Und es gibt den Jäger in Person des Kriminalkommissars Escherich, der - ganz wie ein moderner Profiler - über psychologische Indizienketten auf die Spur der Verfolgten kommt.

Der Schauplatz Berlin ist sehr detailreich und realitätsnah gezeichnet - und er ist bevölkert von einer großen Anzahl unterschiedlichster Typen aus der für Fallada so charakteristischen Welt der "kleinen Leute". Da finden sich resolute Fabriksarbeiterinnen, großherzige Prostituierte, kleine Ganoven, verarmte Beamte, aber auch Betrüger und Spitzel, Säufer und Spieler.

Später Sensationserfolg

Es ist, wie der Autor selbst vermerkte, "ein richtiger Fallada" - und eben darin liegt vielleicht die Ursache für die eigenartige Rezeptionsgeschichte des Buches. Obwohl mehrfach verfilmt, hat es im deutschsprachigen Raum nie eine ähnliche Popularität erreicht wie etwa Falladas "Kleiner Mann, was nun" - wurde aber eben nun völlig überraschend vor allem in den USA, aber auch in zahlreichen anderen Ländern, zum Sensationserfolg.

Das Romanmanuskript, das Fallada dem Aufbau Verlag abgeliefert hatte, rief noch vor Drucklegung eine Reihe von negativen Stellungnahmen hervor. Fallada hatte nicht, wie vermutlich erwartet worden war, politisch makellose Heroen des Widerstandes präsentiert, sondern sehr differenzierte Charakterbilder gezeichnet. So etwa sympathisieren die Protagonisten, das Ehepaar Quangel (genauso wie ihre realen Vorbilder) zunächst durchaus mit den Nationalsozialisten. Otto Quangel betont, dass er seine Stellung als Werkmeister in einer Möbelfabrik allein dem "Führer" zu verdanken habe, und Anna Quangel ist engagierte Funktionärin der NS-Frauenschaft.

Brutalität im kommunistischen Widerstand

Erst der Tod ihres Sohnes an der Front führt zu einem Umdenken, das somit aus subjektivem Erleben und nicht ideologisch motiviert ist. Damit taugten die beiden aber nur bedingt als hehre Leitbilder der Arbeiterklasse. Empörung rief wohl auch die Zeichnung der im Roman vorkommenden kommunistischen Widerstandszelle hervor, die kleinste Abweichungen von der Gruppendisziplin mit äußerster Brutalität ahndet.

Derartiges passte nicht in das ideologische Konzept des "Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung", der in enger Verbindung zum Aufbau Verlag stand - und daher wurde für die Veröffentlichung eine Reihe von Textpassagen seitens des Verlages umgeschrieben oder gestrichen. Fallada wusste davon nichts mehr, er war noch vor dem Erscheinen des Buches, am 5. Februar 1947, verstorben.

Neuedition bringt Originalfassung

Alle weiteren Auflagen von "Jeder stirbt für sich allein" basierten auf dieser zensurierten Version - erst die nunmehrige Neuedition präsentiert das Buch in seiner Originalfassung.

Trotz der Bearbeitung aber taugte der Roman nie so ganz für die - intensiv betriebene - politische Instrumentalisierung Falladas in der DDR. Im Westen Deutschlands wiederum war "Jeder stirbt für sich allein" wohl lange Zeit zu links und zu nahe an den historischen Geschehnissen - wollte man doch in Fallada vor allem den Chronisten des Kleinbürgertums der Weimarer Republik sehen, der eher der Unterhaltungsliteratur zugerechnet wurde.

Gründe für den Erfolg

Der nunmehrige internationale Erfolg hat wohl mehrere Ursachen. Dass Romane über Nazideutschland vor allem im englischsprachigen Raum auf großes Interesse stoßen ist bekannt und wurde in letzter Zeit unter anderem durch Bernhard Schlinks "Der Vorleser" deutlich, der in den USA als "The Reader" zum Bestseller wurde.

Berlin als Schauplatz erhöht die Zugkraft - und dass Falladas "Jeder stirbt für sich allein" in der britischen Ausgabe den Titel "Alone in Berlin" trägt, ist wohl auch Anspielung auf Christopher Isherwoods Klassiker "Goodbye to Berlin", aus dem später der im Nazi-Berlin spielende Film- und Musical-Welterfolg "Cabaret" wurde.

Noch immer aktuell

Vor allem aber ist "Jeder stirbt für sich allein" nicht nur ein sehr spannendes, sondern auch ein in Bezug auf die heutige internationale Situation aktuelles Buch. Denn es ging Fallada nicht, oder - wie er im Vorwort vermerkte - "nur in groben Zügen" um die konkrete historische Situation des Nationalsozialismus. Es ging ihm vielmehr darum aufzuzeigen, wie autoritäre Systeme funktionieren, wie ihr totaler Machtanspruch unüberwindbar scheint - und wie doch plötzlich von irgendwo her Widerstand entsteht und, so Fallada: "Das Groteske geschieht: der Elefant fühlt sich von der Maus bedroht."

Gestaltung: Barbara Denscher · 02.03.2011

Service

Hans Fallada, "Jeder stirbt für sich allein", Aufbau Verlag

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