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Gesellschaft

Opferanwalt fordert staatliche Kommission

Ein Jahr Missbrauchsskandal

Der Missbrauchsopfer-Anwalt Kurt Scholz bekräftigt die Forderung nach einer staatlichen Opferschutzkommission für Fälle außerhalb der katholischen Kirche. Eine solche Einrichtung wäre auch für die Prophylaxe wichtig, so Scholz im Ö1 Interview.

"Menschlich entsetzliche Bilanz"

Missbrauchsopfer-Anwalt Kurt Scholz im Ö1 Morgenjournalgespräch am 09.03.2011 mit

Udo Bachmair

"Viel Energie auf Vertuschung verwendet"

Der frühere Wiener Stadtschulratspräsident Kurt Scholz ist Mitglied der von Waltraud Klasnic geleiten Opferschutz-Kommission. Ein Jahr nach dem Auffliegen des Missbrauchsskandals spricht Scholz im Ö1-Morgenjournalinterview von einer "menschlich entsetzlichen Bilanz". Opfer erzählten stundenlang von ihrem Martyrium, und man sei traurig, wenn man das hört. "Und man bekommt auch eine Wut, wie viel Energie hier auf Vertuschung von Sachverhalten verwendet worden ist."

Ruf nach staatlicher Kommission

Dennoch geht Scholz mit der katholischen Kirche milde um: "Man muss ihr zugutehalten, dass sie tatsächlich etwas tut. Andere verhalten sich ja völlig zurückhaltend." So kritisiert Scholz, dass es so gut wie keine Bereitschaft gebe, eine staatliche Kommission einzurichten. Eine solche Kommission könnte auch für die Zukunft sorgen, dass solche Fälle weniger oder nicht mehr geschehen.

5.000 Euro als Untergrenze für "Gesten"

Die Zahlungen an die Opfer sind für Scholz keine "Entschädigungen", sondern lediglich "Gesten". Das tiefe Leid der Opfer könne man mit Geld nie abgelten. Dennoch habe es ihn wie ein "Keulenschlag" getroffen, dass die deutsche Bischofskonferenz für ihre Leistungen an Missbrauchsopfer eine Obergrenze von 5.000 Euro eingezogen hat - "das ist die Untergrenze der Klasnic-Kommission."

"Märtyrer der Kirche"

Den Vorwurf an die Klasnic-Kommission, sie würde "Schweigegeld" zahlen, bezeichnet Scholz als "menschlich verletzend", zeigt aber insofern Verständnis, als diese Vorwürfe von einem Personenkreis kämen, der Entsetzliches durchgemacht habe. "Das sind Menschen, die als Kinder das Schicksal von Märtyrern durchgemacht haben." Die Empfehlung des Opfervertreters an den Vatikan: Er sollte vielleicht "nicht Heiligenlegenden lesen, sondern die Berichte von Opfern. Das sind nämlich Märtyrer, aber nicht eines römischen Kaisers, sondern leider Gottes der Kirche."

"Demokratisierung ist Prophylaxe"

Die Ursache für die Häufung der Missbrauchsfälle in der Kirche sieht Scholz in der hermetischen Abgeschlossenheit dieser Gesellschaften. Es wäre eine Aufgabe nicht nur der Kirche, keine hierarchisch in sich geschlossenen Gesellschaften zuzulassen, so Scholz: "Jede Demokratisierung ist auch eine Prophylaxe gegen Missbrauch."

Die Chronologie des Missbrauchsskandals

Morgenjournal, 09.03.2011

Wolfgang Slapansky

Ein Jahr Missbrauchsskandal

Vor einem Jahr, am 9.3.2010, hatte sich im Ö1-Morgenjournal ein damals 53-jähriger Salzburger zu Wort gemeldet. Sein Vorwurf: er sei als Kind jahrelang von zwei Benediktinermönchen aus dem Kloster St. Peter in Salzburg sexuell misshandelt worden. Mit dem Rücktritt des Erzabts von St. Peter zog damals ein hochrangiger Kirchenvertreter die Konsequenzen. Und Tag für Tag wurden es mehr Opfer, die sich bei den Ombudsstellen, Hotlines und in den Medien meldeten und von sexuellen Misshandlungen innerhalb kirchlicher Einrichtungen sprachen.

Nachrichten, 09.03.2011

Bernt Koschuh

170 Zahlungen

Alleine bei der Klasnic-Kommission haben sich schon mehr als 800 Betroffene gemeldet, für rund 170 Opfer wurden bisher Entschädigungszahlungen genehmigt - in manchen Fällen mehr als 50.000 Euro. Dazu kommen hunderte Meldungen an die neun Ombudsstellen in den Diözesen. 130 alleine in Oberösterreich, wo eine diözesane Kommission Entschädigungszahlungen für 30 Opfer befürwortet hat.

Konsequenzen

Was die mutmaßlichen Täter betrifft, hat es Pensionierungen von mehreren Pfarrern gegeben. Die konkreten Gründe dafür gibt die Kirche allerdings nicht offensiv bekannt. Sehr klar hat zuletzt aber das Benediktinerstift Kremsmünster kommuniziert. Dort wurden drei Mönche als mutmaßliche Missbrauchstäter ihrer Funktionen enthoben. Auf sie dürften nach Abschluss der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft auch kirchenrechtliche Verfahren warten, die bis zur Laisierung gehen können.

09.03.2011

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