Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe

"Es war der erste Donnerstag im April, an dem ich die Wohnung nicht mehr betrat." So beginnt die Geschichte eines jungen Münchner Journalisten, der eines Tages eine irritierende Entdeckung macht - und den Boden unter den Füßen verliert.

Als Nikol Nanz nach einem langen Arbeitstag von der Redaktion nach Hause gekommen war, fand er vor der Tür der Wohnung, die er mit seiner Freundin teilte, ein paar Schuhe, Herrenschuhe. Es waren nicht seine Schuhe. In der Wohnung brannte Licht, er hörte eine Männerstimme, das Geräusch der Kette, mit der die Wohnungstür verriegelt wurde, dann die Klospülung.

"Irgendetwas war vorgefallen", begreift Nanz, der nichts begreift. Unfähig, der Sache auf den Grund zu gehen, zieht er sich zurück - und bleibt, bleibt in einem verborgenen Winkel unter der Treppe des Hauses, nistet sich ein zwischen einem Kinderwagen und dem Papierkorb für Werbeprospekte und führt von nun an ein Leben im Versteck. Der Platz unter der Treppe wird sein Wohn- und Arbeitsplatz, hier versucht er auch, eine begonnene Bergsteiger-Geschichte zu Ende zu bringen.

Aus der Welt gefallen

"Wir erleben einen Helden, einen nicht sehr tatkräftigen, der von einem kleinen Ereignis in seinem sehr ruhigen Leben so aus der Bahn geworfen wird, dass sich die Rahmenbedingungen verändern", sagt der Autor, Max Scharnigg.

In seinem Roman mit dem schönen, paradoxen Titel "Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe" erzählt Max Scharnigg die Geschichte einer plötzlichen Verunsicherung, eines Aus-der-Welt-Gefallen-Seins, und nicht zuletzt, dass er sie so leichtfüßig, so ohne gestelzte Dramatik, so sprachverliebt und locker erzählt, macht den besonderen Reiz dieses literarischen Debüts aus.

"Jeder, der schon mal ein einschneidendes Erlebnis erlebt hat, weiß, dass in diesem Moment Zeit und Raum aufgehoben sind", so scharnigg. "Wir kennen das vielleicht nur für Sekunden, wenn ein Unfall passiert, wenn man eine besondere Nachricht hört. Aber in diesem Moment gibt es keine Zeit und keinen Raum für uns. Die Magie oder das Glück unseres Treppenhelden liegt darin, dass er diesen Moment offenbar sehr lange ausdehnen kann, und dass er tatsächlich nicht auf solche Kleinigkeiten, wie: aufs Klo gehen, wie vergeht die Zeit?, eigentlich groß achten muss."

Mit M. zurückgezogen

Max Scharniggs in eine andere Realität, in einen Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit geratener Held, dem in seinem neuen, ihm nicht unbehaglichen Quartier unter der Treppe jedes Zeit- und Hungergefühl abhandenkommt, ist ein eher blasser, passiver, unauffälliger Zeitgenosse. Seit längerem verbindet ihn eine enge, symbiotische Beziehung mit einer jungen Frau, "M.", die an einer rätselhaften Krankheit leidet. Sie fühlt sich matt. Sie meidet die Straße, die Gesellschaft, sie zieht sich zurück in die eigenen vier Wände.

Nanz erlebt diese Weltflucht und "Weltfurcht" nicht als Belastung. Im Gegenteil, er fühlt sich gebraucht - so wie auch er M. braucht, ihr "Strahlen", ihren Glanz. Die beiden leben nur für sich. Dass die Freundin ein Verhältnis haben könnte, erscheint ihm unvorstellbar. Sein "Mangel an Eifersucht und Aktion" aber, den er an sich selbst wahrnimmt, macht es ihm unmöglich, das Rätsel der fremden Schuhe zu lösen.

Parallele Wege

Nanz bleibt unter der Treppe. Ohne selbst von anderen wahrgenommen zu werden, registriert er das Treiben im Stiegenhaus, die Schritte der Bewohner, die beim Weggehen morgens anders klingen als abends beim Nachhause-kommen, die Stadtstreicher und Hunde, die um die Mittagszeit hereinkommen, den "Geschmack nach Getretenem und Ausgeatmeten im Haus".

Er versucht, seine journalistische Arbeit wiederaufzunehmen, weiterzuschreiben an einem Text über die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand im Jahr 1938.

"Er ist ja kein besonders tatkräftiger Mensch", sagt Scharnigg über seinen Protagonisten, "aber er schreibt über eine der mutigsten Taten, die in der Zeit stattgefunden haben. Diese ungeheure Steilheit der Wand wurde bezwungen, kein Mensch hat vorher gewusst, kann man das überhaupt? Diese Geschichte, die er da verfolgt, ist eine Geschichte der Überwindung. Er überwindet irgendwann die erste Stufe und kommt die Treppe wieder hinauf in seinem Haus. Die Bergsteiger damals haben die Schwierigkeiten überwunden, die diese Steilwand vor ihnen auftürmte. Das kann man schon parallel stellen. Natürlich ist es damals, bei der Eiger-Nordwand, um Leben und Tod gegangen. Bei unserem Treppenheld geht es eher um Daseinsfragen."

Unterstützung von Schmuskatz

Doch diesen Aufstieg, vom Treppenversteck zurück in die Wohnung im zweiten Stock, von der Schattenexistenz zurück in die Wirklichkeit, schafft Nikol Nanz nicht alleine. Ein alter Mann mit grauen Haaren, ein Hausbewohner, der auf den Namen "Schmuskatz" hört, wird sein Führer. Schmuskatz entdeckt Nanz in seinem Quartier, er lädt ihn ein in seine Wohnung, zu Paprikahendl und "Danziger Goldwasser".

Schmuskatz ist ein Sonderling, er lebt zwischen einem ausgestopften Reiher und Stapeln von Büchern, die nach Widmungen sortiert sind. Er erzählt, dass er einst als Gletscherfotograf arbeitete, der alle großen Gletscher in Europa ablichtete, und warum er sich ausschließlich von Hähnchen ernährt: weil er als Bub verliebt war in eine Miss Universum aus Wien, die nur Paprikahendl vom Papa mochte.

"Es war schon meine Intention, den Leser zu unterhalten mit - weil ich das selber so gerne lese - Geschichten, die so sind, dass man viele kleine Zusatzinformationen kriegt", sagt Scharnigg, "dass sich am Rande kleine Merkwürdigkeiten ereignen, über die man als Leser ein bisschen nachgrübelt; oder wo man vielleicht sogar nachschlägt: gibt es das wirklich? Das war die Intention, ein Füllhorn an diesen Wunderlichkeiten zu bieten. Und das gepaart mit der Freude an schönen Begriffen, an einfacher, aber schmackhafter Sprache."

Verlorener Halt und verschwundene Sätze

Und so erzählt Max Scharnigg in seinem Roman, in dieser ins Skurrile, ins Anekdotenhafte, ins absurde Detail verliebten Geschichte, in einem leicht kafkaesken Text, dem glücklicherweise alles Düster-Schicksalsschwangere abgeht, alles Grelle oder allzu Schwere, von einer merkwürdigen Männer-Begegnung und großen Herausforderungen, vom verlorenen Halt und verschwundenen Sätzen, von Alpinistik im Stiegenhaus und Abenteuern in Grindelwald, vom "Paprikatrieb", vom "Krümmpunkt" und einem "Katalog der Schritte", von der schönen Lisl Goldarbeiter und vom Trilobit in der Gatterhölzlkirche.

"Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe" ist eine kleine, verrückte, sehr unterhaltsame Geschichte. Eine Geschichte mit offenem Ende, in der es die Seilschaft Schmuskatz-Nanz nicht bis in den zweiten Stock des Münchner Altbaus schaffen wird. Unser Held stürzt - und landet hart auf dem Boden der Realität.

"Als er aufwacht, ist ein neuer Tag", so Scharnigg. "Und die Blessuren sind so vage, dass er gar nicht genau weiß, hat er sie wirklich erlitten? Es ist natürlich auch eine Möglichkeit zu sagen: War das nur ein böser Traum, war das alles bis hin zu dem Schock vor der Tür nur eine Überreaktion, eine kleine Psychose, die sich da ereignet hat? Das ist aber wichtig, nur so kommt er wieder in diese Ruhe, die er kennt, und nur mit dieser Ruhe kann er wieder aufsteigen und schauen, was hinter der Tür los ist."

Am Ende wird Nikol Nanz sein Treppenversteck aufgegeben, den Eiger-Text geschrieben und wieder seine Redaktion aufgesucht haben. Am Ende wird er festgestellt haben, dass sich seine Wohnungstür "auf allergewöhnlichste Art" öffnen ließ, und M., seine Freundin, lesend auf dem Sofa vorfinden. Alles würde wie früher sein. Wäre da nicht ein ausgestopfter Reiher und ein Buch mit Widmung.

Service

Max Scharnigg, "Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe", Verlag Hoffmann und Campe