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Musik

Die NS-Vergangenheit der Philharmoniker

Debatte um Orchestergeschichte

Wie genau nehmen es die Wiener Philharmoniker mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte? Um diese Frage ist eine Debatte entbrannt. Die Grünen werfen dem Orchester mangelndes Interesse an Forschungen zu seiner NS-Geschichte vor. Dabei geht es etwa um die Rolle der Philharmoniker in der Nazi-Propaganda oder die Schicksale von Vertriebenen.

Anlass für die Diskussion ist die Ausstellung "Opfer, Täter, Zuschauer", die sich der NS-Geschichte der Staatsoper widmet und derzeit im Französischen Kulturinstitut in Wien zu sehen ist. Ein neues Buch über diese Thematik wird die Debatte wohl zusätzlich anheizen.

Als die Wiener Staatsoper 2008 mit der Ausstellung "Opfer, Täter, Zuschauer" ihre NS-Vergangenheit beleuchtete, wunderten sich viele über die fehlende Beteiligung der Wiener Philharmoniker. Man sei nicht eingeladen worden, sagte damals Vorstand Clemens Hellsberg.

Dennoch entflammte eine Debatte über den angeblich schleißigen Umgang der Philharmoniker mit ihrer Geschichte. Als Reaktion stellte das Orchester für sein historisches Archiv eine Mitarbeiterin ein, die Historiker bei ihren Recherchen unterstützen soll.

Debatte neu entfacht

"Um der Forschung die optimalen Möglichkeiten zu biete, bedarf es einer fachkundigen Hilfe und Unterstützung. Frau Dr. Kargl ist eine Theaterwissenschaftlerin und ich bin überzeugt davon, dass sie die Sache sehr gut macht", so Hellsberg.

Dennoch muss sich das Orchester derzeit erneut gegen Vorwürfe wehren, zu wenig Aufarbeitung zu betreiben. Anlass ist abermals die Ausstellung aus dem Jahr 2008, die derzeit in abgewandelter Form im Französischen Kulturinstitut in Wien zu sehen ist. Jeder sei eingeladen zu forschen, betont Clemens Hellsberg.

Politisierte Orchester

Der Schweizer Historiker Fritz Trümpi hat die Möglichkeit genutzt und intensiv im Archiv des Orchesters recherchiert. In seiner Dissertation vergleicht er die Geschichte der Wiener und der Berliner Philharmoniker und beschreibt, wie die Nationalsozialisten die beiden Orchester auf unterschiedliche Weise instrumentalisiert haben.

Das Buch erscheint in einigen Wochen bei Böhlau unter dem Titel "Politisierte Orchester". Einer von Trümpis Betreuern bei dieser Arbeit war Oliver Rathkolb, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wien.

"Mir ist sehr wichtig, dass man die NS-Zeit auch einmal in einer längeren Entwicklung sieht. Die politische Nähe beispielsweise der Wiener Philharmoniker ist ja nicht etwas, das mit dem 12. März 1938 beginnt. Auch unter dem dann ins Exil getriebenen Vorstand gab es schon eine ganz enge Nähe mit dem Schuschnigg-Regime, teilweise auch schon mit dem Dollfuß-Regime."

Wenig über Schicksale bekannt

Das Buch werde einige neue Fragen aufwerfen und die wissenschaftliche Debatte entfachen, glaubt der Historiker. Wenig wisse man etwa über Einzelschicksale von Mitgliedern des Orchesters: "Die Gruppe jener, die NSDAP-Mitglieder waren, die Gruppe jener, die mit jüdischen Frauen verheiratet waren, die Gruppe jener, die als Juden stigmatisiert und verfolgt wurden - das sind natürlich Menschen, die durch die politischen Entwicklungen völlig auseinander gerissen werden", so Rathkolb.

Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg begrüßt diesen Vorschlag und kündigt an, mit Rathkolb schon demnächst über ein derartiges Forschungsprojekt sprechen zu wollen.

Textfassung: Rainer Elstner

19.03.2011

Service

Wiener Philharmoniker
Institut Francais d'Autriche - Opfer, Täter, Zuschauer

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