Ex voto

Es ist das ja ein immer wieder beliebtes Motiv in der Literatur und auch im Film: das Zurückgeworfen-werden des Protagonisten in eine archaische Welt. In der alle Sicherungssysteme weggebrochen sind und der Einzelne nur mehr auf sich und seine Urinstinkte vertrauen kann. Auch Yorck Kronenbergs Roman ist in solch ein postapokalyptisches Szenario gebettet.

Eines Tages wird der Arzt Robert Sieburg verschleppt. Das lässt den Leser sofort an jene Entführungen denken, die mittlerweile fast schon zum Standardrepertoire der verschiedensten Stämme in Afrika oder Asien gehören. Menschen aus der ersten Welt werden gekidnappt um von den jeweiligen Regierungen Lösegeld zu erpressen.

Im Falle von Sieburg ist es jedoch anders. Das beginnt schon bei der Verortung der Geschichte. Der Autor lässt nämlich offen, wo sich dieses Ereignis abspielt. In der Steppe haben sie den Arzt gefangen, das erzählt dieser selbst. In einer Landschaft mit verdorrten Sträuchern und gelbem Sand. Wo es Häuser mit Wellblechdächern und billige Restaurants gibt. Aber wo genau das sein soll, darüber herrscht Unklarheit.

Auch über die Hintergründe der Tat herrscht stets Unsicherheit. Denn gleich zu Beginn bekommt der Gefangene Papier und Bleistift. Er solle über die vergangenen Tage schreiben, erklärt ihm ein Übersetzer. Über den Alltag, die Personen, was er so erlebe. Der Übersetzer werde dann die Texte in die Sprache der Einheimischen übertragen, und ein Priester diese dann deuten. Er sei ein Werkzeug, wird dem Arzt erklärt.

Wer ist von wem abhängig?

Kronenberg zeigt uns eine Figur, die sich in dieser fremden, archaischen Welt zurechtzufinden versucht. Was auch dadurch erschwert wird, dass die Regeln nie ganz klar ausformuliert werden. Ja, Robert Sieburg ist ein Gefangener, aber anscheinend bereitet es ihm keine Schwierigkeiten, in der Nacht alleine die Gegend zu erkunden.

Auch die Frage des Machtverhältnisses wird in diesem Text immer wieder neu gestellt. Wer ist hier von wem abhängig? Der Arzt von jenen, die ihn gefangen hält? Oder hat nicht er sie in der Hand, weil sie sich von ihm Erlösung erwarten und ihn als seltsamen Messias ansehen? Was dann aber auch nicht wirklich beruhigend wäre, denn einer der letzten Gefangenen, der anscheinend den Wünschen der Bewohner nicht entsprochen hat, wurde ganz einfach getötet.

Kronenberg spielt in seinem Roman geschickt mit der Angst vor dem Zerfall unserer modernen Gesellschaft. In seinem Text geht es um Kulte, Initiationsriten, Glauben, Gewalt, Tod. Hier werden also die wirklich großen Themen verhandelt. Die Fremdheit des Protagonisten wird nicht nur behauptet, sie spiegelt sich auch in der Sprache des Textes wider, denn Kronenberg schafft es geschickt, bis zum Ende des Romans auch stets den Leser in Unsicherheit zu halten. Das beginnt schon in der Zeit, in der der Text spielt.

Gelöst von Zeit und Raum

Alles hier mutet archaisch und wild an - so als wäre der Arzt vom Hier und Jetzt ins Mittelalter katapultiert worden. Von einem seltsamen Bürgerkrieg wird erzählt, in dessen Folge der siegreiche Heerführer beschloss, dass die Unterlegenen von nun an in Schlamm und Trümmern zu leben hätten. Als dauerhaftes Zeichen sollte hier jeglicher Aufbau und Fortschritt unterbunden werden.

Aber parallel zu diesen wuchtigen Bildern berichtet Kronenberg immer wieder davon, dass die Handlungen des Arztes mit Kameras gefilmt und im Fernsehen übertragen werden. Und ab und zu darf der Arzt auch telefonieren. Mit seiner geliebten Frau, die eigentlich seine Rettung vorantreiben sollte, aber auch seltsam passiv wirkt.

Große Lebensthemen in einem Roman

In Kronenbergs Text vermischen sich zwei Erzählebenen. Da gibt es zum einen die Tagebuchaufzeichnungen des Arztes, die in der Ich-Form gehalten sind. Dann einen allwissenden Erzähler, der die Handlung in der dritten Person berichtet. Diese zwei Erzählstränge treiben die Geschichte relativ stringent voran. Als Brechung dazu hat Kronenberg aber noch eine Traumebene eingeführt. Immer wieder träumt der Arzt von einem Zug, den er erwischen muss. Und irgendwann scheint es, als würde Sieberg von einem Schaffner in eben diesem Zug geweckt werden. Ist all das, was wir zu hören bekommen, vielleicht nur ein Traum, eine Fieberfantasie?

Kronenberg gießt die verschiedensten großen Lebensthemen in einen Roman. Politik, Religion, Zivilisation, Apokalypse. Das könnte leicht ins Auge gehen und einen Text ergeben, der aufgrund der eigenen Bedeutungsschwere kaum lesbar wäre. Dass Kronenberg diese Gefahr umschifft und einen Roman vorlegt, der zwar verstörend ist, weil er die Grundlagen unserer Zivilisation hinterfragt, dabei aber trotz allem niemals konstruiert wirkt, das ist das große Verdienst des Autors.

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Yorck Kronenberg, "Ex voto", Droschl Verlag

Yorck Kronenberg