Theodor Fontane in Neuruppin

"Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen. Das hab ich an mir selbst erfahren. Es ist mit der märkischen Natur wie mit den Frauen: Auch die hässlichste - sagt das Sprichwort - hat immer noch sieben Schönheiten. Ganz so ist es mit dem Land zwischen Oder und Elbe (...). Wer das Auge dafür hat, der wag es und reise!" Theodor Fontane

Knapp sieben Jahre lebte die Familie Fontane im Haus der Löwenapotheke, die immer noch erhalten ist. 1826 schon musste die Familie Fontane Neuruppin aus finanziellen Gründen verlassen - der Vater hatte Spielschulden. Auch in Swinemünde führte die Familie Fontane ein großzügiges Leben. heodor Fontane schrieb: "Das Geld, das eigentlich für unsere Ausbildung gedacht war, haben die Eltern verprasst!" Man hatte eine große Dienerschaft und führte ein aufwändiges gesellschaftliches Leben. Fontane beschreibt auch diese Zeit in seinem Buch "Meine Kinderjahre" Nach der Silberhochzeit trennten sich die Eltern und Fontanes Mutter zog mit seiner um 18 Jahre jüngeren Schwester wieder nach Neuruppin. Hier besuchte sie der Dichter häufig.

Der große Brand und die Folgen

Von der Löwenapotheke sind es nur ein paar Schritte zur Pfarrkirche St. Marien und dann weiter in den alten Teil der Stadt, zu jenem Viertel, das 1787 vom großen Stadtbrand, den Fontane in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg erwähnt, verschont geblieben war. In einer Scheune mit Getreide in der Nähe des Berliner Tores war am 26. August ein Flächenbrand ausgebrochen, der mehr als 800 Gebäude zerstörte. Auch die Pfarrkirche St. Marien, hinter der das Schinkel-Denkmal steht, fiel dem Brand zum Opfer.

Das Gotteshaus wurde als Saalkirche wieder aufgebaut und dient heute als Kultur- und Kongresszentrum. Eine ständige Ausstellung samt Toninstallation gibt Auskunft über die Feuersbrunst von 1787. Der Grundstein für das heutige Aussehen der Stadt, die klassizistischen Häuser, die weiten Plätze und großzügigen Avenue, die Fontane als einen "zu großen Staatsrock für einen Kleinwüchsigen" verspottete, wurde im 18. Jahrhundert gelegt. Das Viertel in Richtung See blieb vom Brand verschon und weist daher noch eine andere Charakteristik auf: niedrige Fachwerkhäuser aus Holz und Lehm, krumme Dächer und enge Kopfsteinpflasterstraßen.

Frischer Wind nach 1989

Nach der Wende wurde der einst so verkommene Stadtteil instand gesetzt, einige wenige Baulücken harmonisch mit dem übrigen Ensemble geschlossen und der Neue Markt mit einem Preis des Arbeitskreises "Historische Städte" ausgezeichnet. In diesem Viertel steht auch das sogenannte Predigerwitwenhaus, in dem die Witwe des Architekten Schinkel nach dessen Tod Unterschlupf fand.

Nicht weit davon befindet sich das Siechenhospital und Siechenkapelle in Backstein-Gotik erbaut. Auf dem Hinterhof steht das sogenannte Uphus - da fanden einst Menschen, die unverschuldet in Armut geraten waren, kostenlos Unterkunft. Zur Zeit der DDR waren diese Gebäude dem Verfall preisgegeben. Nach der Wende konnte das historische Ensemble durch den Einsatz der Bauingenieurin Gabriele Lettow gerettet und in ein Kulturzentrum und Hotel umgewandelt werden, in dem das Musikfestival Aequinox zu einer ständigen Einrichtung werden soll.

Leben am Wasser

Der mit 14 Kilometern längste See Brandenburgs liegt ruhig und glatt da, einige Schwäne ziehen ihr Runden. Am Neuruppiner Bollwerk, wo die Fahrgastschiffe ablegen, blickt der sogenannte Parzival, eine 16 Meter hohe 5,5 Tonnen schwere Edelstahlskulptur auf den See hinaus. 2008 war die bewegliche Statue, geschaffen von Matthias Zágon Hohl-Stein, nicht ganz unumstritten.

Die Strecke nach Karwe, die einst Fontane mit einem Fischerboot zurücklegte, ist heute auch für Paddelanfänger leicht zu bewältigen. Im Zuge von Wasserwanderungen kann man den ganzen Neuruppiner See und - mit einiger Kondition - auch den Rhin-Kanal befahren und auf diese Weise einige der Orte, die Fontane in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg beschrieb, erforschen: Karwe, Treskow und Wuthenau. Der Seegarten und das "Theo's" von Lars Schröter eignen sich bestens, um sich mit jenen kulinarischen Köstlichkeiten zu stärken, die schon zu Fontanes Zeiten im ehemaligen Märkischen Hof üblich waren. Einen Rinderbraten mit Ingwersauce soll Fontane am liebsten gegessen haben.

Bilderbögen und alte Uhren

Um vom Schulplatz zum Museum mit der prächtigen klassizistischen Fassade zu gelangen, durchquert man die 1998 eingeweihte Kultur- und Flaniermeile der Stadt: die sogenannte Bilderbogen-Passage. Hier befand sich einst die Druckerei des Johann Bernhard Kühn und seines Sohnes Gustav, in der die berühmten Neuruppiner Bilderbögen - Vorläufer der Illustrierten - produziert wurden. Eine Bilderbogen-Sammlung ist im Neuruppiner Museum, das in den nächsten drei Jahren durch einen ehrgeizigen modernen Glas-Beton-Anbau mit Blick auf den berühmten Tempelgarten erweitert werden soll, zu besichtigen.

Außerdem sind hier auch Materialien zur Kunsthandwerkersiedlung Gildenhall zu finden und einige Räume dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm, dem Architekten Friedrich Schinkel und Theodor Fontane gewidmet. In den hellen, hohen Räume mit weißen Stuckverzierungen, die sich der damalige Neuruppiner Bürgermeister Noeldechen in den Jahren 1790/91 bauen hatte lassen, befinden sich neben Mobiliar aus der Zeit auch ein Apothekerschrank, mehrere Porträt-Zeichnungen, eine Fontane-Büste, das berühmte Foto: "Fontane am Arbeitstisch sitzend", und eine ganz besondere Standuhr aus dem Besitz der Familie Fontane, Baujahr 1853. Im Treppenhaus steht ein alter Musik-Automat, der auch heute noch zu spielen beginnt, wirft man eine Münze ein: sei es ein Pfennig aus der Kaiserzeit oder ein heutiges 20-Cent-Stück.