Totaler Aufnahmestopp keine Lösung

Journal zu Gast: Uni-Situation unhaltbar

Christoph Badelt, Rektor der Wirtschaftsuniversität Wien, war früher Sprecher aller österreichischen Rektoren. Die Hochschulpolitik nannte Badelt in der Vergangenheit schon einmal "absurd", die Abschaffung der Studiengebühren kommentierte er mit den Worten "Ich packs einfach nicht". Jetzt hat die WU für mehr Budget geklagt. Badelt ist im Ö1-Journal zu Gast.

Mittagsjournal, 11.06.2011

Vernichtendes Urteil

Christoph Badelt, Rektor der Wirtschaftsuniversität Wien zeigt sich im Ö1-Journal zu Gast-Interview sehr unzufrieden mit der Bundesregierung. Es sei in den letzen Jahren in der Hochschulpolitik nichts weitergegangen. Die Studierendenzahlen und die Kapazitäten klafften weit auseinander.

Universitäten: Situation unhaltbar

Wessen Fehler das sei? Badelt sagt, dass dieser Unterschied zwischen Mitteln und Zahlen sowohl dem Wissenschaftsministerium als auch die Universität bekannt gewesen sei. Die Idee sei gewesen, dass man einerseits mehr Mittel zur Verfügung stelle, andererseits den Zugang regle, solange die Kapazitäten nicht reichten. Es seien zwar etwas mehr Mittel zur Verfügung gestellt worden, aber eben nur sehr wenig.

Die Studierendenzahl sei gestiegen, aber man könne sie nicht ausbilden. Diese Situation sei unhaltbar. Das bereits vorhandene Problem mit den Bachelorstudenten, werde es in wenigen Jahren auch bei den Masterstudenten geben, ist Badelt überzeugt.

Geld und/oder Zugangsbeschränkungen

Für Badelt ist die gesamte Regierung für diese Situation verantwortlich. Der Antrag der WU auf Zugangsbeschränkungen im Vorjahr sei aber von der SPÖ abgelehnt worden. Es gehe ihm um Geld und/oder Zugangsbeschränkungen, betont Badelt. Beim Geld sei die ganze Regierung und der Nationalrat verantwortlich.

Totaler Aufnahmestopp als Lösung?

An der Technischen Universität werden nächstes Jahr keine neuen Architekturstudenten mehr aufgenommen. Ob das auch für due WU eine Möglichkeit sei? Nein, sagt Badelt, denn dann würde sich ein Rückstau an Studenten bilden. Das sei eine Form des Protestes, aber keine Lösung auf lange Sicht.

Geld oder Aufnahmeprüfung

Ob er mehr Geld oder Aufnahmeprüfungen bevorzuge?
Der Rektor glaubt, dass auf alle Fälle mehr Geld benötigt werde. Im Idealfall gebe es eine Ausnahmeregelung nach Qualitätskriterien, damit jede oder jede wisse ob sie oder für das Studium geeignet seien.

Ziel der Bildung pervertiert

Im Moment fühle er sich von der Politik zu einer pervertierten Form der Universität gezwungen. Das Ziel der Bildungseinrichtung Universität müsste sein, junge Menschen zu einem Studienabschluss zu bringen und nicht sie irgendwie wieder aus dem System rauszuwerfen.

Akademikerquote

Wissenschaftsministerin Beatrix Karl hat in der Vergangenheit einen Anteil an Akademikern von jenseits der 30 Prozent für wünschenswert erachtet. Ob es den brauche? Badelt antwortet, dass akademische Bildung ein Wert an sich sei, für den Arbeitsmarkt aber vielleicht gar nicht so viele Akademiker gebraucht würden. Unter dem Gesichtspunkt, dass Bildung viel mehr sei als Arbeitsausbildung, könne es gar nicht genug Akademiker geben. Auf die Beispiele: Akademiker am Bankschalter oder Akademikerin als Sekretärin, antwortet Badelt, dass die Menschen wissen sollten welche Chancen sie mit einem Studium hätten.

Unterschied zwischen Bachelor und Master?

Badelt sieht ein Masterstudium unter dem Standpunkt des lebenslangen Lernens. Der Bachelorabschluss befähigt die Studenten für den Arbeitsmarkt. Später könne man an die Uni zurückkommen und weiterstudieren. In den angelsächsischen Ländern sei das Gang und gebe. Dass der Bachelortitel im Bundesdienst nicht als akademischer Abschluss angesehen werde, ärgere ihn maßlos. Schuld an dieser Situation sei die Bundesregierung. Wenn man das als akademische Bildung einführe, dann müsse es auch anerkennen.

Für gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen

Der Rektor der Wirtschaftsuniversität spricht sich für eine gemeinsame Schule der 10 bis 14-jährigen aus. Nur so könne man das gesamte vorhandene Potential in Österreich ausnützen, nur so hätten auch Kinder aus bildungsfernen Familien eine Chance zu einer guten Ausbildung. Innerhalb der gemeinsamen Schule könne es aber durchaus Leistungsgruppen geben. In dieser Frage sehe er zum Beispiel bei der ÖVP eine ziemliche Starre.

Abgabenquote in Österreich

Österreich hat mit 42 Prozent eine der höchsten Steuer- und Abgabenquoten. Badelt, selbst Volkswirt, sagt dass das für ihn unverständlich sei. In Österreich würden noch immer viel zu viele Großprojekte finanziert, deren Sinnhaftigkeit sich ihm verschließen würde, wie etwa der Bau des Koralmtunnels.