100.000 Menschen schon geflohen

Sudan steht vor einem Bürgerkrieg

Wenige Wochen vor der geplanten Abspaltung des Südsudans eskaliert in der zukünftigen Grenzregion die Gewalt. Im Jänner hatte sich der Süden in einem Referendum mit einer überwältigenden Mehrheit für eine Unabhängigkeit vom Norden entschieden. Seither kämpfen beide Landesteile um die ölreichen Grenzregionen. Mehr als 100.000 Menschen sind laut UNO aus ihren Dörfern geflohen.

Mittagsjournal, 15.06.2011

Menschen flüchten

Die Zelte in den Auffanglagern sind zum Bersten voll. Hunderte Menschen sitzen auf dem Boden, und jeden Tag kommen dutzende weitere Menschen an. Eine junge Frau sitzt etwas abseits auf dem Boden. Als die Milizen in der Nacht in ihr Dorf in Süd-Kortofan gekommen sind, ist sie gelaufen, so schnell sie konnte. Zwei ihrer sechs Kinder waren nicht schnell genug, sei weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. "Wir sind davon gelaufen, als wir die Männer gesehen haben. Aber in dem Chaos haben wir uns verloren. Es ist einfach fürchterlich."

Kinder verloren

Die Soldaten hätten mit Granaten geschossen, die ganze Stadt war voller Rauch, man hat nichts gesehen. Ihren Bruder hat sie im Auffanglager wieder gefunden, er sagt: "Ich habe alles verloren, das einzige was ich besitze sind die Kleider die ich trage. Mein Sohn ist immer noch dort und ich habe nichts mehr von ihm gehört."

Große Ölreserven im Südsudan

Seit Monaten liefern sich Milizen des Nordens und südsudanesische Soldaten um die zukünftigen Grenzregionen zwischen Nord- und Südsudan. In dem von Armut geplagten Südsudan liegen die größten Ölreserven des Landes. Doch sie können nicht verarbeitet oder transportiert werden, denn die Häfen und Raffinerien liegen alle im industriellen Norden und in der sudanesischen Hauptstadt Khartoum.

Bürgerkrieg befürchtet

Jetzt, wenige Wochen vor der geplanten Unabhängigkeit des Südens, eskaliert die Situation. Allein in der letzten Woche sind rund 30 Personen ums Leben gekommen. Laut UNO sind bereits mehr als 100.000 aus den Regionen geflohen. Der Sudan stehe kurz vor einem weiteren Bürgerkrieg, sagt Tawanda Hondora von Amnesty International: "Wir haben jetzt eine Situation in Süd-Kortofan, in der Menschen beschossen und getötet werden. Frauen und Kinder werden vertrieben. In Süd-Kortofan leben rund 60.000 Menschen, 53.000 sind bereits vertrieben worden. Wenn es zu keiner Einigung kommt, kann es zu einem neuerlichen Bürgerkrieg wie in Darfur kommen. Alle Beteiligten müssen mit den Angriffen aufhören und sie dürfen auf keinen Fall die Zivilbevölkerung angreifen."

Sudan lässt Hilfsgüter nicht zu Menschen

Hilfsorganisationen sprechen bereits von einem humanitären Desaster. Das UNO Flüchtlingswerk beschuldigt den Sudan, Hilfslieferungen in den Süden aufhalten. Flugzeuge mit Hilfsgütern der Hilfsorganisationen dürften nicht auf dem grenznahen Flughafen landen. Lieferungen in den Süden würden auf halbem Weg geplündert, heißt es.

USA fordern politische Lösung

Jetzt steigt auch der internationale Druck auf den sudanesischen Präsidenten Omar Al Bashir und seinen südsudanesischen Gegenspieler Salva Kiir. US-Präsident Barack Obama fordert eine sofortige Waffenruhe: "Es gibt keine militärische Lösung. Die Politiker des Sudans und im Südsudan müssen Verantwortung übernehmen. Die sudanesische Regierung muss eine weitere Eskalation verhindern und ihre Angriffe sofort beenden. Das betrifft sowohl die Luftangriffe, als auch die Vertreibungen und Einschüchterungen der Bevölkerung."

Äthiopische Friedenstruppen

Bei einem Treffen gestern mit internationalen Vertretern und Vertretern der Afrikanischen Union in der äthiopischen Hauptstadt Adis Abbeba haben sich die Vertreter der beiden Landesteile darauf geeinigt, äthiopische Friedenstruppen in den umkämpften Regionen Abbiyei und Süd-Kortofan zuzulassen. Einen genauen Zeitplan gibt es aber nicht.