Krimi von Ken Bruen
Jack Taylor und der verlorene Sohn
Diese drei Männer - Bruen, Taylor und Harry Rowohlt, der Übersetzer - müssen eine ernsthafte Krise durchlebt haben. Bei Jack Taylor, dem irischen Privatdetektiv und Helden der Krimi-Reihe, ist sie nachweisbar.
8. April 2017, 21:58
In der letzten Folge mit dem Titel "Ein Drama für Jack Taylor" ist er schließlich in der Nervenheilanstalt und Entzugsklinik gelandet. Allerdings muss damals - 2004 ist das Original erschienen - auch mit dem Autor Ken Bruen etwas geschehen sein, denn einen schlechteren "Taylor-Roman" hat er noch nie vorgelegt. Und auch dem Übersetzer Harry Rowohlt muss jüngst irgendetwas widerfahren sein: Seine oft genialen und des Öfteren übertriebenen Dolmetschleistungen haben ihn zu einer bitterbösen Attacke gegen einen deutschen Journalisten veranlasst, zu lesen statt des üblichen "Anmerkungsapparates" in Bruens neuem Roman "Jack Taylor und der verlorene Sohn".
Was da alles im Detail geschehen ist, werden wir wohl nie erfahren, stattdessen aber gilt es, einen neuen und tatsächlich gelungenen Krimi Ken Bruens zu feiern: "Jack Taylor und der verlorene Sohn" ist schräge "hard boiled"-Literatur bester Güte!
Die schmutzigste Stadt Irlands
Also: Jack Taylor kommt nach Monaten wieder aus der "Klapsmühle" - um dem norddeutschen Idiom dafür gerecht zu werden - raus. Im Gepäck Pascals "Pensees", geklaut in der Anstaltsbibliothek. In der Zwischenzeit ist in seiner Heimatstadt Galway einiges den Bach runtergegangen: Taylors alte Absteige gibt es nicht mehr, das Hotel wurde verkauft, die Stadt selbst zur "schmutzigsten Irlands" gewählt, und überdies wird ein katholischer Priester per Enthauptung im Beichtstuhl ins Himmelreich geschickt. Pädophilie, Kindesmissbrauch, scheinen das Motiv einer späten Rache zu sein.
Taylor, kein Freund der Kirche, nimmt sich trotzdem des Falles an, und ungewollt bekommt er dazu auch noch einen jungen Compagnon, sowie gute und handfeste Ratschläge der besseren städtischen Gesellschaft, die Geschichte doch auf sich beruhen zu lassen - im Interesse eines modernen, attraktiven Galway, das es bald zur "europäischen Kulturhauptstadt" bringen werde. "Harte Tage. Und sie sollten noch sehr viel härter werden.", stellt Taylor in dieser Lage fest.
Ans Herz gewachsen
Selbstverständlich hat er Recht, aber trotzdem geht alles noch viel schlimmer aus als vorgesehen. Der ungeliebte und übereifrige Compagnon wächst ihm ans Herz, wird sozusagen zum "verlorenen Sohn", was Kenner der zwar höchst gebildeten, aber ebenso abgebrühten Jack-Taylor-Figur einigermaßen überrascht. Eine der weiteren Überraschungen in diesem Krimi ist die Tatsache, dass der polytoxikoman veranlagte Held wider alles Erwarten bis zum Ende frei von Alkohol und anderen Drogen bleibt.
Angerufen werden hingegen - wie in vorherigen Büchern Bruens - die Ikonen der Kriminalliteratur und auch solche der Popmusik: Unter anderem Warren Zevon und Steve Earle fürs Musikalische, David Goodis und Eugene Izzy für die Schreiberei. Zitat Bruen, bezogen auf Izzy:
Zitat
Wenn je ein Noir-Schriftsteller einen Noir-Tod gestorben ist, war er das. In Chicago baumelte er in einem dreizehnstöckigen Bürogebäude aus dem Fenster. Er hatte eine kugelsichere Weste an. In seinen Taschen waren ein Messingschlagring, Tränengas, Drohbriefe von einer Bürgerwehr. Seine Wohnungstür war abgeschlossen, und neben seinem Schreibtisch lag ein geladenes Gewehr.
Kriminalistische Achterbahnfahrt
Ja, das hat sich vor gut 15 Jahren in Chicago zugetragen. Im Galway Bruens hängen zwar keine toten Autoren kopfüber aus den Fenstern, aber auch diesmal ist - wie in den vorangegangenen Taylor-Krimis - der menschliche Preis für die Lösung des Falles viel zu hoch.
Mal sehen, wie lange Ken Bruen und sein "private eye" Jack Taylor diese kriminalistische Achterbahnfahrt noch durchhalten. Das Erscheinen des nächsten Romans ist jedenfalls bereits in Vorbereitung.
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Ken Bruen, "Jack Taylor und der verlorene Sohn", Deutsch von Harry Rowohlt, Verlag Atrium
http://www.atrium-verlag.com
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