Curnonsky

Für die Autorin Inge Huber ist er "eine unglaublich faszinierende Figur". Das bezieht sich auf "seinen Charakter, auf seine Wesensart, sein Auftreten, seine Bescheidenheit, seine Vielschichtigkeit, seine Freundlichkeit. (...) Für mich ist er eigentlich eine totale französische Figur der Belle Epoque (...) und er verkörpert den Genießer und den Bonvivant".

Die Dame, die hier so sehr schwärmt, ist Münchnerin, Kunsthändlerin und Gartenarchitektin. Und der Herr, den sie so verehrt, heißt Maurice-Edmond Sailland. Doch erst beim Hören seines Pseudonyms, unter dem er meist schrieb, hellen sich noch heute die Gesichter von Gourmet-Kritikern und Spitzenköchen auf: "Curnonsky".

Lebensgenuss pur

Im Frankreich der Belle Epoque, also von 1885 bis zum Ersten Weltkrieg, regierte ohne Zweifel der Lebensgenuss. Schon Saillands Pseudonym drückt dies klar aus. Cur (= warum) und non (= nicht) plus die slawische Endung "-sky" (wie es damals in Frankreich Mode war) macht: Warum nicht? Ja, warum nicht das Leben in vollen Zügen genießen, die gute Küche, den herrlichen Wein, Rauchwerk von Pfeife über Zigarre bis zu dreißig Zigaretten täglich, schließlich die Frauen – Curnonskys zahllose Liebschaften reichten vom Straßenmädchen bis zu den Damen der guten Gesellschaft. Bei dieser extremen Lebensführung wurde Curnonsky auch noch 84 Jahre alt.

Curnonsky war aber nicht nur ein Bonvivant, ein Genussmensch, sondern auch ein Vielschreiber.

Engagement für Michelin-Brüder

1891 kam der in Angers geborene Curnonsky nach Paris und begann bald für verschiedene Journale Kolumnen zu schreiben – auch für die damals auflagenstärkste Zeitung, "Le Journal". Er verfasste aber auch äußerst erfolgreiche erotische Romane, gemeinsam mit Henry Gauthier-Villar, dem ersten Ehemann der Schriftstellerin Colette. Neben Colette zählten zu Curnonskys Freunden Paul Verlaine, Emile Zola und Henri de Toulouse-Lautrec.

Nach der Jahrhundertwende, mit der ersten Blüte des Automobils, veränderte sich Curnonskys Schreibtätigkeit. Die Brüder André und Edouard Michelin hatten als Firmenlogo das berühmte Reifenmännchen erfunden. Curnonsky steuerte dessen Namen bei: "Bibendum", frei nach dem Trinkspruch des Horaz: "Nunc est bibendum...".

Die beiden Michelins waren von Curnonskys Einfallsreichtum derart begeistert, dass sie ihm ein Angebot machten: Er solle als Stimme des Reifenmännchens "Bibendum" jeden Montag in "Le Journal" eine Kolumne schreiben. Das war der Beginn von Curnonskys Karriere als Gatronomiekritiker.

Prinz der Gastronomie

Man muss sich die damalige Zeit vor Augen führen: Anfang der 1920er Jahre bevölkern die "automobilistes", die ersten Autofahrer, vermehrt die Landstraßen von Frankreich. Ab nun sucht man nach Restaurants, guten Hotels, die abseits der großen Bahnlinien liegen. Unter diesen Voraussetzungen schlägt Curnonskys Stunde.

Curnonsky bereist als Feinschmecker ganz Frankreich. 28 Bände über "La France Gastronomique" hat er schließlich verfasst. Und als Stimme des Michelin-Männchens "Bibendum" wurde Curnonsky zum Begründer der Gastronomie- und Reiseführer von Michelin. 1927 wählten ihn über 3.300 Köche zum "Prinzen der Gastronomie".

Das wohl schönste Erlebnis seiner Karriere gab es zu seinem 80. Geburtstag im Oktober 1952. 80 seiner Pariser Lieblingsrestaurants deckten an diesem Tag seinen Stammplatz mit einem Strauß Blumen und stellten ein Schild dazu:

Nachlass nach Bayern

1956 verstarb Curnonsky und nach seinem Tod geriet der große Gastrokritiker und Bonvivant bald in Vergessenheit. Obwohl in Paris sogar eine Rue Curnonsky existiert, hatte anscheinend niemand Interesse nachzuforschen, ob es einen Nachlass gab. Der kam zu Inge Huber – sprichwörtlich wie das französische Kind zur bayerischen Jungfrau. Im Jahr 2000 fuhr die Münchner Kunsthändlerin nach Paris, eigentlich um zwei antike Vasen zu kaufen. Doch dann wurde ihr auch eine große Kunstbuchsammlung angeboten. Inge Huber zögerte zuerst, griff aber dann doch zu:

"Ich erwarb die gesamte Bibliothek. Es waren sehr, sehr viele Bücher, Kunstbände. Und es waren ein paar ganz schäbige Kisten dabei, die ich immer wieder weggestellt habe und nicht berühren wollte, weil sie so staubig und rußig waren. Und irgendwann in einem Sommer, in einem Anfall von Sonne und schönem Wetter setz' ich mich in den Garten und nehm' mir diese Kisten vor und entdecke lauter Gastronomie-Artikel, Gastronomie-Briefe, Menükarten. Und dann war dieser Fund eben Curnonskys Erbe. Und das hab' ich dann gesichtet, im Lauf von zwei bis drei Jahren."

Inge Huber hat im Selbstverlag drei zusammengehörige Bücher herausgegeben, die das das gastronomische Vermächtnis Curnonskys dokumentieren. Letztes Jahr wurde der Band "A la carte" bei den Gourmand World Cook Book Awards in Paris mit dem Preis "Weltweit bestes Buch über die französische Küche" ausgezeichnet. Doch dass die Bayerin Inge Huber "ihren" Curnonsky für die Nachwelt wiederentdeckt hat, haben die Franzosen bis heute nicht ganz überwunden.

"Affäre" mit Langzeitwirkung

Für uns deutschsprachige Leser hat Inge Huber nun ein viertes Buch geschrieben: "Curnonsky oder das Geheimnis des Maurice-Edmond Sailland", erschienen in der Collection Rolf Heyne. Während sich Inge Huber in den auf Französisch verfassten Bänden mit ihrer eignen Meinung ganz zurückhält, gleicht das Buch auf Deutsch beinahe schon einem Roman. Inge Huber schlüpft in die Person Curnonskys und erzählt sein Leben: vom Alter und der Erinnerung an die große Zeit der Belle Epoque, von der Jugend, seinen ersten Pariser Jahren als Journalist und Verfasser von erotischen Romanen, von seinen Freunden, von seinen Liebschaften, schließlich von Curnonskys Aufstieg zum wohl berühmtesten Gastronomiekritiker aller Zeiten. Das alles ist einfühlsam, klug und mit Kennerschaft geschrieben.

Wenn Inge Huber in Ihrer kleinen Galerie in der Münchner Türkenstraße steht, umgeben sie im Show-Room zahllose Bilder und Dokumente Curnonskys. Manchmal blickt sie auch etwas ängstlich in den kleinen Nebenraum hinüber, wo noch zahllose Kartons aus Curnonskys Nachlass stehen. Denn Huber weiß: Ihre Tätigkeit als Herausgeberin ist noch nicht zu Ende:

"Jetzt muss ich mal schauen. Hier sind ungefähr noch 2.000 ungelesene Briefe, die er alle bekommen hat. Das sind Schriften von Köchen, die ihn um Kritiken baten. Oder Dankesschreiben für geliehenes Geld - er hat sehr viele Köche unterstützt, und Künstler. Das sind alles Handschriften, wobei ich noch nicht sagen kann, wessen Unterschrift das jeweils ist. Also da bin ich immer noch am Suchen und Vergleichen. Und muss immer noch in seinen Adressbüchern Namen finden, die ich dann wiederum mit diesen Unterschriften vergleiche. Also: Es ist noch sehr viel zu tun."

Curnonsky und Inge Huber - eine verhängnisvolle Affäre mit Langzeitwirkung.

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Inge Huber, "Curnonsky oder das Geheimnis des Maurice-Edmond Sailland", Collection Rolf Heyne

Collection Rolf Heyne - Curnonsky