Handbuch Welternährung

Es ist wie verhext. Seit Jahrzehnten wird versucht, den Hunger in der Welt zu bekämpfen. Aber trotz aller Anstrengungen will es nicht gelingen. Im Gegenteil: Seit 2007 steigt die Anzahl jener Menschen, die nicht genug zu essen bekommen sogar wieder an.

Im Jahre 2009 hungerten erstmals mehr als eine Milliarde Menschen weltweit. Der Grund dafür sind die gestiegenen Lebensmittelpreise, die nun auch jene Staaten, die die Unterernährung halbwegs im Griff hatten, in Probleme stürzen.

Mehr Nahrungsmittel produziert denn je

Auch wenn es bis 2015 noch vier Jahre sind und die Zahl der Hungernden vom Höchststand aus dem Jahre 2009 wieder gesunken ist, so kann man doch mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, dass das ehrgeizige Ziel verfehlt werden wird - obwohl heute mehr Nahrungsmittel produziert werden als verzehrt.

Die globale Ernte bringt etwa ein Drittel mehr ein, als für die notwendige Versorgung aller Menschen erforderlich wäre. Warum dann rund eine Milliarde Menschen nicht genug zu essen bekommen? Weil Nahrungsmittel schon längst nicht mehr ausschließlich der Ernährung dienen. Nur 47 Prozent der Weltgetreideproduktion wird von Menschen verzehrt. Bei Ölsaaten - Soja, Raps, Palmöl, Sonnenblumen - ist der Anteil noch geringer. Mehr als die Hälfte des Getreides oder der Ölsaaten wird dafür verwendet, Nutztiere zu mästen - oder, um daraus Energie zu gewinnen. "Nutzungskonkurrenz" nennen das die Autorinnen.

Zahlreiche Gründe

Gründe für den andauernden Hunger gibt es genug. Preisdumping durch fehlgeleitete Handelspolitik und falsche Nahrungsmittelhilfe sind zwei davon. In den Ländern, die von Hunger betroffen sind, gibt es oft keine ausreichende einheimische Nahrungsmittelproduktion, auch deshalb, weil die reichen Industriestaaten ihre Überproduktion durch massive finanzielle Stützung in die armen Länder exportieren und dort den Markt zerstören. Aber auch der unsachgemäße Umgang mit der Ernte verschärft in den Entwicklungsländern die ohnehin angespannte Lage.

Lösungsansätze

Was aber kann gegen den Hunger getan werden? Auch hier ist ein wesentlicher Punkt eine bessere Bildung der Massen.

Weingärtner und Trentmann zeigen mehrere Möglichkeiten auf, wie der Hunger, wenn schon nicht ausgerottet, dann doch zumindest zurückgedrängt werden kann. Die Förderung des Potenzials der kleinbäuerlichen Landwirtschaft gehört ebenso dazu, wie die Fokussierung auf die Strukturpolitik eines Landes als Motor des Wandels. Aber einen wirklichen Fortschritt kann es nur geben, wenn die verschiedensten Akteure zusammen arbeiten.

Menschen-Recht auf Nahrung

Für die nationalen Regierungen lautet das vordringlichste Ziel laut den Autorinnen: das Menschenrecht auf Nahrung zu verwirklichen. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist die Verrechtlichung dieses Anspruchs. 22 Staaten haben das Recht auf Nahrung in ihre Verfassung aufgenommen. Welche positiven Auswirkungen das hat, lässt sich an einem Beispiel aus Indien illustrieren: Obwohl die indischen Bundesstaaten verpflichtet sind, den Kindern in öffentlichen Grundschulen eine warme Mahlzeit pro Tag zu garantieren, taten viele das nicht. Das Verfassungsgericht wurde angerufen, was dazu führte, dass heute in 16 Distrikten Schulspeisungen durchgeführt werden - was vielen Kindern ein Hungerschicksal erspart.

Im "Handbuch Welternährung" finden sich einige solcher Beispiele, die zeigen, wie die Lage der Hungernden dieser Welt konkret verbessert werden kann. Das Buch enthält viele Fakten, viele Statistiken und viele Schaubilder. Es lädt nicht unbedingt dazu ein, es in einem Zug zu lesen, aber als Nachschlagewerk ist es für alle, die sich mit dem Hunger der Welt beschäftigen, ein absolutes Muss.

service

Lioba Weingärtner, Claudia Trentmann, "Handbuch Welternährung", Campus Verlag

Campus Verlag - Handbuch Welternährung