Irland: Politik attackiert Kirche

Im Zusammenhang mit den Missbrauchsskandalen ist in Irland ein Streit zwischen Regierung und Kirche ausgebrochen. Premier Enda Kenny hat bei einer Sondersitzung des Parlaments in Dublin den Vatikan für seinen Umgang mit Kindesmissbrauch heftig kritisiert. Ein neuer Bericht belege, dass der Vatikan versucht habe, die Ermittlungen zu behindern.

Mittagsjournal, 21.07.2011

"Narzisstische Kultur des Vatikan"

Das hat es noch nie gegeben in der Republik Irland: Ein Regierungschef kritisiert die römisch-katholische Kirche. Enda Kenny, erst seit einigen Monaten im Amt, liest der heimischen Geistlichkeit und zugleich auch dem Vatikan die Leviten, mit geharnischten Worten: Der neue Bericht lege offen, wie "abgehoben, elitär und narzisstisch die Kultur des Vatikan" sei, sagt Kenny - selbst ein praktizierender Katholik. Vergewaltigung und Folter von Kindern werde heruntergespielt, stattdessen würden der Vorrang der Institution Kirche hochgehalten, ihre Macht und ihre Reputation hervorgehoben, so der Regierungschef eines Landes, in dem die Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche geradezu legendär ist. Über Jahrhunderte hinweg hat der irische Staat den katholischen Institutionen wichtige Bereiche des öffentlichen Lebens überantwortet, wie zum Beispiel die Ausbildung und Erziehung der Kinder, mit - wie sich später herausstellt, oft fatalen Folgen.

Anweisung des Vatikans

Der "Cloyne-Report" war die vierte Veröffentlichung über das Vertuschen von Missbrauch in der katholischen Kirche in Irland. Darin wird aufgezeigt, dass der Vatikan den Bischof von County Cork, John Magee, direkt angewiesen hat, nicht alle Missbrauchsfälle der Polizei zu melden. Magee ist längst zurückgetreten, sein Verhalten ist aber erst jetzt im Detail bekanntgeworden - eine böse Überraschung auch für Diarmuid Martin, den Erzbischof von Dublin: "Ich muss mich dafür schämen", so der Erzbischof. Ihm ist offenbar bewusst, dass die Affäre noch lange nicht ausgestanden ist.

Gesetzliche Verpflichtung

Premier Enda Kenny will ein neues Gesetz, das die Anzeige von Kindesmissbrauch verpflichtend macht, unabhängig von Position und persönlichen Umständen. "Das irische Recht darf nicht halt machen vor Bischofstab oder Priesterkragen", erklärt der "Taoiseach", wie der Regierungschef in Irland genannt wird. "Das ist die Republik Irland 2011, eine Republik mit Gesetzen, mit Rechten und Pflichten."

Ruf nach Ausweisung des Nuntius

Der Vatikan hat eine Antwort auf die Vorwürfe in Aussicht gestellt, ohne sich allerdings auf einen Zeitrahmen festzulegen. Er sollte sich beeilen, denn die Empörung in Irland ist groß. Schon verlangen Parlamentsabgeordnete die Ausweisung des apostolischen Nuntius aus einer der letzten katholischen Hochburgen Europas.

Vatikan-Sprecher reagiert schriftlich

In Rom ist man von der Schärfe der Rhetorik in Irland überrascht worden. Offenbar hat der Vatikan gehofft - die Causa Irland sei bereits beigelegt.

Der Papst ist wie jeden Sommer in Castel Gandolfo - der Staatsapparat deshalb nur auf Sparbetrieb. In solchen Fällen muss der Mann für schwierige Fälle, Federico Lombardi die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Er ist der Sprecher des Papstes und Chef von Radio Vatikan. Lombardi hat sich mit einer schriftlichen Stellungnahme zu Wort gemeldet: Schon der Anfang ist typisch vatikanisch: Man werde sich in angemessener Form und Zeit zu den neuen Vorwürfen aus Irland äußern.

Allerdings, so Lombardi weiter: Der Brief des damaligen Nuntius an die irländische Bischofskonferenz, der jetzt im Bericht für Aufsehen gesorgt hat, weil er eine Vertuschung der Missbrauchsfälle nahe legt, dieser Brief sei im Einklang mit den rechtlichen Bestimmungen in Irland gestanden. Damals habe es noch keine gesetzliche Verpflichtung gegeben, die zivilen Behörden bei Missbrauchsfällen zu informieren.

Heiße Materie

Dass sich der Vatikan jetzt auf diese Position zurückzieht ist bemerkenswert, denn im päpstlichen Brief an die irischen Bischöfe vor eineinhalb Jahren hat Benedikt der 16. festgestellt, dass es eine Verpflichtung für Angehörige der katholischen Kirche gäbe, in allen Fällen die zivilen Stellen einzuschalten: Das hat, damals in einer Videobotschaft an Irland auch Federico Lombardi betont.

Wie schwer man sich im Vatikan nach wie vor mit diesen Missbrauchsfällen tut zeigt übrigens die Tatsache, dass Federico Lombardi betont hat - er äußere sich nicht als Sprecher des Papstes - sondern nur als Chef von Radio Vatikan.

Mittagsjournal, 21.07.2011

Aus Rom,

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