Der Engel des Vergessens

Eine Rauchkuchl, Schweineschmalz, eine Milchzentrifuge, Männer in Knickerbockerhosen aus Schnürlsamt und ein Leben ohne Kühlschrank - der Roman von Maja Haderlap, der heurigen Bachmann-Preisträgerin, beginnt mit Details, die jeder kennt, der bis in die 1960er Jahre in abgelegene Gegenden Österreichs aufgewachsen ist.

Bauernarbeit, Waldarbeit, die Mühen eines auf Handarbeit basierenden Lebens durchziehen Haderlaps Prosa. Und die Großmutter, "mein Kindheitsstock, an dem ich mich festhalte", diese Großmutter sagt schon nach wenigen Seiten den ersten entscheidenden Satz, der diese Erinnerungen spezifisch macht und unterscheidet vom Mainstream der Erinnerung in Österreich: "So wenig Brot gab es zu essen im Lager." Die Deportation, das KZ Ravensbrück, die Ermordeten, das Partisanenleben - diese Erinnerungen werden nicht nur erzählt, sie haben sich eingeschrieben in die Körper, die Blicke, die alltäglichen Gesten. Vater war der jüngste Partisan - mit zwölf Jahren.

Das undichte Dach der Kindheit

Ein solcher Vater wird nie zu einem "normalen" Vater, den die Tochter bloß aus dem Gasthaus holen muss, weil er aufs Heimgehen "vergessen" hat. Einmal nimmt er sie mit in den Wald, zeigt, wo sein Bunker war. Doch manchmal bedroht er seine Familie mit dem Jagdgewehr und droht, alle zu erschießen. Und manchmal muss man ihn im Wald suchen - er könnte sich etwas angetan haben, fürchtet man. Einmal will sich der Vater erhängen - er ist als Kind von Polizisten an einen Baum gehängt worden - und die Tochter verspürt den Auftrag, den Vater zu retten.

Da wird, um ein Bild aus dem Roman zu gebrauchen, das Dach der Kindheit sehr schnell undicht. Denn niemand ist fähig, das Kind zu behüten vor den bedrängenden Erinnerungen. Es ist leichter, das alte Haus von 1743 abzureißen, als ihnen zu entkommen. "Wenn Großmutter die Essensrationen im Lager erwähnt, überkommt sie ein nervöser Hunger", heißt es einmal. Und Großmutters Nähe bewirkt vor allem eines: "Meine Sinne werden Großmutters Vibrationen auf die Welt übertragen und die Möglichkeit der Zerstörung im allem sehen."

Über das Sterben

Der Tod ist ständig präsent, nicht nur in den Erinnerungen: ein Unfall, einer der sich erhängt hat, ein Mann mit dem Küchenmesser im Bauch - das Kind sieht und registriert alles; und möchte selbst sterben. Die Passagen über das Sterben gehören zum Eindringlichsten in Maja Haderlaps Buch: über das Sterben der Großmutter und vor allem gegen Ende die Erzählung vom Sterben des Vaters, jenes Vaters, der auch musizieren und lustig sein konnte, der sein Leben "weggelacht, weggetrunken, weggearbeitet" hat. Die Erzählerin weiß, dass sie trotz allem ein Vaterkind ist, das sich nicht an den Kindvater, an die Vergangenheit und den alten Schmerz ketten will. Aber sie entkommt dem nicht; selbst die Kindheitslandschaft wird zur Falle.

Das liegt vor allem an den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. "Ich lerne im selbstvergessenen Kärnten, nicht vergessen zu können", notiert die Erzählerin lapidar. Weil nicht erzählt werden kann, weil die vom österreichischen Mainstream abweichende Erinnerung nicht zu Wort kommt, wird man immer wieder auf sich zurückgeworfen. Schon die Partisanen und die KZ-Überlebenden hatten "Angst, mit diesen Geschichten nicht mehr dazuzugehören, fremd zu sein in einem Land, das andere Erzählungen hören wollte und ihre für unwichtig hielt". Die Zeugen sollten einsam bleiben - eine besonders wirksame Strategie des Vergessens. Sie spürten: "Zwischen der behaupteten und der tatsächlichen Geschichte Österreichs erstreckt sich ein Niemandsland, in dem man verloren gehen kann."

Gegen Ende hat Maja Haderlaps Buch starke essayistische Passagen, die sich mit Österreichs "Misstrauen gegenüber allen, die gegen den Nationalsozialismus gekämpft haben", aber auch mit der besonderen Situation der Kärntner Slowenen auseinandersetzen. Beeindruckend ist die Konfrontation mit den Slowenen in Titos Jugoslawien und deren Partisanen-Verehrung. Einem Historiker gegenüber sagt die Erzählerin: "Ich komme von der Kärntner Seite, da sind die Beteiligten nicht vom Heldenkult geblendet." Immer wieder rückt Kärnten in den Blick - da steht die Frage im Raum: "Tragen die hier gesprochenen Sprachen immer noch Uniform?"

Authentische Erzählung

Maja Haderlap hat ein dringend notwendiges Thema literarisch aufgegriffen: Österreichs einzigen militärisch organisierten Widerstand gegen den Nationalsozialismus - den der Kärntner Slowenen. Und das ist keineswegs eine Pflichtübung an sogenannter "Vergangenheitsbewältigung", kein Thesenroman, sondern eine authentische Erzählung, die Erzählung einer erwachsenen Frau, die sich in ihre Kindheit begibt und sie, ausgestattet mit dem Wissen von heute, als Gegenwart erlebt. Maja Haderlap gelingt das in einer ungekünstelten Sprache, die immer wieder mit individuellen Bildern überrascht, etwa wenn Vaters Körper "von einem Schmerzschraubstock umschlossen" wird oder wenn es beim Gang durch den Wald heißt: Es "überfällt uns eine hellhörige Stille, die auf unsere Schritte zu lauern scheint".

Zur Gefahr werden der Autorin Abstrakta wie "das Geheimnis der Bedrohtheit des Menschen", aber sie tauchen nur selten auf. Die wenigen Fehlgriffe gehen wahrscheinlich auf das Konto des bundesdeutschen Verlags, wenn etwa in Südkärnten "Plätzchen" gegessen werden oder die Großmutter sagt, sie "bereite" der Enkelin ein Fläschchen.

Vielleicht ist ja auch die Bezeichnung des Buches als Roman dem Verlag geschuldet. Sie scheint hier gänzlich fehl am Platz, und das nicht nur, weil die Biografie der Autorin - ihr Studium, ihre Arbeit, ihre Gedichtbände - eins zu eins Eingang gefunden haben in den Text, was eine autobiografische Lesart geradezu aufdrängt; sondern vor allem, weil dieser Text seine stoffliche Kraft und Relevanz aus der historischen und politischen Realität bezieht, nicht aus der Fiktion. Und er wäre auch dann ein großartiges und unverwechselbares Stück Literatur, wenn man ihn nicht als Fiktion, als Roman ausschildern würde.

Das erweist sich besonders intensiv in Passagen, die zunächst ganz als Teil der individuellen Lebensgeschichte erscheinen und dann doch zur Spiegelung des Zentralthemas werden - wenn etwa die Küchengehilfin Iris neben der Erzählerin ertrinkt und sie sich Jahrzehnte schuldig fühlt, weil sie überlebt hat. Oder in der unvergesslichen Szene vom Zugrundegehen einer kalbenden Kuh. Und natürlich in den Traumsequenzen, die die Erzählung durchziehen.

Bleibt noch die Frage, warum ein Buch der Erinnerung ausgerechnet den Titel "Engel des Vergessens" trägt. Weil am Ende, nach einem Besuch des KZ Ravensbrück, Walter Benjamins berühmter "Engel der Geschichte" auftaucht - und ihm wird der "Engel des Vergessens" gegenübergestellt, der darauf vergessen hat, die quälenden Erinnerungen zu löschen. Sie sind in Maja Haderlaps Buch auf einzigartige und unverwechselbare Weise literarisch produktiv geworden.

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Maja Haderlap, "Der Engel des Vergessens", Wallstein Verlag

Maja Haderlap
Wallstein Verlag - Der Engel des Vergessens