Georgische Impressionen

Zeitgenössisches Kunstschaffen hat es schwer in Georgien. Es gibt keine zuständigen Institutionen, und daher auch keine öffentliche Sammlung oder den Anforderungen von Gegenwartskunst entsprechende Ausstellungsräume. Trotzdem hat sich in den letzten Jahren in Tiflis eine interessante Kunstszene entwickelt.

Kulturjournal 22.08.2011

Einige Künstlerinnen und Kuratoren sind nach der Rosenrevolution von 2003 aus dem Exil nach Georgien zurückgekehrt und beleben die lokale Szene mit ihren internationalen Kontakten und Erfahrungen.

Wo geht's hier zur Kunst?

Auf den Holzbrettern eines Bauzauns im Zentrum von Tiflis steht in großen Buchstaben gesprayt: "Sorry, where is the contemporary art museum???", als würde ein Ortsunkundiger das Museum für Gegenwartskunst suchen. Eine rhetorische Frage, denn ein solches Museum gibt es in Tiflis nicht. Es wird zwar von vielen Kulturschaffenden gefordert, doch fehlt das Geld vorne und hinten, und in der Kulturpolitik Georgiens hat Gegenwartskunst keinen besonders hohen Stellenwert. Die Aufgabe, junge, experimentelle Kunst zu fördern und öffentlich zu machen, wird unterdessen von Individuen und kleinen Institutionen ausgeführt.

Rote Tür zur Welt

Am Ende einer verwinkelten Seitengasse des Rustaveli-Boulevards, der Prachtstraße, stößt man auf eine rot gestrichene Tür. geoAIR steht darauf. In der Wohnung, die einer Künstlerin gehört, ist eine Artist-in-Residence-Unterkunft und auf wenigen Quadratmetern ein Büro untergebracht. Nino Palavandishvili betreibt mit anderen Kuratorinnen die 2003 gegründete Organisation "geoAIR - collaborative cultural projects" als Schnittstelle zwischen Georgien und der internationalen Kunstwelt. Es gibt eine Bibliothek mit Katalogen und Portfolios von Künstlern aus Georgien, aber auch aus Armenien, Aserbeidschan und der Türkei.

Zwischen Aufbruch und Apathie

Es sind zwei amerikanische Künstlerinnen zu Gast, die in einer Reihe von performativen Diskussionen mit dem Publikum über kreative Arbeit in Georgien sprechen. Sie hätten in der Kunstszene zwar eine latente Aufbruchsstimmung wahrgenommen, so Anne Elizabeth Moore und Elizabeth White aus Chicago, doch ließen sich viele vom Mangel an Interesse, Räumen und Mitteln für zeitgenössische Kunst bremsen.

Außer dem Artist-in-Residence-Programm organisiert geoAIR eigene Projekte an wechselnden Orten - die nächste Veranstaltung ist Ende August in einem oktopusartigen, phantastischen Raumgebilde am Meer, in dem früher ein Café war. Demnächst soll es abgerissen werden, obwohl es ein architektonisch wertvolles Monument ist, wie die Kuratorin Nini Palavandishvili meint.

Wiederbelebung utopischer Baukunst

In einem anderen solchen Relikt aus der Sowjet-Zeit hat sie vor zwei Jahren gemeinsam mit einer polnischen Kuratorin eine erfolgreiche Ausstellung gemacht. Das Straßenbau-Ministerium in Tiflis wurde 1976 von George Chakhava entworfen, der Architekt damals auch Straßenbau-Minister war, also gleichzeitig Bauherr und Hauptarchitekt. Das Hochhaus aus aufeinander gestapelten Querbalken, in denen jeweils zwei Stockwerke sind, ist eine Ikone der sowjetischen Moderne und steht mittlerweile unter Denkmalschutz. Nach der Unabhängigkeit Georgiens von der Sowjetunion stand es jahrelang leer, bis es von einer Bank gekauft und zum Hauptquartier umgebaut wurde.

Dass ein Teil des Gebäudes vor dem Umbau durch die Ausstellung "Frozen Moments" kurz der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, sei nicht einfach zu erreichen gewesen, erinnert sich Nino Palavandishvili. Vielleicht habe geholfen, dass die Kuratorin nicht Georgierin war: "Das Problem ist, dass solche Menschen, wie die Bankmanager, uns Georgiern nicht zutrauen, gute Ideen zu haben, wenn es um außergewöhnliche Projekte geht. Sie haben diese merkwürdige Einstellung, dass wir weniger drauf haben und schenken "ausländischen Experten" größeres Vertrauen. Noch einen weiteren Vorteil hatte die polnische Herkunft der Kuratorin: das gesamte Projekt wurde von Polnischen Institutionen finanziert, während Georgien oder Tiflis überhaupt nichts beisteuerten. Die Stadt Warschau zahlte der Stadt Tiflis eine Ausstellung. Es ist absurd, aber zumindest konnten wir das Projekt machen."

Tiflis-Kunsthalle oder lieber Venedig-Biennale?

geoAIR organisiert einmal im Monat Diskussionen zu kulturpolitischen Themen, etwa zur Frage ob Tiflis eine Kunsthalle braucht, oder zur Selbstdarstellung Georgiens auf der Biennale di Venezia. Denn in diesen Auftritt fließt ein großer Teil des ohnehin ständig sinkenden Budgets des Kulturministeriums. Palavandishvili kritisiert den undurchsichtigen Auswahlprozess: "Es gab einen open call an Künstler, Projekte einzureichen, aber es gab keine Jury, die die Entscheidung treffen würde. Dass die Einreichungen im Ministerium nie wirklich besprochen wurden, weiß ich von Künstlern, die nicht einmal einen offiziellen Absagebrief oder irgendeine andere Reaktion auf ihren Vorschlag bekommen hatten. Die Künstlerin, die nun Georgien in Venedig vertritt, und das auch schon 2007 getan hat, verlautbarte bei der Eröffnung, es hätte keine Einreichungen gegeben und sie hätte sich daher großzügigerweise angeboten, ihre Kunst in Venedig auszustellen."

Funktionären was erklären

Wenn man mit Politikern, ebenso wie mit Sponsoren aus der Wirtschaft, eine gemeinsame Kommunikationsebene findet, dann kann man durchaus etwas erreichen. Diese Erfahrung hat der Künstler und Kurator Wato Tsereteli gemacht: "Ich finde es wichtig, wenn man mit Funktionären arbeitet, dass man das Anliegen der Kunst gut argumentiert. Ihre Aufgabe ist ja nicht, die Kunst zu verstehen, sondern zu sehen, warum es wichtig für das Land ist."

Unabhängige Schule für freie Kunst

An der Kunstakademie hat Tsereteli die Fotografie-Abteilung aufgebaut, die er leitet, und vor einigen Monaten hat er eine eigene Kunstschule aufgemacht. Im ehemaligen Bürogebäude eines zentral gelegenen Heizkraftwerks sind Ateliers und die Ausstellungsräume des Center for Contemporary Art Tbilissi untergebracht, finanziert von einer Bank und anderen Sponsoren. Für umgerechnet 100 Euro im Monat können Studierende, die bereits künstlerisch tätig sind, die Ateliers benützen und in Gruppen oder in Einzelgesprächen mit unterrichtenden Künstlern ihre Arbeiten praktisch und theoretisch weiterentwickeln.

Eine Sound-Klasse gibt es in der Schule, eine für Fotographie und eine für Malerei, konzeptuelle Malerei betont Wato Tsereteli. Von dem in der Sowjetunion verordneten sozialistischen Realismus sei eine Fetischisierung von Ästhetik übrig geblieben - dass Malerei jedoch inhaltlich über Oberflächengestaltung hinaus gehen kann, hat er in einer Ausstellung mit dem Titel "Writing in Colour" zeigen wollen. "Auf georgisch heißt 'malen' soviel wie ‚schreiben mit Farbe‘. Schreiben hat etwas mit Semantik zu tun, und das erwarte ich auch von der Malerei. In der Ausstellung hatten wir Arbeiten von 15 Künstlern. Sie hat gezeigt, dass es eine Welle junger Leute gibt, die Botschaften entwickeln und malerisch ausdrücken."

Die Wunden verheilen lassen

Die Ausstellungsräume sind perfekt hergerichtete white cubes, wie sie überall in der Welt zu finden sind. Oft sagen Besucher, sie fühlen sich hier wie in einer anderen Stadt, so Tsereteli. Und das sei gut so, denn für ihn soll Kunst, wie eine Reise, neue Ansichten auf das gewohnte Umfeld ermöglichen. Er hält es für wichtig, dass die Künstler in ihren Ausstellungen im Center of Contemporary Art den lokalen historischen und politischen Kontext mitdenken. 70 Jahre sowjetischer Diktatur, sowie Bürgerkriege in den 1990er Jahren und zuletzt der Kaukasuskrieg im August 2008 haben Traumata hinterlassen. "Ein holländischer Künstler wollte Zeitungsfotos aller Konflikte der letzten Jahrzehnte auf dem Boden verteilen. Ich habe ihm gesagt, das kannst Du in New York machen, aber nicht hier. Du brauchst die Leute nicht daran erinnern, was sie durchlebt haben, sie wissen das ohnehin."

Zu Gast bei Mamuka

Der Künstler Mamuka Japhardize hat sich auf einem Hügel über Tiflis ein ländliches Refugium geschaffen. Er arbeitet mit Film, Video und Sound - gelegentlich macht er Auftragsmalereien. An der Wand seines Ateliers hängen Schwarzweiß-Fotografien von konzeptuellen Installationen. "Diese Arbeiten sind 1993 entstanden, als Bürgerkrieg war. Es war eine rauhe Zeit, Chaos, Gewalt und Zerstörung überall", sagt Japhardize, "Auch in der Kunst - die Künstler verhielten sich damals wie Neo-Expressionisten à la Anselm Kiefer. Ich setzte diesem Trend sehr reduzierte, strukturalistische Arbeiten entgegen. Ich wollte dem Chaos mit Ordnung begegnen - die Umstände verlangten das kreative Konzept zu ändern."

Gemeinsam mit Wato Tsereteli und den Studierenden der freien Kunstschule wird Mamuka Japhardize im Garten rund um sein Haus ein verspieltes Kunstprojekt mit dem Arbeitstitel "Biofarming and Art" beginnen: Gemüseanbau und Gartenpflege als pädagogisches Konzept, um das verlorene Gefühl für Zeit und Kreisläufe zu erfahren.

Über den Wolken von Tiflis

Cloud Library, also die Bibliothek über den Wolken, nennt Mamuka Japhardize, der in seinem Auftreten schamanenhaft und bodenständig zugleich wirkt, sein Haus. Gebaut hat er es selbst, am Rande eines kleinen Bauerndorfes, auf einem Grundstück mit Blick auf die Hauptstadt im Tal. "Als wir das Haus bauten, hatten wir die Befürchtung, dass es einsam wird hier oben und dass wir uns von der Stadtgesellschaft entfremden - aber das ist nicht eingetreten, es sind ständig Gäste hier, jeden Tag. Die Leute kommen gerne her", meint Japhardize und wir von einem Besucher-Anruf unterbrochen. "Siehst Du, sie sind schon im Anmarsch!"

Diese Beispiele zeigen: Städtische Kunsthallen sind wichtig und gehören aus öffentlicher Hand finanziert, keine Frage, aber was kleine Organisationen und manche Individuen an Grundlagenarbeit und Vernetzung - auch mit Gleichgesinnten im Ausland - leisten, ist mit Staatsgold nicht aufzuwiegen.