Gelungener Start des steirischen herbstes

Der steirische herbst ist am Freitag, 23. September 2011 angelaufen. Die Eröffnungsproduktion von Anne Teresa De Keersmaeker hat in Graz nicht allen zugesagt. Vor allem, weil sie in der weiträumigen Helmut-List-Halle nur für die vordersten Reihen funktionierte. Viel Anklang fanden dagegen die weiteren Premieren dieses ersten Festivalwochenendes - und auch die zahlreichen Ausstellungen. Insgesamt ein gelungener herbst-Start.

Kultur aktuell, 26.09.2011

Festivaldistrikt in Fußgängerzone

In der Grazer Mariahilfer Straße, einer kleinen Fußgängerzone nahe dem Kunsthaus, ist es für gewöhnlich am Abend ziemlich ruhig. Das hat sich seit Samstag schlagartig geändert. Der steirische herbst hat dort heuer einen eigenen Festivaldistrikt abgesteckt. Und der funktioniert über alles Erwarten gut.

Mannshohe hellrote Neonlettern leuchten an Fassaden: "Hotel", "Bar", "Wirtshaus", "Laden": Die spielerisch-ironische Stadt in der Stadt hat alles, was ein urbaner Treffpunkt braucht. Festivalpublikum und Künstler versammeln sich dort in Mengen und nehmen Platz auf langen, niedrigen bemalten Holztischen.

Öffentliches Wohnzimmer

Die slowenisch-österreichische Künstlerin Marusa Sagadin hat den kleinen Festivalbezirk gestaltet und damit ein Beispiel gesetzt, wie man ein Stück Gasse zum öffentlichen Wohnzimmer macht, ohne sich an kommerzielle Eventkultur anzubiedern.

Performance im Dom im Berg

Der Platz ist auch gut gewählt. Die meisten Bühnen und Ausstellungsorte des Steirischen Herbstes liegen in Fußdistanz zum Festivaldistrikt. Im Dom im Berg unter dem Schlossberg gastiert heute noch einmal die schwedische Produktion "Potato Country". Eine kompakte Stunde Performance mit Tanz, kleinen Monologen und Musik.

Gekonnt beiläufig und ungekünstelt entwickelt sich das Stück. Die Choreographin Gunilla Heilborn und ihre Truppe machen sich lustig über das Unwohlsein in der westlichen Lebensweise; das Unglücklich-Sein, das mit verfehlten Glücksvorstellungen zu tun hat.

Wege zum Glück

Man könne nicht nonstop glücklich sein, schon gar nicht, wenn man Glück mit kommerziellen Schönheitsidealen und Besitz verwechselt. Warum nicht einfach mehr Zeit mit Freunden verbringen und etwas weniger arbeiten – selbst wenn man dann materiell weniger hat, meint Heilborn.

Heilborns Stück zeigt eine Alternative auf – passend zum Festivalmotto, das da lautet: "Zweite Welten". Eine etwas andere Welt ist möglich, wenn wir aufhören, diese Möglichkeit zu leugnen. Manche sogenannte Utopien können machbar sein. Diese Art von Appell zieht sich auch durch die am Samstag eröffneten Grazer Kunstschauen. Besonders durch die steirische-herbst-Ausstellung "Zweite Welt" in der Galerie Zimmermann Kratochwill.

Kritik an Machtpolitik und Klerus

Das kroatische Kuratorenkollektiv "What, How and for Whom" inszeniert eine künstlerische Befragung, was machtpolitische Willkür mit uns tut; vom Kalten Krieg bis zum heutigen überwachungsstaatlichen Freiheitsentzug.

Der wachsenden Bedeutung von Religion und Kleruskritik als Thema der zeitgenössischen Kunst spürt die Schau "Irrealigious" nach - in den Grazer Minoriten-Galerien.

Irritierende Installation

Auch im Festivaldistrikt selbst wird laufend Programm geboten. Das Festivalhotel Mariahilf hatte bisher, nach altem Hotelbrauch, kein Zimmer 113. Der Steirische Herbst hat eines installiert, und seit Samstag spukt es darin.

Man darf nur allein hinein und muss Kopfhörer aufsetzen. Und dann kommt jemand zur Tür herein. Aber nicht wirklich, es hört sich nur absolut täuschend echt so an. Die raffinierte Soundinstallation von Hans Rosenström ist eine unheimliche, irritierende Begegnung damit, wie suggestiv Klang ohne Bilder wirken kann.

Service

Einen Schwerpunkt zu steirischen herbst setzt diese Woche das Kulturjournal von Dienstag, 27. bis Donnerstag, 29. September 2011 kommt es live aus Graz.

steirischer herbst