Algerischer Autor Boualem Sansal

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal bekommt heuer den Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen. Der mit 25.000 Euro dotierte internationale Preis wird jedes Jahr am Vorabend der Frankfurter Buchmesse verliehen. Boualem Sansal ist ein kritischer Beobachter seines Heimatlandes und sieht den sogenannten "Arabischen Frühling" mit eher skeptischen Augen.

Kultur aktuell, 03.10.2011

Boualem Sansal ist ein freundlicher, feingliedriger Mann mit langen, im Nacken zusammengebundenen, silbernen Haaren. Der 1949 in einem Bergdorf im einer von Berbern bewohnten Region Nordwest-Algeriens Geborene hat sich erst mit 50 dem Schreiben zugewandt. Davor war der studierte Ingenieur mit einem Wirtschaftsdoktorat ein hoher Beamter im algerischen Industrieministerium.

2003 wird er gefeuert, weil er sich in einem Buch kritisch mit der algerischen Arabisierungspolitik auseinandergesetzt hat. Für seinen ersten Roman "Der Schwur der Barbaren", der sich mit den Schrecken des algerischen Bürgerkriegs auseinandersetzt, bekommt er gleich zwei renommierte Preise in Frankreich, dann publiziert er im Rhythmus von zwei Jahren neue Werke.

Warnung vor Islamisten und Militär

Sein Ziel sei es, möglichst genau zu informieren, was in seinem Land los ist, sagt Boualem Sansal. Er habe große Angst vor dem Islamismus. Man müsse wirklich dagegen mobilisieren. Dabei unterscheidet er zwischen dem gelebten Islamismus von gläubigen Moslems und dem instrumentalisierten der Mächtigen, sprich des Militärs. Der zielt ab, die Leute zu kontrollieren, die Demokraten dazu zu bringen, auszuwandern, und an das Ausland die Message abzugeben: Wenn ihr uns nicht unterstützt, dann kommen die Islamisten an die Macht und ihr werdet alles verlieren.

Das, so meint Boualem Sansal, sei auch der Grund, warum er den sogenannten "Arabischen Frühling" nur für eine Revolte, nicht für eine Revolution hält: In Ländern wie Ägypten oder Syrien sei das Militär viel zu stark, um wirklich den demokratischen Kräften Platz zu machen, Libyen wiederum sei nie ein geeintes Land gewesen. An Algerien braucht man gar nicht zu denken.

Westen verteidigt Eigeninteressen

Die Entwicklung nach 1988 mit dem Bürgerkrieg, in Folge der Nichtanerkennung des Sieges der Islamisten bei den Wahlen 1991, mit Zehntausenden Toten - alle Familien waren betroffen. Seitdem ist das Land zerstört. Die Wirtschaft ist auf der Erdölgewinnung reduziert. Da gebe es Erdölquellen und Geier, die auf sie aufpassen, meint Boualem Sansal.

Wenn er in seinen Schriften an die westlichen Länder appelliert, die demokratischen Kräfte zu unterstützen, so vergisst Boualem Sansal nicht, dass die sich immer wieder mit den Diktatoren, aber auch den Islamisten arrangiert haben, um ihre Interessen zu verteidigen. So wurde ja auch Gaddafi noch vor wenigen Monaten mit großem Pomp in Paris empfangen.

Hoffnung für Algerien

Viele seiner Freunde haben Algerien verlasen. Boualem Sansal lebt aber nach wie vor in einem Dorf bei Algier. Obwohl er immer wieder bedroht wurde und wird. Er ist sehr vorsichtig geworden, er geht kaum aus. Seine Frau, eine Lehrerin, hat ihren Job verloren, sein Bruder, ein Handwerker, bekam eine Steuerprüfung, die ihn zwang, alles was er hatte, zu verkaufen - sein Geschäft, sein Haus, alles -, heute ist er mittellos.

Hat Boualem Sansal Angst? Natürlich, sagt er, er habe davon weiße Haare bekommen. Seine Bekanntheit schütze ihn bis zu einem gewissen Grad, doch es ist leicht, jemand umzubringen oder umbringen zu lassen, sagt er. Algerien will er aber nicht verlassen, nur dort könne er darüber informieren, was in diesem Land passiere.

Auch wenn er wenig Hoffnung hat, dass sich die Dinge eines Tages ändern werden - doch wer weiß? Der Präsident sei alt und krank, und auch in Tunesien hätte im vorigen Dezember niemand voraussehen können, dass Präsident Ben Ali einige Tage später wie ein Ganove flüchten musste.