Friedenspreis an Boualem Sansal

Einer der Höhepunkte der Frankfurter Buchmesse ist die traditionelle Verleihung des renommierten Friedenspreises des deutschen Buchhandels am letzten Tag. Ausgezeichnet wird heuer der algerische Autor und Regimekritiker Boualem Sansal. Der 62-jährige schreibt gegen den Terror und die politische Willkür in seiner Heimat an - trotz massiver Repressionen.

Mittagsjournal, 15.10.2011

"Wenn die arabische Revolution scheitert, werden der Maghreb, die Sahelzone, der Nahe und der Mittlere Osten zu einem neuen Irak", warnte Boualem Sansal vor Beginn der Buchmesse in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Das Messeforum nütze er für einen dramatischen Appell an den sogenannten Westen:

"Ich sage es ganz offen: Wir brauchen die Hilfe des Westens, politisch und wirtschaftlich. Sonst hat die Demokratiebewegung in den arabischen Ländern keine Chance. Und der Westen hat viele Mittel: den Geldhahn zudrehen oder keine Waffen mehr liefern. Wir können nur demonstrieren. Was wir aber nicht brauchen, ist ein militärisches Eingreifen. Sobald Waffen im Spiel sind, wird nur eine Diktatur die andere ersetzen. Wir brauchen einen friedlichen Übergang", sagt Boualem Sansal.

Gewalt befürchtet

Sansal ist der bekannteste zeitgenössische Schriftsteller Algeriens, der in seiner Heimat ausharrt. Und das, obwohl seine Bücher dort verboten sind, obwohl er seinen Posten als hoher Beamter verloren hat und obwohl er überwacht und immer wieder auch bedroht wird. Dem gesellschaftlichen Umbruch zum Erfolg zu verhelfen, sagt er, das sei unser aller Aufgabe:

"Ich bin überzeugt, dass es in den nächsten Monaten auch in Algerien losgehen wird", meint Boualem Sansal und er ist pessimistisch: "Wir haben das ja schon einmal erlebt, 1988, als die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen worden ist. Die Islamisten oder die Armee - es ist nur die Frage, wer früher gewalttätig wird. Und sie werden ihre Gewalt gegen die Christen richten, gegen die Frauen, und sie werden die Intelektuellen in die Flucht treiben. Sie werden alles tun, um einen Demokratisierungsprozess zu verhindern, denn dann wären sie am Ende."

"Archaische" Gesellschaft

Die Gefahr sei groß, dass die Demokratiebewegung zwischen den Militärs und den Islamisten zerrieben werde, zwischen den beiden zentralen politischen Akteuren. Eine Veränderung könne nur von innen erfolgen. Dazu müssten auch die autoritär-archaischen Strukturen in den Stämmen und Familien aufgebrochen werden, meint Boualem Sansal:

"Das Problem ist das Volk und wenn sich wirklich etwas ändern soll, müssen die Mentalitäten verändert werden. Wir haben eine archaische Gesellschaft", sagt er, "konservativ und religiös. Unterdrückung ist an der Tagesordnung: Der Vater unterdrückt die Mutter, der Bruder die Schwester, das ist stärker als der Druck der Armee oder der Islamisten."

Und der internationale Kampf gegen den Islamismus könne nur gemeinsam gewonnen werden, meint Boualem Sansal: "Wir müssen zusammenarbeiten", sagt er an die Adresse des Westens gerichtet. "Vor 20 Jahren haben wir den Islamismus bekämpft, jetzt ist er auch in Europa. Die Islamisten sind stärker als wir, sie sind international gut organisiert, sie haben eine faschistische Mentalität und kümmern sich nicht um Gesetze. Und mit der illegalen Auswanderung kommt alles mit - auch die Banditen und Verbrecher. Wir haben alle dieselben Probleme."

Der Friedenspreis komme für ihn genau zum richtigen Zeitpunkt, sagte Boualem Sansal. Er ist ein Signal, das bedeutet, der Westen denkt an uns. Am Sonntag, 16. Oktober 2011 um 11:00 Uhr wird ihm die Auszeichnung in der Frankfurter Paulskirche überreicht werden.

Textfassung: Ruth Halle

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Merlin Verlag - Boualem Sansal
Frankfurter Buchmesse