Gegen die Zensur anschreiben

Natürlich gibt es keine Zensur im Iran! In der Verfassung steht ausdrücklich - und zwar in den Grundsätzen 23 und 24 -, dass Meinungsfreiheit in Publikation und Presse gewährleistet ist, und dass niemand aufgrund seiner Überzeugung angegriffen und bestraft werden darf. Die Realität ist anders.

Die Verfassung lässt ein Schlupfloch. Der Grundsatz 24, in dem es so forsch heißt, dass "Meinungsfreiheit in Publikation und Presse gewährleistet ist", hat einen kleinen Zusatz, einen Satz, der mit den Worten "es sei denn" beginnt. Diese drei kleinen Worte und ihr Gefolge - "es sei denn, die Grundlagen des Islam und die Rechte der Öffentlichkeit werden beeinträchtigt" - haben unzählige Menschen ins Unglück gestürzt, ins Gefängnis gebracht, Mord und Totschlag verursacht, Verlagshäuser in den wirtschaftlichen Ruin und Autoren, Journalisten und Künstler aller Sparten ins Exil getrieben.

Aber selbst da sind sie nicht vor Übergriffen sicher, wie das Beispiel des iranischen Künstler und Filmemachers Daryush Shokof zeigt: Vom 24. Mai 2010 bis zum 5. Juni war er spurlos verschwunden. Laut seiner Aussage haben ihn arabisch sprechende Männer entführt und wegen seiner Iran-kritischen Haltung mit dem Tod bedroht.

Jedes Werk wird geprüft

Zensur wird sehr wohl ausgeübt, nur darf man sie nicht "Zensur" nennen. Denn die Verleger selbst haben dem Ershad, dem Ministerium für Kultur und islamische Führung, drei Exemplare des jeweiligen Druckwerks vorzulegen, auf dass sie eine Auslieferungsgenehmigung erhalten, das Werk also verkaufen dürfen. Die Prüfung des Werkes erfolgt durch akribische Beamte, die das Recht haben, das jeweilige Werk in eine Islam-kompatible Form zu bringen, sprich: zu kürzen, zu streichen, auszubessern, umzuschreiben.

Beanstandet wird alles, was als Kritik am Islam und am herrschenden Regime verstanden werden könnte. Jegliche Andeutungen von Körperlichkeit und Sex, sogar die Erwähnung von Körperteilen fällt darunter. Sowie alles, was mit Alkohol zu tun haben könnte, und alles, woraus man eine tanzende Bewegung herauslesen könnte.

Die Tricks der Autoren

Verständlich, dass die Kreativen ihre ganze Kraft darein setzen, die Zensoren auszutricksen. Wie das funktioniert, demonstriert Shariar Mandanipur in seinem Roman "Eine iranische Liebesgeschichte zensieren", den er 2008 in den USA veröffentlichte, und der im Iran nicht gedruckt werden durfte. Der Erzähler, ein Autor um die Fünfzig, hat genug davon, seine Figuren, die er mit viel Liebe erfunden hat, am Ende der Geschichte sterben zu lassen.

Er möchte sich den erfreulichen Dingen des Lebens zuwenden, der Liebe. Und er möchte seinen Roman so schreiben, dass der Zensor, den er kennt, nichts zu beanstanden findet. Er selbst streicht alles durch, was gestrichen werden könnte. Und so findet der Leser fettgedruckte Zeilen - den Romantext - Durchgestrichenes und normal gesetzten Text, letzteres gibt die Gedanken und Überlegungen des Erzähler-Autors wieder.

Metaphern der alten Dichter

Bemerkenswert sind jene Passagen, in denen Shariar Mandanipur über die Jahrtausende alte Praxis der Zensur nachdenkt, und über die Metaphern, die sich die alten Dichter ausgedacht haben, um Deftiges zu umschreiben. "Blumenpflanzen" etwa, oder "das Nippen von mit Honig gesüßter Milch". Da natürlich auch der Zensor seine Klassiker kennt, wird das Finden neuer verständlicher Codes immer schwieriger - und die Sprache der iranischen Literatur immer blumiger.

Die Liste der verbotenen Bücher und Autoren ist lang, illustre Namen sind darauf zu finden, Mahmud Doulatabadi zum Beispiel, oder Sadeq Heydayat, den man in Europa als "iranischen Kafka" nennt. Am liebsten würden die Behörden auch das Werk des von Goethe so verehrten Hafis verbieten, denn sein Thema waren der Wein und die Frauen. Aber Hafis ist ein Klassiker, seine Werke stehen in nahezu jedem Haushalt neben dem Koran.

Amir Hassan Cheheltan

Einer der massiv von den Behörden unter Druck gesetzt wird, ist Amir Hassan Cheheltan, geboren 1956, begann in den siebziger Jahren zu schreiben. Schon sein erster Roman wurde von den Behörden verboten, schon 1998 fand sich sein Name auf der Liste der verfemten Schriftsteller: Die Machthaber haben wenig Freude mit ihm und seinen knallharten Analysen, die den Hintergrund zu seinen Geschichten bilden.

So kam es, dass der unermüdlich Schreibende "für die Schublade" produziert. Dass sein Roman "Teheran Revolutionsstraße" jemals an die Öffentlichkeit gelangen könnte, konnte er sich nicht vorstellen. Doch wurde ein deutscher Verlag auf ihn aufmerksam und so erschien der Roman zuallererst in deutscher Sprache.

Hassbeziehung USA-Iran

Den Wurzeln des Hasses, der zwischen den USA und dem Iran seit Jahrzehnten besteht, geht der Autor in seinem Roman "Amerikaner töten in Teheran" nach. Und er zeichnet das Leben zweier Menschen nach, die sich dem Kampf gegen die Ungerechtigkeit verschrieben haben: Resâ und seiner Zwillingsschwester Minâ.

Während Minâ während eines Attentats getötet wird, wird ihr Bruder ins Gefängnis der Mullahs gesteckt und nach Jahren als "korrigiert" entlassen. Er will nichts mehr von Aufruhr wissen, kümmert sich um seine an Alzheimer erkrankte Mutter, bis eines Tages wieder die Polizei vor seiner Tür steht.

Im Teufelskreis der Wiederholung

Die "nicht vorhandene Zensur" und die damit verbundene Überzeugung, dass es rechtens ist, den Menschen Unliebsames vorzuenthalten, haben eine fatale Konsequenz: Der Iran ist "im Teufelskreis der Wiederholung" gefangen - so formulierte es Shahriar Mandanipur in der "NZZ": Da Geschichte immer wieder umgeschrieben wird, und da es der älteren Generation nicht gestattet wird, ihre Erfahrungen an die Jüngeren weiterzugeben, gibt es keine Möglichkeit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, und eine bessere Zukunft zu imaginieren. Denn Bücher, in denen über andere Möglichkeiten des Miteinander nachgedacht wird, sind im Iran selbstverständlich verboten.

Service

Shariar Mandaniput, "Eine iranische Liebesgeschichte zensieren", Unionsverlag

Sadeq Heydayat, "Die blinde Eule", Eichborn

Hafis, "Die Liebe erleuchtet den Himmel", Benzinger

Amir Hassan Cheheltan, "Amerikaner töten in Teheran", C.H.Beck

Amir Hassan Cheheltan, "Teheran Revolutionsstraße", P.Kirchheim

Amir Hassan Cheheltan
FAZ - Wir haben den Feind in die Krise gebetet
NZZ - Im Teufelskreis der Wiederholung
Freedom House - Internet-Freiheit im Iran (PDF)
Telepolis - Zensur im Iran