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Kultur

Theater Spielraum

Theater im Abseits - Teil 10

Das Ö1 "Kulturjournal" berichtet in loser Folge über die kleinen Theater des Landes. Das Theater Spielraum im 7. Wiener Gemeindebezirk ist ein ganz besonders interessantes und engagiertes Theater. Das aktuelle Stück "Medea" ist dort bist 3. Dezember 2011 zu sehen.

Kulturjournal, 02.11.2011

Katharina Menhofer

Samstagabend, Kaiserstrasse 46. Der kleine Raum ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Rund 30 Menschen, unterschiedlichen Alters haben sich zum sogenannten Einführungsabend eingefunden, der ihnen geballte Information zur kommenden Medea-Premiere liefern soll. Diese Einführungsabende sind im Theater Spielraum mittlerweile Tradition geworden. Eine Mischung aus Theaterwissenschaftsvorlesung und Märchenstunde, gespickt mit Film- und Toneinspielungen.

Theaterleiter Gerhard Werdeker hält den Vortrag höchstpersönlich, der Vortrag ist spannend, anspruchsvoll und launig zugleich. Danach trifft man sich im gelbgestrichenen Foyer des Theaters, genießt das Buffet, trinkt an der Bar oder plaudert an kleinen gemütlichen Tischen.

Aufwendig gestaltete Programmhefte

So einen Einführungsabend leisten sich gemeinhin nur große Theater- oder Opernhäuser. Und auch ein 40-seitiges Programmheft, gefüllt mit historischen, wissenschaftlichen und literarischen Texten zum Medea-Thema, ist für ein kleines Theater höchst ungewöhnlich. Für das Theater Spielraum ist es selbstverständlich, die Unterscheidung zwischen großem und kleinen Theater macht man hier nicht - der Anspruch an sich selbst ist der höchste, sagt Regisseurin Nicole Metzger, die gemeinsam mit Gerhard Werdeker das Theater betreibt.

Was man für richtig hält, kann man unter anderem auf der Homepage nachlesen. Da steht: "Wir liefern Stoff für kritische Geister. Unser Theaterkonzept richtet sich an Hirne und Herzen eines Publikums, das sich lustvoll auch für sperrige Themen und Texte begeistern lässt und zuhören kann und will."

Gesellschaftspolitischer Anspruch

Zu hören und zu sehen bekommt das Publikum hier literarische Stücke mit gesellschaftspolitischem Anspruch. Ein Schwerpunkt liegt auf der Literatur der 1930er Jahre. Es gibt thematische Zyklen, wie jenen zur klassischen Antike, zu Shakespeare und zum jüdischen Theater, literarische Begleitprogramme und Romandramatisierungen wie "Berlin Alexanderplatz".

Das seien große Brocken, die sonst kein Theater in dieser Konsequenz macht, so Metzger Der Erfolg sei erstaunlich, denn an den Medien liege es nicht. Es müsse wahnsinnig viel über Mundpropaganda laufen.

Dafür spricht auch die durchschnittliche Auslastung des Theaters von rund 85 Prozent. Neben dem Stammpublikum hat man auch einen fixen Pool an Schauspielern, auf den man immer wieder zurückgreift.

Yvonne Laussermayer ist eine von ihnen. Man biete kleines Theater auf hohem Niveau, so Laussermayer.

Für die Schauspielerin Dana Proetsch ist die Medea die dritte Produktion am Theater Spielraum. Sie schätzt neben der familiären Atmosphäre "die Liebe zum Detail" und man mit Menschen und Charakteren umgehe.

Gerhard Werdekers Lebenswerk

Das Theater Spielraum ist das Lebenswerk von Gerhard Werdeker. In den frühen 1980er Jahren, jener Zeit, als Hans Gratzer das Schauspielhaus gegründet und Wiesner und Illich mit der Gruppe 80 in die Gumpendorferstrasse zogen, hat er beschlossen, sein eigenes Theater zu gründen.

Mit kaum 25 Jahren konnte Gerhard Werdeker in einem Keller im 15. Bezirk das erste Theater Spielraum eröffnen. Das Theater zeigt ein ambitioniertes Programm mit Werken von Turrini, Fassbinder, Strindberg, Frisch, Canetti und Soyfer und 1985 eine vielbeachtete "Leonce und Lena"-Inszenierung als "Antwort auf Hainburg". Man erhält etliche Preise und irgendwann den Anruf vom Kulturamt Wien, ob man etwas gegen eine Förderung einzuwenden hätte.

Später werden die Zeiten dann weniger rosig - Ende der 1980er zerschlägt sich das Ensemble, man zieht in den 3. Bezirk und wagt zehn Jahre später den dritten Neuanfang.

Standort ist das alte Erika-Kino in der Kaiserstrasse 46. Damit rettet man die Räumlichkeiten des ältesten Kinos der Welt davor, ein Supermarkt zu werden und hat den idealen Ort gefunden, sagt Werdeker.

Das Frühbiedermeierhaus bietet ein Studio für 30 Personen und einen großen Saal mit bis zu 120 Sitzplätzen, der flexibel bespielt werden kann und mit klassischer Guckkastenbühne genauso funktioniert wie mit Vollarena.

120.000 Euro Standortförderung

Von den 120.000 Euro Standortförderung gehen zwei Drittel für das Haus ohne Personalkosten drauf. Von den drei bis vier Eigenproduktionen im Jahr, muss die jeweils vorherige Produktion die Kosten der nächsten tragen. Einen Flop kann man sich nicht leisten. Den Rest des Jahres wird das barrierefreie Theater vermietet, etwa an die Jeunesse.

Hier geht es darum, mit den geringsten Mitteln den höchsten Ansprüchen gerecht zu werden, meinen die Theatermacher - das sei wahre Freiheit - unbezahlt zwar, aber auch unbezahlbar.

02.11.2011

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