Hörspiel von Alois Hotschnig

Ausziehen ja, anziehen auch

Drei Männer und vier Frauen, ältere Herrschaften allesamt, sitzen im Wartezimmer einer Ärztin - und warten. Manche kommen oft, manche sind zum ersten Mal hier. Die Gespräche kreisen in Endlosschleifen über Krankheiten, über das Leben, über den Tod, den Verlust.

"Ich bin eine einzige Regenzeit", sagt Frau Miller. "Es beginnt in den Knöcheln. Das Wasser steigt und steigt. Dämme gibt es nicht." Vorübergehend helfen Infusionen, Bandagen und Medikamente: "Ein Megalon, zwei Cervoflax, ein Madopor." Herr Berg hingegen ist vor allem von einer Angst getrieben: Die Ärztin, fürchtet er, könne ihm eine Jacke verschreiben.

... Die Welt besteht nur aus Warten. ...

Herr Renk verspricht ihm die Jacke noch im Wartezimmer aufzutrennen, vorausgesetzt, Frau Dr. Thaler würde Herrn Berg eine Strickjacke verordnen. Bei einer Lederjacke, sagt er, wüsste er freilich "auch nicht". Man könne allerdings versuchen, sich die Jacke im Cafe Central stehlen zu lassen. Wiewohl im Central noch niemals "etwas abhanden gekommen" ist.

Ähnlich wie in seinem preisgekrönten Hörspiel "Die kleineren Reisen" - es wurde vom Ö1-Publikum zum "Hörspiel des Jahres 2010" gewählt - beschäftigt sich der in Tirol lebende Kärntner Schriftsteller Alois Hotschnig in seinem neuen Stück auf ebenso existentielle wie liebenswürdige Weise mit dem Alter. "Das Wichtigste", sagt Herr Berg, "ist, dass man rechtzeitig stirbt. Nur wann ist rechtzeitig? Man will ja nie."